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Hintergründe

Theaterstück über Ultra-Lifestyle

Autor: Johannes Holzapfel Veröffentlicht: 30. Juli 2014
Quelle: imago

Fanzeit war am vergangenen Sonntag zuerst beim Spiel SC Preussen Münster gegen Hansa Rostock, ehe anschließend  das Theaterstück „BOCK AUF RANDALE?! – ULTRA EIN LEBEN LANG“ angesehen wurde. Inszeniert von der Theatermafia Münster zeigten fünf junge Schauspieler und Schauspielerinnen einen Einblick in die Ultra-Kultur. Wir waren positiv überrascht.

Das Stück drehte sich um die fiktive Ultra-Gruppierung „Mauritz Maniacs“, die uns – den Zuschauern – ihr Ultra-Leben näher gebracht hat. Von Beginn an war die Aufmachung schauspielerisch hervorragend. Beim Einlass wurde man – wie im Stadion – von Ordnern durchsucht und man merkte, dass hiermit auf übertriebene Einlasskontrollen angespielt werden sollte. Ebenso war das Theaterheft einem Fanzine ähnlich aufgemacht, mit aktuellem Spielbericht, einer Info über Ultras aus Italien und das man für einen Prozess spenden kann, um einem befreundeten Ultra zu helfen. Die Bühne war – wie so mancher Auswärtsblock – mit hohen Zäunen umgeben.

Zu Beginn des Stückes wurde versucht, der Begriff Ultra so simpel wie möglich zu erklären.Vor allem heißt es: Gegen den Mainstream. Man wurde mit Helene Fischers Hit „Atemlos“ beschallt, ehe die Gruppe zeigte, dass sie was anderes und radikaleres drauf haben: Den Ultra-Lifestyle.

Während der Aufführung wurden die vielen Aspekte, die in einer Ultra-Gruppierung eine Rolle spielen, auch im Stück dargestellt. Allen voran natürlich der Zusammenhalt: Egal, was passiert, man hält auch in schwierigen Zeiten zusammen. Auch wenn es Diskussionen gibt und jeder seine eigene Meinung hat, die „Maniacs“ blieben sich treu und versuchten aus jeder noch so verzwickten Situation einen Ausweg zu finden. Ein alkoholisiertes Mitglied der Gruppe schlug einen Polizeibeamten in einer Nacht ins Koma. Für den Großteil der Gruppe war klar: Wir müssen unserem Freund helfen. Als ein Mitglied aus der Gruppe sich jedoch dagegen aussprach und klarstellte, dass es auch Grenzen gibt, entstand eine hitzige Diskussion, ehe das Mitglied letztendlich die Gruppe verließ. Auch Kritik an den Ultras wurde ausgeübt: Die Person, die die Gruppe verlassen wollte, wurde bedrängt und als Heuchler und Verräter dargestellt.

 

Ultras als Hilfe und Zufluchtsort

Ein anderes Beispiel: Ein Mitglied hat Stress zu Hause, die Eltern trennten sich und der 19-jährige Ultra stand kurz vor dem Rauswurf, da die Eltern nicht verstehen konnten, wie man zu jedem Spiel fahren kann. Natürlich waren sie auch skeptisch: „Was macht der Junge da? Mit wem ist er unterwegs?“ Als der junge Ultra das seinen Kollegen erzählte, richteten sie kurzerhand ein provisorisches Bett ein: Zusammenhalt, Unterstützung und Hilfe.

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Aber auch die viel weiter greifenden Strukturen und Freundschaften, die in den Medien gar nicht vermittelt werden oder vermittelt werden können, wurden gezeigt: Ein Ultra-Mitglied hat Geburtstag? Alles klar: Freibier und Überraschungsparty! Es wurde klar gemacht: Ultras verbringen viel Zeit miteinander. Nicht nur die Hin- und Rückfahrt bei Auswärtsspielen und generell die Heimspiele, nein, auch die Geburtstage, Choreos basteln, Transpis malen, über Dinge diskutieren, neue Lieder ausdenken, Billiard spielen, Spaß haben, abhängen: Eine Jugendkultur mit all ihren Facetten.

 

Ultrakultur mit Widersprüchen

 

Eine Jugendkultur aber, die auch Widersprüche hat und sich manchmal selbst finden muss. Als bei einer Choreo die Polizei in den Block marschiert, schreit einer aus der Gruppe: „Verpisst euch, ihr Bullen-Fot*en!“ – Das war der Grund für eine lange Diskussion, angeregt von einem weiblichen Mitglied, über Sexismus in der Kurve. Die einen wollen sich auch sozial engagieren und gegen Sexismus in der Kurve vorgehen. Die anderen jedoch sagen, dass es nur einzelne Schicksale und Probleme sind und diese nicht auf die Gruppe projiziert werden sollen – schließlich geht es um Ultras und Fußball.

Das interaktive Theaterstück, bei dem die Zuschauer unter anderem an der oben beschriebenen Geburtstagsfeier teilnahmen und Freibier erhielten war alles in allem ein Erfolg. Selbst eine Choreo wurde mitgestaltet und die Zuschauer, die Ultra-Gruppierungen vielleicht nicht verstehen oder auch nicht leiden können, haben durch die Aufführung einen besseren Einblick erhalten. Natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen all den Ultra-Gruppen in Deutschland, aber dieser generelle Versuch, die Jugendkultur Ultra darzustellen, ist gelungen. Die ca. 50 Stehplatz- sowie die 5 Sitzplatzbesucher waren jedenfalls begeistert – inklusive Fanzeit.

 

jh