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National

Zum Teufel mit der Tradition!

Autor: norman.marks Veröffentlicht: 21. Mai 2014
Quelle: imago

RB Leipzig hat keine Tradition. So wird es dem Brauseklub immer wieder von Seiten gegnerischer Fanlager vorgeworfen. Bezogen auf das Gründungsdatum ist das auch nicht von der Hand zu weisen. Doch wie sähe die Sache in 100 Jahren aus, wenn sich der Traditionskübel bis oben hin mit Titeln, Helden und Geschichten gefüllt hat?

Als die von Dietmar Hopp finanziell massiv geförderte TSG 1899 Hoffenheim 2008 ins deutsche Fußball-Oberhaus einzog, wurden die gleichen Vorwürfe laut. Hier konnten allerdings Indizien wie die vierstellige Jahreszahl im Vereinsnamen entgegengebracht werden. Es drängt sich die Frage auf, wieso gerade Tradition ein solches Schlagwort der Kritiker ist und warum es immer wieder in Verbindung mit Finanzstärke auftaucht. Dabei schließt sich beides nicht aus, wie auch das Beispiel FC Bayern zeigt.

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Vorwürfe der Traditionsarmut werden in der Regel mit dem Hinweis auf Erfolg verteidigt. Tradition, so RB Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick, sei nun mal kein Qualitätsmerkmal. Und da hat der Mann absolut recht, zumindest bezogen auf den sportlichen Bereich. Fußball ist aber mehr als nur Sport. Auf emotionaler Ebene gibt Tradition Halt, sorgt für klare Verhältnisse, lässt sogar Leitbilder formulieren. Sie bezeichnet das Fortführen von Überzeugungen und Handlungsmustern. Dabei ist aber noch kein Wort über den Inhalt des fortzuführenden Erbes gesagt. Und hier liegt das Problem: Wenn Red Bull mit seiner Idee eines kommerzialisierten Vereinslebens durchkommt, wird dieses Modell, nach Logik der Traditionalisten, auf Dauer mit dem Argument der Kontinuität zu rechtfertigen sein. Auch für Nachahmer. Die Zeit heilt dann gewissermaßen alle Wunden.

Wirklich auf dem Spiel steht also der Ausschluss von Fans aus Vereinsbelangen. In anderen Länden mag es normal sein, dass Stadionbesucher nur als Statisten gelten, in puncto Eintrittspreise, Spielort, ja sogar Vereinswappen oder –farben den Launen seiner „Macher“ ausgeliefert sind. Es ist sicher diskussionswürdig, inwieweit das passive Vereinsmitglied in Deutschland tatsächlich Einfluss auf das Geschehen seines Klubs nehmen kann. Doch selbst wenn einer Vereinsführung rein wirtschaftliches Denken unterstellt würde, müssten die Wünsche des partizipationswilligen Kunden berücksichtigt werden. Eine konstruierte Abhängigkeit, die von den Gesetzen des Marktes gekittet wird und dem Fan klar in die Karten spielt. Red Bull hat dieses lästige Moment eliminiert, indem es die Mitgliederaufnahme mit hohen Geldsummen reglementierte und somit nur konzerntreue Stimmberechtigte vorweist. Erwünschte Fangruppen werden zwar bereitwillig unterstützt, doch ist man jederzeit dazu in der Lage, per Mitgliederentscheid alles dicht zu machen, ohne Rücksicht auf Verluste. Wer den DJ zahlt, bestimmt die Musik, wird Mäzen Dieter Mateschitz zitiert. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht völlig richtig. Nur wird dabei ausgeblendet, dass die Vereinsstruktur dem deutschen Fußball eben deshalb so gut steht, weil sie Ratio und Emotion, Kommerzialität und Herzensangelegenheit des Geschäfts miteinander verbindet.

Lasst die Leute mitmachen!

Vereine und Vereinsleben haben in Deutschland eine unvergleichliche historische Bedeutung, die bis in Kaisers Zeiten reicht. Der deutsche Profifußball braucht partizipationsfreudige Anhänger und die entsprechenden Strukturen. Er braucht die Tradition der Mitbestimmung. Er braucht Mitgliederversammlungen, auf denen nach Antrag auf Ausschluss der Presse wild und emotional gestritten wird. Initiativen wie Schalke.V.ereint zeigen, dass das Interesse an demokratischen Strukturen nach wie vor groß ist. Genau das ist es, worum uns Fans anderer europäischer Ligen beneiden. Und genau das steht hier auf dem Spiel. Die Nutzung eines Profiklubs als Werbefläche ist Ligaalltag, konsumiert bis zum Umfallen wird auch überall. Und es steht außer Frage, dass dem Standort Leipzig ein finanzstarker Verein wie RB gut tut. Aber bitte nach den Spielregeln! Lasst die Leute mitmachen!