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National

Weniger Drama, Baby!

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 09. April 2014
Polizei, Rot-WeissEssen, MSV Duisburg

Eine für manche sicher unheimliche Nachricht machte gestern die Runde: Eine Stuttgarter Agentur will ein Sportportal betreiben. Und?! Jetzt kommt’s: Die Texte dafür sollen nicht etwa Redakteure, sondern ausschließlich eine dafür entwickelte Software schreiben.

Die Botschaft, die dahinter steckt, ist nicht unbedingt das größte Kompliment, das jemals jemand dem Sportjournalismus gemacht hat, heißt es doch nichts anderes, als dass Schema F in diesem Gewerbe an zu vielen Stellen zum Prinzip geworden ist. Das gestrige Niederrheinpokal-Spiel zwischen Rot-Weiss Essen und dem MSV Duisburg gab wieder einmal Anstoß, über einige Automatismen neu nachzudenken.

Reflexhaft taten sich die TV-Kollegen schon während ihrer Übertragung damit hervor, den Unverbesserlichen, Chaoten und Vollidioten „keine Bühne zu geben“ und gleichzeitig zu halluzinieren, dass man die Täter „ohne lange Juristerei“ einfach „wegsperren“ solle. Kann man so machen, sollte man aber tunlichst lassen, wenn man dieses Rechtsstaat-Ding für eine gute Sache hält.

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Zudem kraftmeierten später auch noch die Vereins-Verantwortlichen Dinge ins soziale Netz, die jeden Unbeteiligten glauben lassen müssen, die martialische posierenden Einsatzkräfte seien sicher noch viel zu zimperlich mit diesen Randalierern umgegangen. Ob es nun eine allzu aussichtsreiche Bewerbung für einen Nobelpreis gewesen ist, überhaupt eine Spielunterbrechung in Kauf zu nehmen, zumal wenn die eigene Mannschaft gerade das Momentum gegen den Favoriten auf ihrer Seite weiß, soll bitte das Komitee in Oslo entscheiden. Sicher muss auch nicht jeder im Stadion Verständnis dafür aufbringen, dass eine Handvoll Fans ein Tor öffnet, um vor dem Innenraum zu pubertieren – was im Übrigen die meisten Fans auch lautstark zur Kenntnis brachten.

Aber bitte: Rechtfertigte diese doch recht halbherzig vorgetragene und wohl kaum ernsthaft als Platzsturm gemeinte Schnapsidee eine Spielunterbrechung von 31 Minuten? Nach anfänglicher Aufregung wurde den meisten unter den 20.000 Zuschauern ersichtlich, dass diese Frage zumindest gestellt werden darf. Zum Beispiel NRW-Innenminister Ralf Jäger, der höchstselbst vorgefahren war – vermutlich in einem nachtschwarzen Hardliner, um das Unverbesser… pardon, Unvermeidbare dieses Einsatzes an Ort und Stelle zu rechtfertigen. Verschwieg dabei aber geflissentlich, dass im Grunde herzlich wenig geschehen war. Genauso wie im Umfeld dieses von einer Heerschar Polizisten eskortierten Risikospiels. Keine Ausschreitungen, keine Verletzten. Man lese und staune!

Nun muss man die Aktion keinesfalls gutheißen. Eigentlich sollte man aber doch unterstellen, dass alle in irgendeiner Weise an diesem Fußballspiel beteiligten Personen daran interessiert sein sollten, sie möglichst sachlich einzuordnen. Zur Erinnerung: Dass das Tor der Westtribüne sich während des Spiels öffnet, ist gar nicht so schrecklich neu. Zuletzt geschehen im September 2013. Damals schaffte RWE-Spieler Vincent Wagner, wozu es am Dienstag mehrerer Hundertschaften bedurfte. Nach einer kurzen Unterhaltung am Zaun war die Klappe wieder zu! Wagner selbst sagte damals: „Das Drumherum mit dem offenen Tor habe ich gar nicht so dramatisch gesehen. Mein Gott! Dass die Jungs ein bisschen heiß sind, gerade wenn das Tor dann offen ist… Aber sie sind dann ja auch relativ ruhig wieder zurück gegangen. Das war schon okay.“ Auch eine Möglichkeit, einer solchen Dynamik den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Am Ende berauben sich alle, die jetzt wieder tönen, der eigenen Glaubwürdigkeit. Mit hysterischen Law-and-Order-Phrasen verzerren die Lautsprecher nicht nur die Gemengelage in den Kurven, sie sorgen letztlich mit dafür, dass eine Sicherheitsdebatte geführt wird, in der viele inzwischen gar nicht mehr daran interessiert sind, ihren vorgefertigten Meinungs-Baukasten ab und an noch mit den Realitäten abzugleichen. Das könnte dann in der Tat wohl auch eine Maschine.