Anzeige

National

Warum der Fall Hannover uns alle angeht!

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 15. April 2014
Quelle: imago

Der Verzicht auf organisierten Support war ein stiller Aufschrei, ein mehr oder weniger hilfloser Versuch des Protests, der weitgehend wirkungslos verpuffen wird. Hannovers Ultras wollen sich wehren und wissen kaum, wie. Der Gegner ist schließlich der eigene Verein, der einen Präzedenzfall geschaffen und seine Fans zu lästigem Klatschvieh degradiert hat. Das muss man erstmal einordnen. Das Wochenende gab Zeit zum Durchatmen. Nun braucht es neue Denkansätze. Von allen.

Fußball ist keine Raketenwissenschaft. Das macht die Sache ja aus. Auch wenn sich kurz vor Saisonende hier und da Verzweiflung Bahn bricht – im Grunde gibt es doch für alle Szenarien ungeschriebene Verhaltensmuster: Busblockade, Trainingsbesuch, Stimmungsboykott. Die Klaviatur des Fanprotests ist Trainern, Spielern und Vorständen genauso geläufig wie den Anhängern, die sich ihrer Instrumente mittelbarer Einflussnahme bedienen, wenn Pfiffe nicht mehr reichen.

Anzeige

In Hannover allerdings sehen sich die Fans seit der Posse um die verpflichtende Busanreise zum Derby in Braunschweig mit einer völlig neuen Problematik konfrontiert. Der Gegner steht nicht etwa in der Kurve, auf dem Platz, sitzt nicht auf der Trainerbank – der eigene Verein hat seine Fans mit einem juristischen Bauerntrick in vollem Bewusstsein auflaufen lassen und sich dabei moralisch sogar über das Gesetz gestelllt. Ein noch nicht einmal mehr fadenscheinig zu nennender Befangenheitsantrag verhinderte letztlich mit einem Spiel auf Zeit die Aushändigung der meisten Tickets. Eine Qualität des Miteinanders, die sich vielleicht für verbitterte Feinde geziemt. Hannovers Fans müssen sich plötzlich fühlen wie unfreiwillige Protagonisten eines schmutzigen Rosenkriegs.

Schlimm genug, das alles. Dass SPD-Innenminister Boris Pistorius den Verantwortlichen des Vereins Hannover 96 aber im Nachgang relativ unverblümt zu ihrer Hartnäckigkeit gratuliert, mit der sie an dem Buszwang festgehalten haben, lässt einen erschaudern! Noch mal zum Mitschreiben: Es gibt offenbar keine rechtliche Grundlage für den ganzen Zirkus. Das hat für die Experten, die sich das alles ausgedacht haben, aber offenbar eher Empfehlungscharakter.

Der Bundesligist selbst derweil scheint nurmehr bestrebt, die Angelegenheit auszusitzen und sich auch im Nachgang einer Diskussion zu entziehen. Im Grunde sind nun alle Fußballfans gefragt, ihm das so so schwer wie möglich machen! Der Fall Hannover hat eine Qualität, die Solidarität aus allen Kurven dieses Landes verdient. Wenn politische Scharfmacher beim Streben nach einem diffusen Sicherheitsgefühl Schulterklopfer dafür verteilen, wie ein Verein die Justiz ausgetrickst und Fans um ihr Recht gebracht hat, geht es doch in Wahrheit schon um viel mehr als Fußball. Kreativer Protest und neue Antworten sind gefragt – und alle Stadiongänger darin gefordert, sich nicht in Kleinkriegen aufzureiben, sondern für die gemeinsame Sache einzustehen. Sonst ist Hannover bald überall.