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National

„Wie hält der DFB es tatsächlich mit dem Engagement gegen Rassismus?“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 24. Juni 2014
Quelle: imago

Nachdem der DFB beim Finale um die U19-Meisterschaft die Bande „96-Fans gegen Rassismus“ abgehängt hat und der gleichnamige Arbeitskreis des Bundesligisten den Vorfall öffentlich gemacht hat, haben sich die „96-Fans gegen Rassismus“ mit der Entschuldigung des DFB so leicht nicht abspeisen lassen.

Am heutigen Dienstag hat die Gruppe eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin weisen die Initiatoren am Beispiel anderer Brennpunkte in deutschen Stadien nicht nur auf die Gefahren hin, die ein Engagement gegen rechtsextreme und rassistische Strömungen nötig machen, sondern fragen auch ganz offensiv, wie weit es her ist mit dem gelebten Engagement des Deutschen Fußball-Bundes.

Nachfolgend die Stellungnahme des Arbeitskreises „96-Fans gegen Rassismus“ im Wortlaut:

Das Abhängen der Bande „96-Fans gegen Rassismus“ während des U19-Meisterschaftsspiels zwischen Hannover 96 und der TSG Hoffenheim nehmen wir zum Anlass, um eine möglichst breite Öffentlichkeit ausführlich darüber zu informieren, wie und in welcher Form rechtsradikale Strömungen immer mehr Fuß im Fußball fassen. Wir werden im Folgenden kurz exemplarisch zeigen, was passiert, wenn man die Augen davor verschließt, dass Rassismus leider nach wie vor Teil unserer Gesellschaft ist.

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Während der Champions-League-Partie von Borussia Dortmund in Donzek wurden Jens Volke (Fanbeauftragter des BVB) und Thilo Danielsmeyer (Mitarbeiter im Fanprojekt Dortmund) von rechtsradikalen BVB-Fans angegriffen und brutal zusammen geschlagen. Die beiden Mitarbeiter des Vereins setzen sich seit vielen Jahren für Toleranz und Demokratie und gegen Diskriminierung und Rassismus ein. Während des Spiels in Donzek fielen dem Fanbeauftragten, Jens Volke, drei Männer auf, die rechtsradikale Parolen riefen. Als er sich ein Bild von der Situation machen wollte, wurde er von den rechtsradikalen BVB-Mitgliedern attackiert. Sein Kollege Thilo Danielsmeyer wurde auf der Toilette brutal zusammengeschlagen.


In Aachen ereignen sich ebenfalls besorgniserregende Situationen. Die Fangruppierung „Aachen Ultras“, die sich viele Jahre gegen Homophobie, Rassismus und jede Form von Diskriminierung eingesetzt hatten, wurden so vehement von anderen, rechtsradikalen Aachen-Fangruppierungen bedroht und zusammengeschlagen, dass sie sich vollkommen aus dem Stadion zurück gezogen haben.
Auch bei Spielen von Hannover 96 nehmen wir rechtsradikale Tendenzen wahr. Trotz der geänderten Stadionordnung, wonach einige der rechtsradikalen Szene zuzuordnende Bekleidungsmarken verboten sind, kommt es immer wieder vor, dass es sogenannte Fans schaffen rechtsradikale, gewaltverherrlichende und rassistische Kleidung ins Stadion zu schmuggeln. Bislange gelang es – auch durch die Wachsamkeit vieler Ultra-Gruppierungen in Hannover – die Ausmaße von Rassismus innerhalb der Fanszene von Hannover 96 möglichst klein zu halten.

Die geschilderten Situationen sind keine Einzelfälle und rechtsradikale Tendenzen lassen sich in unterschiedlichen Ausprägungen und Formen in allen Fußballvereinen fest machen. Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft, und nicht erst die NSU-Morde haben gezeigt, dass rechtsradikale Tendenzen in unserer Gesellschaft leider noch stark vorhanden sind.

Daher setzt sich der Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“ für Demokratie und Toleranz und gegen jegliche Form der Diskriminierung ein. Wir setzen mit unserem Engagement ein klares Statement gegen Rechtsradikalismus und Diskriminierung. Diese Positionierung wünschen wir uns auch von Seiten anderer Fans, Vereine und eben auch vom DFB. Die Ereignisse, die sich in Fußballstadien in den letzten Wochen und Monaten zugetragen haben, sind besorgniserregend. Darum ist es umso wichtiger gemeinsam mit allen am Fußball beteiligten Akteuren zusammenzuarbeiten und Werte wie Toleranz und Vielfalt zu fördern.

Dass nun beim U19-Meisterschaftsspiel die seit 2005 installierte Bande mit dem Schriftzug „96-Fans gegen Rassismus“ durch den DFB abgehängt wurde, um ein „einheitliches Aussehen“ zu gewährleisten, ist für uns vollkommen unverständlich! Auf der Seite des DFB heißt es: „Mit der Stiftung des Julius-Hirsch-Preises fordert der DFB seine Mitgliedsverbände und Vereine, seine mehr als sechs Millionen Spieler, Trainer, Funktionäre und besonders die Jugend in seinen Reihen auf, sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen auf dem Fußballplatz, im Stadion und in der Gesellschaft zu stellen.“
Die Frage, die berechtigterweise gestellt werden muss, ist: Wie hält der DFB es tatsächlich mit dem Engagement gegen Rassismus? Innerhalb von kürzester Zeit wurden antirassistische Banner durch den DFB überhängt, und damit den verantwortlichen Fan-Initiativen vor den Kopf gestoßen. Anstatt sich über das wichtige – und richtige – gesellschaftliche Engagement der Fans zu freuen, und dieses wertzuschätzen, wurden die Stadien „neutralisiert“, um ein „einheitliches Aussehen“ zu schaffen. Genau dieses „einheitliche Aussehen“ ist es, war wir für unsere Kurve nicht wollen! Wir wollen eine bunte, durch Vielfalt geprägte Kurve, in der keine Gleichschaltung statt findet. Dafür engagieren sich der AK 96-Fans gegen Rassismus und andere aktive Fans in Hannover seit Jahren. Es werden Konzerte, antirassistische Fußballturniere und Vorträge veranstaltet. Es wird durch Schulworkshops und einen Stand im Stadion Aufklärungsarbeit betrieben. Die Bande mit der Aufschrift „96-Fans gegen Rassismus“ soll dauerhaft die wichtige Botschaft transportieren und Fans ermutigen nicht wegzuhören, wenn im Stadion rassistische und diskriminierende Äußerungen fallen.

Wir fordern vom DFB-Team, dass man sich ernsthaft mit der Frage befasst, wie künftig mit solchen Botschaften umgegangen werden soll. Aus unserer Sicht muss bei einer Vorortbegehung genauestens darauf geachtet werden, ob man Werbung überklebt, oder Banner abhängt, die eine klare Aussage gegen Rassismus und Menschenverachtung transportieren. Statt ein „einheitliches Aussehen“ zu garantieren, sollte das Engagement gegen Rassismus und damit für Toleranz im Vordergrund stehen!