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National

Wie die „Fußball-Schande“ salonfähig wird

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 24. April 2014
Quelle: imago

Köln und Düsseldorf trennen knapp 35 Kilometer Luftlinie und doch Welten. Finden zumindest die Leute, die dort herkommen. Insofern passt es, dass zwar beide Vereine ihre Bundesliga-Rückkehr mit einem Platzsturm bejubelten, dieser aber in Ausführung und Rezeption kaum unterschiedlicher hätte ausfallen können. Überschlug sich die Presselandschaft vor knapp zwei Jahren in Superlativen und apokalyptischen Szenenzeichnungen, ist nach dem Aufstieg des „FC“ plötzlich gar von einem gesitteten Platzsturm und friedlich gezündeten Bengalos die Rede. Geht sowas?

Nun wird es der Sache nicht gerecht, die beiden Spiele und ihre höchst Begleitumstände gleichzusetzen. Schließlich ist beim Relegations-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC noch weit mehr vorgefallen, als ein einigermaßen bräsiger, weil um Minuten verfrühter Platzsturm. Dennoch ist es frappierend, wie unterschiedlich dieselben Medien am Tag nach dem Kölner Aufstieg über Platzsturm, Bengalos und sogar Verhaftungen urteilen.

Immerhin hatten die Kölner vor dem Spiel noch eigens Zäune hochgezogen, um einen Platzsturm zu verhindern. Während nun Sportdirektor Jörg Schmadtke zwar der DFB-Gerichtsbarkeit keck vorausgriff und ohne falsche Bescheidenheit einfach mal festzustellen versuchte, dass dem Aufsteiger wohl keine Strafe ins Haus stehe, hatten da noch vor wenigen Tagen schlimme Worte wie „Fanausschluss“ und „Bewährungsauflagen“ Konjunktur. Die Presselandschaft jedenfalls ließ sich in Mehrheit auf Schmadtkes Version der Geschichte ein und beklatscht einen positiv besetzten Platzsturm und Fans, die friedlich mit Bengalos und Raketen feiern. Versteht es doch selbst, wenn ihr könnt…

Die Zeit

Die Zeit schreibt am Tag danach noch immer glücksbesoffen: „Ein gesitteter Platzsturm für eine bessere Welt: Die Spieler auf der Tribüne und die Fans auf dem Rasen. Nach dem Aufstieg des 1. FC Köln herrscht kurz verkehrte Fußballwelt. Warum auch nicht?“

Vielleicht deshalb! In einem Kommentar vor zwei Jahren ließ dieselbe Zeitung sich einen Autoren über die Begleitumstände des Düsseldorf-Spiels ereifern: Auch ist ein Platzsturm während des Spiels keine Bagatelle, sondern eine weitere Grenzüberschreitung der Fans, von denen sich einige immer mehr herausnehmen, immer mehr mitbestimmen wollen und immer mehr Schaden anrichten. Der DFB hat mit seinem Urteil ein Signal an sie versäumt, obwohl er ein solches in der vergangenen Woche angekündigt hat.“

 Express

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Zwei Herzen – oder Patronenkammern – schlagen von Natur aus in der Brust des rheinischen Revolverblatts vom „Express“, der sich sowohl dem „Effzeh“ verpflichtet als auch der Fortuna verbunden fühlt. Im Glanz des Aufstiegs ist von Fortuna heute freilich nicht die Rede, dafür gelingen dem Boulevard nun Querverweise, die sich einige Fans sonst nicht zu wünschen wagen: „Gegen halb elf ging die Party in der City los, hier haben laut Polizei etwa 2500 Fans gefeiert. Und auch hier: Eine riesige friedliche Party! Nur ganz vereinzelt musste die Polizei Anzeigen schreiben, insgesamt 16 Stück – wegen Pyrotechnik und wegen Beleidigung. Außerdem wurden nur drei Personen in Gewahrsam genommen und zwei Platzverweise ausgesprochen – da hat die Polizei an einem normalen Party-Wochenende auf dem Ring mehr zu tun…“

Bemerkenswert auch die Lesart, mit der sich der „Express“ dem „Elferdieb“ des 1. FC Köln nähert. „Anstoß- und Elfmeter-Punkt sind futsch, haben jetzt einen neuen Platz – in Hand von FC-Fans. Reliquienklau der besonderen Art im heiligen Kölle… […] Der FC wird es verschmerzen“, heißt es dort aktuell. Vor zwei Jahren sah sich in der Redaktion allerdings noch niemand gemüßigt, den Vorstoß des Düsseldorfer Finanz-Vorstands Paul Jäger zu hinterfragen, der den Fan, der sich allzu voreilig das begehrte Stück Düsseldorfer Rasens ausgestochen hatte, zu 50.000 Euro verdonnern wollte und sich erfolgreich das Lachen verkneifen konnte, als er meinte: „Selbstverständlich kann er das in Raten abstottern. Wir suchen immer den Dialog.“ Am Ende wurde es 150 Euro plus Sozialstunden.

