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Hintergründe

Wir müssen draußen bleiben: „Ein Hilfeschrei der Verantwortlichen“

Autor: Moritz Gutscher Veröffentlicht: 24. April 2015
Quelle: imago/fanzeit

Reiterstaffeln bei Risikospielen, Hundertschaften im Block. Kein Stadion ohne Polizeipräsenz, kein Bahnhof und kein Treffpunkt in der Stadt. Und auch wenn nach Vorkommnissen ein Stadionverbot im Raum steht, spielt die Exekutive eine entscheidende Rolle. Im Rahmen unserer Reihe über Stadionverbote sprachen wir mit Ulrich Grzella, Polizeidirektor und Einsatzleiter der Polizei Bochum über den Einfluss der Beamten, über die Kategorisierung von Fans und über Sinn und Unsinn von Stadionverboten.

Dabei ist es nicht die Polizei, die ein Stadionverbot anordnet. Beobachtet sie einen Zwischenfall, gibt es eine ganze Reihe von möglichen Maßnahmen.

Zunächst einmal findet eine Identitätsfeststellung statt, das heißt die Personalien werden aufgenommen. Dabei wird auch geprüft, ob zum Beispiel ein Haftbefehl vorliegt. Wenn eine Straftat im Raum steht, ist die Polizei zudem dazu verpflichtet, eine Anzeige zu erstatten. Sonst macht sich der Beamte selbst strafbar. Bei einer „Prüfung von möglichen Haftgründen“ muss der Betroffene einem Richter vorgeführt werden. Diese Maßnahme ist bei Fußballspielen unüblich, aber auch das ist schon vorgekommen.

Befürchten die Beamten Unruhen oder Ausschreitungen, können sie Fans aber auch in Gewahrsam nehmen, damit sie ihr „Mütchen kühlen“, wie Grzella sagt. Sie verpassen dann das Spiel und können gehen, wenn keine Gefahr mehr droht. Sofern ein Richter nicht anderer Auffassung ist.

„Unser Ziel ist immer die Gewährleistung eines störungsfreien Verlaufs einer Fußballveranstaltung“, so der Einsatzleiter. „Wir wären froh, wenn wir nicht da sein müssten, eigentlich haben wir da nicht viel zu suchen. Aber Ausschreitungen beim Fußball sind kein Phänomen der Neuzeit. Und um dies einzudämmen, müssen wir Maßnahmen treffen.“Dazu können mitunter präventivpolizeiliche Maßnahmen gehören. So wird einzelnen Fans zum Beispiel ein Platzverbot erteilt, ein bestimmter Anreiseweg untersagt. Oft hilft schon die Personalienfeststellung. „Damit machen wir klar: Wir wissen jetzt, wer du bist, lass den Scheiß sein.“

„Es findet eine Einzelüberprüfung statt“

Ein Stadionverbot kann die Polizei nicht erteilen, allerdings eine entsprechende Empfehlung aussprechen. Die nimmt der Sicherheitsbeauftragte des Klubs dann zur Kenntnis. „Für den Standort Bochum machen wir das ganz klar nach dem Prinzip ‚Qualität vor Quantität‘. Es geht nicht darum, wahllos junge Fußballanhänger vom Spielbetrieb fernzuhalten.“ Eine gewisse Erheblichkeit soll es geben, man will sich keine Willkür vorwerfen lassen.

Wie auch andere Klubs hat der VfL Bochum mit Unterstützung der Polizei ein Verfahren eingeführt, das eine Stadionverbotskommission ermöglicht. In dieser Kommission bringt der Sicherheitsbeauftragte den Einzelfall ein. Der Betroffene hat dann die Möglichkeit, sich dort zu rechtfertigen. Anschließend wird demokratisch abgestimmt, ohne Mehrheit gibt es auch kein Verbot. Dieser Umgang erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass der SVler seine Strafe als gerechtfertigt empfindet. „Wenn man Scheiße gebaut hat, muss man damit rechnen, einen mitzukriegen. Ich denke, unser Verfahren bietet genug Möglichkeiten festzustellen, ob da was war und was da war. Es findet eine Einzelüberprüfung statt.“ In Bochum ist man sich sicher: Wenn das Verfahren jedem bekannt wäre, würde man auch anders über die Polizei und Verbote urteilen.

