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National

Tuchel-Trennung: Ein offener Brief an den BVB

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 30. Mai 2017
Quelle: imago

Lange hatte es sich abgezeichnet, seit heute ist es offiziell: Borussia Dortmund trennt sich von Thomas Tuchel. Unser Autor versteht die Welt nicht mehr und hat einen offenen Brief an die BVB-Verantwortlichen geschrieben: 

Sehr geehrte Führung des Ballspiel Vereins Borussia 09 e.V. Dortmund,

ich schreibe Ihnen diese Zeilen in dem Wissen, dass Sie sie höchstwahrscheinlich nie persönlich lesen werden, geschweige denn überhaupt wahrnehmen. Dennoch ist mir meine Mitteilung wichtig, freie Meinungsäusserung inklusive.

Als Borussia Dortmund mit Thomas Tuchel in die Saison startete, sprachen alle von einem großen Umbruch. Die sieben Jahre lange Ära Klopp war durch Emotionen und großartige Erfolge geprägt. Wir Fans liebten unseren Kloppo. Am Ende ging es dann bergab und der Trainer entschied sich dazu, den Verein zu verlassen, um dem Team eine neue Ausrichtung zu ermöglichen. Denn niemand ist größer als der Club.

Nach seinem ersten Jahr verlor Tuchel im Sommer drei Leistungsträger. Die Mannschaft ist auf links gedreht, alte Stützen gibt es wenige. Stattdessen junge, hungrige, hoch talentierte Spieler, die Fehler machen dürfen und müssen. Die Ziele für diese Saison waren, so hörte man es aus Ihren Reihen, die Qualifikation zur Champions League und ein geringerer Abstand zu den Bayern. Dazu wollte man im Pokal weit kommen und die Königsklasse erfolgreich absolvieren. Fazit: Direkte CL-Quali auf Platz 3, Pokalsieger und damit das erste Mal wieder Titelträger nach 5 Jahren, Aus in der Champions League im Viertelfinale – unter nicht wettbewerbsfähigen Umständen. Und dazu möchte ich jetzt kommen, denn es geht hier um Trainer, Vorstand und Team.

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Der Anschlag auf den BVB vor dem Champions League Spiel gegen den AS Monaco im April war ein schreckliches Ereignis. Vor allem für die Spieler und den Trainerstab, die im Bus saßen. Shinji Kagawa äußerte erst kürzlich, er habe immer wieder Angst, in den Bus zu steigen.

Fußball ist ein Millionengeschäft, die UEFA eine Maschinerie, die Fußballer deren Zahnräder. Das Verhältnis zwischen Trainer Tuchel und Chef Watzke scheint wohl durch dieses Ereignis zerüttet worden zu sein. Die Medien und viele Verantwortlich​e waren sich einig, dass Tuchel im Umgang mit dem Anschlag alles richtig gemacht habe und sich in den Tagen danach sehr gut präsentierte. Einem Menschen, der ein Attentat auf sich selbst überlebt hat mag es wohl erlaubt sein, einen Tag später nicht schon wieder als Zahnrad einer Maschine zu funktionieren. Jeder normale Mensch unter uns hätte sich krank schreiben lassen und wäre daheim geblieben. Die Jungs auf dem Platz dürfen das nicht. So wurde entschieden, direkt am nächsten Tag zu spielen. Aber keiner ist größer als der Club.

Und das geht nun an Sie, Herr Watzke: Es scheint, als hätte das Attentat Ihr Verhältnis zu Thomas Tuchel beschädigt. Das darf es auch. Aber tat es das Attentat mit den Insassen des Busses nicht noch stärker? Der Trainer hat all ihre vorgegebenen Ziele für die Saison erreicht, holte nun sogar noch einen Pokal zum Abschluss. Und jetzt soll er gehen? Wie begründen Sie das? Mit einem Zerwürfnis mit Ihnen? Denke Sie doch bitte daran, dass es mehr gibt als eine Beziehung zwischen zwei, drei Personen in diesem wahnsinnigen, emotionalen Club. Und dass eine Beziehung auch gut funktionieren kann, wenn sich beide reflektieren und eventuell ein wenig zurück nehmen. Vielleicht sind Sie sich gegenseitig auf den Schlips getreten, eventuell fielen auch weniger nette Worte. Aber gleich die Reißleine ziehen und jemanden vom Hofe jagen? Der doch alles mit diesem Club in diesem verrückten Jahr erreicht hat?

Eine Anerkennung für einen solch großen Erfolg, eine Saison mit einem Titel, sollte selbstverständlich sein. Für einen Trainer, der sich angepasst hat, die kalte, analytische Art zu Beginn seiner Zeit in Dortmund mit Emotionen und Gespür für den Moment aufgefrischt hat. Auch​ wir Fans verstanden den einen oder anderen Wechsel in der Startelf nicht, manch Taktik war fragwürdig. Doch auch der Trainer darf Fehler machen, ist noch jung und international noch nicht so gereift und gefestigt wie viele Kollegen. Doch diese Saison und damit die Zusammenarbeit so zu beenden, kann ich als Fan dieses Vereins und aus menschlicher wie wirtschaftlicher Sicht nicht verstehen.

Denn vergessen dürfen Sie nicht: Keiner ist größer als der Club. Auch der Vorstand nicht.

Schwarz-gelbe Grüße
Kim M. Heeß