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National

Wie Mainz und seine Ultras sich entzweien

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 11. April 2014
Quelle: By Mainzerize via Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Die Mainzer Sangesfreude ist sprichwörtlich – doch seit Wochen ist die Stimmung getrübt, hat es dem Stimmungskern inzwischen gar die Sprache verschlagen. Der Verein liegt im Clinch mit seinen Ultras, weshalb der Bundesligist sogar das Podest des Vorsängers abmontieren ließ. Über die genauen Hintergründe schweigen sich beide aus, was Spekulationen natürlich nur befeuert. Es geht um einen verletzten Polizisten, ein Spruchband und wohl auch einen kleinen Richtungsstreit in der vermeintlich so beschaulichen Landeshauptstadt.

Man neigt ja zu vergessen. Daher zur Erinnerung: Der FSV Mainz 05 ist vor gar nicht allzu langer Zeit als irgendwie anderer Verein im Oberhaus angetreten – und das spielt bei der gesamten Geschichte eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Obwohl sportlich in der Beletage etabliert, legt der Klub nach wie vor großen Wert auf seine Fankultur: „Mit seinem erfrischend bodenständigen, selbstironischen und gastfreundlichen Image hat er seinen Platz auf der deutschen Fußball-Landkarte gefunden“, sagt Mainz 05 über Mainz 05. In derselben Infobroschüre heißt es zudem, dass der besonders hohe Anteil an Frauen und Kindern zu einem über die Region Mainz hinaus bekannten sympathischen Image beigetragen habe.

Flaschenwurf auf Schalke

Die Marke des Familienvereins konterkarieren die Vorfälle vom 21. Februar dieses Jahres ziemlich jäh. Beim Mainzer Auswärtsspiel auf Schalke soll ein Beamter soll laut Polizeibericht beim Betreten eines mit Mainzer Ultras besetzten Fanbusses angegriffen und mit einer Bierflasche im Gesicht verletzt worden sein. Obwohl das Gefährt voll besetzt war, zeigen sich die Insassen bei der Aufklärung der Tat wenig kooperativ. Niemand kann oder will Einzelheiten mitbekommen haben. Ein Augenzeuge spricht gegenüber der „Allgemeinen Zeitung“ zwar davon, dass keiner die Aktion gutheiße, genauso wenig wolle aber jemand den Täter denunzieren. Nicht zuletzt, weil die Mainzer Anhänger schlechte Erfahrungen mit der Justiz gemacht hätten.

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Seither kommt das Verhältnis zwischen Ultras und Verein nicht mehr zur Ruhe. Beide Seiten liefern sich beinahe im Wochentakt neue Sticheleien. Nächste Episode: Heimspiel gegen Hertha. Als Reaktion auf den Flaschenwurf verteilt der Bundesligist Pappschilder mit der Aufschrift „Ich bin gegen Gewalt“. Teile der Ultras zerreißen die Schilder und entrollten ihrerseits ein Banner. Darauf zu lesen: „05-Fans gegen Polizeigewalt“. Manager Christian Heidel lässt durchblicken, dass die Aktion bei der Vereinsspitze für wenig Begeisterung gesorgt hat.

Zündelei in Braunschweig

Die Ultraszene Mainz sitzt auf einem trockenen Pulverfass und steckt es – im Wortsinn – beim Auswärtsspiel in Braunschweig an: Mainzer Fans zünden im Gästeblock Pyrotechnik. Nun sieht sich der Verein veranlasst, zu handeln und lässt das Podest abmontieren, auf dem üblicherweise Ultra-„Capo“ Vincent Braun steht, um den Support der Ultras zu dirigieren. Heidel rechtfertigt das in der Allgemeinen Zeitung, dass er ein Problem damit habe, „jemandem ein Podest zur Verfügung zu stellen, der in Braunschweig dabeigestanden hat und es überragend schön fand, dass der ganze Block gebrannt hat.“ Ultras und Verein steuern auf Konfrontationskurs. Auch der Verein reagiert mit bisweilen absurden Methoden. So maßregelt der Stadionsprecher über die Anlage den eigenen Anhang, weil der überaus handelsübliche Schmähgesänge  („Scheiß SGE“) gegen Eintracht Frankfurt angestimmt.

Ultras und Verein schweigen im Chor

Und die Ultras? Schweigen sich aus. Nach einem internen Treffen soll es zunächst eine Stellungnahme geben. Die beinhaltet letztlich aber nur, dass es keine Stellungnahme geben wird. „In letzter Zeit kam es immer wieder vermehrt zu Presseanfragen an unsere Gruppe. Inhalt war die aktuelle Diskussion rund um unsere Gruppe und unser Verhältnis zur Vereinsführung. Hiermit möchten wir klarstellen, dass wir unsere Angelegenheiten und auch Differenzen ausschließlich auf direktem Weg klären. Deshalb kommt es für uns nicht in Frage, diese Themen in der Presse öffentlich zu kommentieren“, heißt es auf der Homepage der Ultras

Auf fanzeit-Anfrage will auch der Verein die Thematik öffentlich nicht mehr diskutieren. Pressesprecher Tobias Sparwasser ließ wissen, dass „auch Mainz 05 die direkte Kommunikation mit seinen Fans und nicht den Weg über die Öffentlichkeit wählen möchte.“ Ob das nun eine verklausulierte Eiszeit oder tatsächlichen Austausch hinter den Kulissen bedeutet, wird sich erst noch zeigen. Eine Aussprache täte offenbar Not, auch wenn Heidel selbst nach dem Braunschweig-Spiel meinte: „Mir fehlt er Glaube, dass in dieser Gruppe irgendwann einmal Einsicht einkehrt.“ Wenn zwei Parteien so weit auseinander liegen, müssen aber wohl beide wieder aufeinander zugehen, um sich die Hand zu reichen.