„Ich persönlich bin ohnehin der Meinung: Stadionverbote sind ein Instrument und nicht besonders einfallsreich. Sie werden kritisch gesehen, weil sie auch immer mit Ausgrenzung zu tun haben. Sie sind aber auch ein Hilfeschrei der Beteiligten, auch der Vereine. Denn die müssen zahlen, wenn etwas schief läuft.“ Auch wenn der Ordnungshüter dieses Instrument nicht missen möchte, so ist klar, dass man damit nicht die Ursachen bekämpfen kann. „Wir in Bochum appellieren daran, die Dauer des Verbots übersichtlich zu gestalten.“ Auch Bewährungsmodelle kommen aus Sicht der Bochumer Polizei in Frage. Offiziell ist ein Stadionverbot eine Präventivmaßnahme, dies bildet die Rechtsgrundlage. Doch diese Wirkung ist umstritten.

In Bochum traf es die Rädelsführer

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Nicht selten folgt auf ein Stadionverbot das nächste. „Das ist aber nicht die Mehrheit. Es kann auch heilsam sein, mal nicht ins Stadion zu dürfen.“ Vielen tut so ein Verbot weh, denn die Betroffenen verlieren zumindest für einige Zeit einen Teil ihres Lebensinhalts. Der Polizeidirektor erinnert sich: „Es gab Zeiten, da war es vielen komplett egal, weil sie gar nicht am Sport interessiert waren. Im Moment aber denke ich, dass auch Angehörige sogenannter Problemgruppen durchaus Interesse an sportlichen Ergebnissen haben. Aber natürlich gibt es auch diejenigen, die in 90 Minuten nicht mit einem Auge auf das Spielfeld gucken. Die halten sich am Bierbecher fest.“

In Bochum gibt es derzeit ca. 25 Anhänger mit bundesweitem Stadionverbot. Darunter sind „Rädelsführer“, bekannte und mehrfach auffällig gewordene Gewalttäter. Denn Stadionverbote treffen oft Menschen, die vorher bereits straffällig geworden sind. Grzella: „Da gibt es große Überschneidungen.“

Den Vorwurf, man rotte die Bochumer Ostkurve aus, lässt sich der Beamte nicht gefallen, dazu sei die Zahl zu gering: „Die, die in Bochum Stadionverbot haben, haben sich das in mehrfacher Hinsicht redlich verdient.“ Und man weiß um den Wert der Ostkurve, den Wert einer aktiven Szene. „Ultra zu sein ist eine Lebensphilosophie. Sie zeigen große Liebe zum Verein und wir wollen alles dafür tun, das zu unterstützen, sofern es rechtlich möglich ist“, beteuert der Einsatzleiter. Auch wenn es Grenzgänger gebe, soll der Einzelfall entscheiden und nicht die Gruppenzugehörigkeit.

„Für 25 Euro am Tag bist du kein Held“

„Das Thema wird auch dadurch erschwert, dass jeder mitredet und eine Meinung hat. Und jeder hat eine einfache Lösung. Doch die gibt es nicht.“In Nordrhein-Westfalen sieht man sich dennoch in einem guten Weg, auch dank eines Netzes aus Fanprojekten, Sozialarbeitern und anderen Initiativen und Partnerschaften. Das Stadionverbot sei lediglich ein krampfhafter Versuch in Ermangelung anderer Möglichkeiten. Und es wirft zusätzliche Probleme auf: Die 100-prozentige Sicherheit, dass diejenigen nicht trotzdem ins Stadion gehen, gibt es nicht. Stadionverbotler, die reisen, werden von der Polizei und den szenekundigen Beamten im Auge behalten. Sie bleiben zumeist in ihrer Gruppe. „Das unterstützen wir – bis zum Stadiontor. Danach kann es Probleme geben, wenn sie zum Beispiel die falsche Gaststätte aufsuchen.“ Die Ausgrenzung bringt also neue Probleme mit sich.