Bild

Eine differenzierte Betrachtung, die sich in den Graustufen zwischen Schwarz und Weiß verliert, hätte von der Bild-Zeitung niemand erwartet, die damals in bewährter Attitüde polterte: „Fan-Irrsinn in Düsseldorf. Nach 15 Jahren stürmt Fortuna mit einem Mega-Skandal zurück in die 1. Liga“. Kleiner hatten es die Springer-Kollegen auch in den nächsten Woche nicht. Die zahlreichen Folge-Artikel liefen zum Großteil unter der Sammel-Überschrift „Fußball-Schande“.

Dass die Kölner Fans sich nicht von der nervösen Grundstimmung anstecken ließen und der Kunde eines vorzeitigen Abpfiffs aufgesessen sind, ändert den Sachverhalt auch hier grundlegend. Am Dienstag heißt es über die Aufstiegsfeierlichkeiten des Ostermontags: „Dann brechen alle Dämme! Obwohl die Ordner sich in zwei Reihen vor den Tribünen aufgestellt haben, stürmen die Fans den Platz. Sie umarmen Spieler und Trainer, liegen sich in den Armen. Alles läuft im Großen und Ganzen gesittet ab.“

Rheinische Post

Den Vorwurf, sich an ihren Worten nicht messen zu lassen, kann man der Rheinischen Post zuletzt machen. Frei heraus kommentieren die von Haus aus dem Düsseldorfer Auch-in-der-nächsten-Saison-Zweitligisten Fortuna (geografisch) näher stehend: „Liebe Düsseldorfer, so geht Platzsturm!“ In dem Stück heißt es: „Klar ist es verboten, über Absperrungen zu steigen und auf den Rasen zu rennen. Ein paar Ordner mussten etwas härter zupacken. Ein paar Idioten setzten sich auf die Latte des Tores vor der Südtribüne. Und der Elfmeterpunkt kam – ganz nach Düsseldorfer Vorbild – auch abhanden. Doch das sind Kleinigkeiten gemessen an der Wucht des Ereignisses, das die ganze Stadt erfasste.“

Mit Verlaub, in Düsseldorf hat man sich weiland auch ganz dolle – wenn auch früh gefreut. Und das ist ja sprichwörtlich immer schlecht. Dennoch kommentierte die RP damals mit klarer Kante:  „Die Ereignisse rund um das Spiel gegen Hertha BSC Berlin haben die große Mehrheit der Fußball-Freunde im Stadion und neun Millionen Fernsehzuschauer angewidert. […] Düsseldorf hat nun bundesweit das ungewohnte Image einer Stadt voller Fußball-Idioten, die weder der Verein noch die örtliche Polizei zu bändigen vermögen. […] Von denen zählen dem Augenschein nach viele zur im aktuellen Fortuna-Boom entstandenen Gruppe der Event-Fans. […] Menschen, die bar großer Kenntnis des Spiels den Stadiongang als eine Art Disco-Besuch mit 22 Tänzern ansehen. Im Bund mit den Feuerfackeln schwenkenden „Ultras“, einer offensichtlich überforderten Sicherheitsfirma und einer Polizeiführung, die trotz Hunderter Beamter auf dem Spielfeld abwiegelt, im Stadioninnern nicht zuständig zu sein, bildete sich ein gefährliches Gemisch aus Naivität, Aggressivität, Dilettantismus und Verharmlosung. Im Jahr zwei nach der Loveparade-Katastrophe sind Event-Fans, Ultra-Chaoten, Verein, Polizei und die Stadt Düsseldorf glimpflich davon gekommen.“

Am Ende darf es in der Berichterstattung natürlich genauso wenig darum gehen, die Vorfälle in Düsseldorf in Gänze zu verharmlosen, noch dem „Effzeh“ aus den Aufstiegsfeierlichkeiten einen Strick zu drehen. Ein Blick in die Vergangenheit könnte aber zumindest dazu veranlassen, zu klären, wann ein Bengalo an sich denn nun schlimm und ein Platzsturm per se idiotisch ist. Vielleicht trüge das am Ende ja sogar zu so etwas wie sachlicher Auseinandersetzung bei.