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Hintergründe

Wenn der Verein zur Kasse bittet

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 30. Januar 2015
Quelle: imago

Wenn Vereine DFB-Strafen auf ihre Fans umlegen, dann ist das ihr Recht! Sagt zumindest der DFB und der muss es ja wissen, oder? Tatsächlich ist die Sachlage alles andere als eindeutig. Sowohl rechtlich als auch moralisch.

Es war kein besonders ruhmreicher Tag für den 1. FC Köln. Mit 1:4 hatte man damals, am 5. Mai 2012 gegen den FC Bayern verloren und war damit abgestiegen. Doch das war es nicht allein, was dieses Spiel für viele unvergesslich machte. Gegen Ende der Partie brannten einige Fans so viel Feuerwerk ab, dass das halbe Spielfeld in schwarzen Rauch gehüllt wurde. Einen darauffolgenden Platzsturm verhinderten Polizisten zusammen mit den Ordnern. Die beteiligten Fans sahen es als Zeichen gegen die fehlgeleitete Vereinsführung, viele andere hatten wenig Verständnis für die Aktion.

Es kam wie es kommen musste, der DFB drückte dem Verein eine Ordnungsstrafe und ein Spiel unter Teilausschluss der Zuschauer auf. 175.000 Euro kamen dabei zusammen. Das ließ der Verein nicht auf sich sitzen und versuchte die Strafe an die Verursacher weiterzureichen. Von den Menschen, die an dem Vorfall beteiligt waren, konnten fünf identifiziert werden. Nun sollten sie das Ordnungsgeld zu gleichen Teilen bezahlen: 35.000 Euro pro Kopf.

 

In der Fanszene regte sich Protest. „Regressforderungen zerstören Existenzen“, hieß es dort. In der Tat sind 35.000 Euro nicht leicht zu verdauen. Der durchschnittliche Fan dürfte über kein sechsstelliges Jahresgehalt verfügen und für Schüler, Azubis oder Studenten kann solch eine Strafe in der Tat existenzbedrohend sein.

Das Prinzip der Regressforderung ist durchaus gängig. Wird man für etwas bestraft, ist aber nicht schuldig, kann man den Schuldigen in Regress nehmen, ihn also dazu zwingen, die Strafe zu übernehmen. Der DFB befürwortet das im Falle von „Fanvergehen“ sogar ausdrücklich. In seinem aktuellen Neun-Punkte-Plan werden die Fußballvereine dazu aufgefordert, Strafen auf die verursachenden Fans abzuwälzen. Dabei muss es sich nicht einmal um Vorkommnisse wie einen Platzsturm handeln. Von der Benutzung von Wunderkerzen über den Einsatz von Pyrotechnik oder den Wurf eines leeren Bierbechers – alles, was der DFB bestraft, kann von Vereinen auf die Verursacher umgewälzt werden.

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„Der DFB erfindet Strafen, ohne feste Regelungen oder Begründungen, die eigentlich die Vereine treffen sollen. Nicht die Fans.“

Zivilrechtlich sei diese Praxis dabei eigentlich kaum haltbar, sagt der Anwalt Ralf Peisl. Er unterstützt die Rot-Schwarze Hilfe in Nürnberg bei juristischen Fragen und kennt sich aus mit Verbandsstrafen, die umgelegt werden. Dass die Forderugen gegenüber den Störern in keinem Verhältnis zum Vergehen stehen, macht die ganze Sache in seinen Augen rechtlich angreifbar. „Wenn ein Becher Bier über einem Linienrichter ausgeleert wird, ist das keine fünfstellige Strafe wert“, sagt Peisl. Würde man das Ganze vor Gericht bringen, bliebe dem Richter wenig anderes übrig als für den Fan zu entscheiden, glaubt der Jurist. „Immerhin werden die Verbandsstrafen extra an den finanziellen Möglichkeiten der Vereine angepasst und zwar ursprünglich einmal deshalb, weil die Vereine zum Handeln gezwungen und ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöhen sollten“, erklärt Peisl. Würde man die ansonsten üblichen Tagessätze direkt an die Einkommensverhältnisse der Verursacher anlegen, würden sie schließlich nicht mal einen Bruchteil des Strafmaßes betragen, mit dem der DFB die Vereine abstraft. „Der DFB erfindet Strafen, ohne feste Regelungen oder Begründungen, die eigentlich die Vereine treffen sollen. Nicht die Fans“, betont Peisl.

Alleine im Jahr 2014 hat das DFB-Sportgericht die deutschen Profivereine mit 76 Strafen belegt und insgesamt eine Summe von 1.172.500 Euro gefordert. Eine Auflistung aller Strafen der laufenden Saison findet ihr hier.

Ursprünglich waren DFB-Verbandsstrafen dazu vorgesehen, dem Verein einen Anreiz zu geben, seine Sicherheitskonzepte zu verbessern. 10.000 Euro sind für einen Bundesligaverein nicht viel mehr als eine Petitesse. Reicht man sie aber an einen Fan weiter, stellt ihn die Summe nicht selten vor existenzielle Probleme. In diesen Fällen schreiten in den letzten Jahren immer mehr Fanhilfen zur Tat. Diese Organisationen bieten Fußballfans Beistand bei Konflikten mit dem Verein, der Polizei und der Justiz. In den Augen der Fanhilfe des 1. FC Köln, dem „Kölschen Klüngel“, ist eine Regressforderung vor allem moralisch fragwürdig. In ihren Augen bringen Gespräche und die Stärkung der gemäßigten Fanfraktionen weitaus mehr, als das Aufspalten in gute und böse Fans.

Problematisch, so Peisl ist dabei der juristische Aspekt der Gesamtschuld. 2006 wurde vor einem Rostocker Gericht entschieden, dass Vereine Fans, die den Spielablauf stören und somit verantwortlich für die Verbandsstrafe sind, als Gesamtschuldner verklagen können. Durch die Gesamtschuld kann der Verein die komplette Strafe auf einen oder mehrere Anhänger verteilen und hat somit ein Recht auf die komplette Erstattung der Strafe.

Welche Verantwortung tragen die Vereine?

Dabei trifft die Vereine bei vielen Vorfällen eine gewisse Teilschuld. Mit effizienteren Einlasskontrollen könnte man Pyrotechnik und kontroverse Transparente verhindern, mit mehr und besser geschultem Sicherheitspersonal Platzstürme unterbinden und indem man auf die Fans zuginge, wären viele Kontroversen und Streitpunkte viel leichter beizulegen. Den Fanhilfen des Landes drängt sich der Eindruck auf, dass die Vereine ihre hausgemachten Probleme lieber auf ihre Anhänger abwälzen wollen, als sie selbst anzugehen.

Um ein verbindliches Urteil zu der fragwürdigen Praxis zu erstreiten, suchen die Fanhilfen in Deutschland dringend Fans, die von Vereinen für Verbandsstrafen in Regress genommen wurden. Die Juristen möchten Klarheit dahingehend erwirken, wie weit die Regressansprüche eines Vereins gehen können und welche Rechte der Fan hat, um sich dessen zu erwehren. Ein Urteilsspruch zu diesem Sachverhalt könnte eine Basis und Orientierung für zukünftige Fälle bilden. Wer von einer Inregressnahme betroffen ist, wäre also doppelt gut beraten, sich vertrauensvoll an die Fanhilfe seiner Wahl wenden.