Für kuriose Regelungen wie in Bochum, als viele Kneipen sich im Vorfeld weigerten, Personen mit Stadionverbot zu bewirten, zeigt der erfahrene Polizist Verständnis. Damit machten sie aufmerksam auf ein wichtiges Problemfeld des bundesweiten Stadionverbots: die Anreise. „Es gab einige Male erhebliche Probleme in der Stadt mit Leuten aus anderen Standorten, die Gaststätten besucht haben. Wirte aus dem Bermuda-Dreieck (Bochumer Kneipenmeile, d. Red.) haben negative Erfahrungen gemacht. Es kam eine Anfrage von der Stadt. Ich habe dafür Verständnis.“

Oft geraten Beamte in den Verdacht, Aufgaben von Ordnern zu übernehmen und dabei ihre Kompetenzen zu überschreiten. Ob die Polizei sich zu sehr einmischt? Der Beamte widerspricht vehement: „Wir übernehmen keine Tätigkeiten aus dem privaten Bereich und ein Fußballspiel ist eine Privatveranstaltung.“ Der Verein stellt einen Ordnungsdienst, bezahlt ihn und trägt damit auch eine gewisse Verantwortung. „Ordnungsdienste sind besser geworden, aber nicht immer wie man es sich wünscht. Aber das gibt es auch nicht umsonst. Wir erwarten da teilweise zu viel. Für 25 Euro am Tag bist du kein Held.“

Mehr Kommunikation, weniger Polizisten

Die Präsenz der Polizei im Stadion habe rein praktische Gründe. Wenn etwas passiert, könne man schnell reagieren. Ob anwesende Beamte auch abschreckend wirken? Darüber gibt es verschiedene Ansichten. Bei der Planung der Arena auf Schalke haben sich die Verantwortlichen, darunter auch Grzella, für eine unauffällige Lösung mit passenden Bereitschaftsräumen in der Architektur entschieden. So sieht man die Polizei im Regelfall nur, wenn sie im Einsatz ist.

Außerhalb des Stadions ist das etwas anderes. Dort hat der Staat das Gewaltmonopol. „Wir würden uns darüber freuen, wenn unsere Präsenz nicht in dem Maße erforderlich wäre, wie es in den letzten Jahren vielleicht wahrgenommen wurde.“ Der Trend geht ohnehin zu weniger Polizeipräsenz, wie auch das letzte erfolgreiche Pilotprojekt in NRW unterstreicht. Man kommuniziert viel mit Verantwortlichen des Vereins im Vorfeld, es gibt ein Sicherheitskonzept und ein ritualisiertes Kurvengespräch. Mit der Bereitschaftspolizei sei man in Bochum „weiter als anderswo“, und stellt zum Beispiel in Fortbildungsveranstaltungen die Aufgabenbereiche von Fanbeauftragten oder anderen Partnern vor. Auf dem Weg ins Stadion können auch Maßnahmen wie ein Bereichbetretungsverbot gewählt werden. So lotst die Polizei Einzelpersonen um bestimmte Gebiete herum zum Spiel, ohne ein Stadionverbot in Betracht ziehen zu müssen.

Einträge in die höchst umstrittene Kartei sind ein Hinweis. Ähnlich wie die grobe Einteilung der Fans in Kategorie A, B oder C liefern sie beileibe keinen Festnahmegrund. „Es ist für uns aber hilfreich, um die Dimensionen bezüglich ‚Problempersonen‘ zu erkennen.“ Zum Beispiel bei Besprechungen im Vorfeld eines Spiels. Sie bleiben aber nicht mehr als ein Indiz. „Bei Stadionverboten interessiert uns eher die Vita.“ Der Begriff Gewalttäter Sport ist ohnehin irreführend, denn er suggeriert, dass eine Straftat stattgefunden haben muss. „Dem ist aber nicht so. Auch präventivpolizeiliche Maßnahmen können zu Einträgen führen.“ Sie kann und darf daher nicht mehr sein als ein Hinweis.