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Südkurve protestiert gegen „Boyz“-Ausschluss

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 21. Februar 2015
Quelle: imago

Eine Woche hat die Fanszene des 1. FC Köln innegehalten. Vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 haben sich nun die Südkurve als Kollektiv der aktiven Fanszene und auch die „Boyz“ nach den Vorfällen in Mönchengladbach erstmals zu Wort gemeldet. Teile der Südkurve sollen am Samstagabend leer bleiben.

Darüber, dass beim Rheinderby eine Grenzüberschreitung stattgefunden habe, sind sich die verschiedenen Ultra-Gruppen einig. In einem gemeinsam veröffentlichten Statement räumt die Südkurve Köln ein: „Wir sind uns bewusst, dass nicht alles in geordneten Bahnen abgelaufen ist.“ Die Vorfälle würden derzeit aufgearbeitet. Etwas redseliger geben sich die „Coloniacs“. In einem Statement der Gruppe heißt es: „Es fehlt uns ganz offensichtlich an Konsequenz und so konnte es im Rahmen dieses Spiels zu den, auch aus unserer Sicht, nicht gutzuheißenden Ereignissen kommen. Der Einsatz von Böllern und Leuchtspurmunition sind nicht tolerabel. Ein solch unnötiger Platzsturm, der durch unzählige Provokation der Gegenseite und einer mehr als schmerzhaften Derby-Niederlage im Affekt entstand, muss hinterfragt werden.“

Einig sind sich alle Gruppen aber auch darin, dass die Reaktion des Vereins zu hinterfragen sei. Vor allem die Kollektivstrafe, die nicht nur Vereinspräsident Werner Spinner, sondern auch die AG Fankultur in der Vergangenheit noch kategorisch abgelehnt hatten, stößt bei den Ultras auf Unverständnis. An den „Boyz Köln“ soll nun ein nicht hinnehmbares Exempel statuiert werden, gegen das wir uns ganz deutlich und in jeder Form aussprechen“, betonen die „Coloniacs“. „Wer Scheiße baut, der muss mit den Konsequenzen leben können, doch kann die Konsequenz nie in Sippenhaft und Generalverurteilung münden. Heute sind es die Boyz und morgen?“

Offensichtlich sei der Verein vor allem deshalb gegen die „Boyz“ vorgegangen, weil ein führendes Mitglied der Gruppe in Mönchengladbach verhaftet worden ist. Wie sich der Entzug des Fanclub-Status‘ und die Stadionverbote allerdings auf Einzelne auswirke, ist mitunter regelrecht absurd. Die Boyz etwa beteuern: „Die Hälfte der Mitglieder unserer Gruppe war in Mönchengladbach nachweislich überhaupt nicht im Stadion!“ Zudem liege dem Verein keine aktuelle Mitgliederliste vor. Nach dem Eintreffen der ersten Stadionverbote habe sich herausgestellt, dass der Verein sich offenbar an einer fünf Jahre alten Mitgliederliste orientiert habe, die jedoch auch Personen aufführe, die längst nicht mehr in der Gruppe aktiv seien, sich mitunter nicht einmal mehr in ihrem Umfeld bewegten.

Bei allem Verständnis dafür, dass der Verein Konsequenzen ziehen müsse, sei etwa die Maßnahme, unverpixelte Nahaufnahmen zu veröffentlichen, auf denen auch unvermummte Personen zu sehen seien, die offensichtlich nicht an dem Platzsturm beteiligt gewesen waren, sei ein Unding, schreiben die „Coloniacs“.

Aus Protest gegen die Maßnahmen werden Teile der Südkurve beim Heimspiel gegen Hannover am Samstagabend daher leer bleiben. Alle Beteiligten wollen sich selbst und dem Verein damit eine Pause verordnen. „Wir können trotz der angespannten sportlichen Situation nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, erklärt die Südkurve. Außerhalb des Stadions werden neben dem Fanprojekt-Glaskasten aber einige Ansprechpartner für – natürlich auch kritische – Fragen zur Verfügung stehen.

 

Die Erklärungen der Gruppen im Wortlaut:

Südkurve 1. FC Köln e.V.

Die Vorfälle vom vergangenen Samstag werden aktuell aufgearbeitet. Auch wir als Südkurve 1. FC Köln sind uns bewusst, dass einiges nicht in geordneten Bahnen abgelaufen ist. Gleichzeitig lehnen wir das Verhalten einiger Vereinsverantwortlicher ab, welche auf die Situation mit Online-Pranger und Kollektivstrafen reagieren. Wir können daher, trotz der angespannten sportlichen Situation nicht einfach zum Tagesgeschäft übergehen. Teile der Südkurve werden dem heutigen Spiel gegen Hannover daher fern bleiben. Jedoch werden ab Toreöffnung im Umlauf hinter der Südkurve neben dem Fan-Projekt-Glaskasten einige Ansprechpartner anwesend sein, um Fragen zu beantworten. Weitere Informationen folgen.

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Coloniacs

Liebe FC-Fans,

neben der Stellungnahme der organisierten Fangruppen des 1. FC Köln, möchten auch wir als Coloniacs die Möglichkeit nutzen und uns zu den Ereignissen rund ums Derby zu Wort melden. In Mönchengladbach ist ganz klar zu Grenzüberschreitungen gekommen, die so nicht hätten passieren dürfen. Dessen sind wir uns uneingeschränkt bewusst und die interne Aufarbeitung der Vorfälle läuft bereits. Es fehlt uns ganz offensichtlich an Konsequenz und so konnte es im Rahmen dieses Spiels zu den, auch aus unserer Sicht, nicht gutzuheißenden Ereignissen kommen. Der Einsatz von Böllern und Leuchtspurmunition sind nicht tolerabel. Ein solch unnötiger Platzsturm, der durch unzählige Provokation der Gegenseite und einer mehr als schmerzhaften Derby-Niederlage im Affekt entstand, muss hinterfragt werden.

Ebenso erschrocken waren wir über die Reaktion von Seiten des 1. FC Köln. Es ist selbstverständlich klar, dass der Verein und seine Führungsmannschaft zum Handeln gezwungen wurden und eine harte Reaktion folgen musste. Das steht nicht zur Diskussion und ist absolut verständlich. Jedoch können wir in keiner Weise nachvollziehen, wie nun Kollektivstrafen nach dem Gießkannenprinzip ausgesprochen werden. Der Verein macht es sich einerseits zu einfach, wenn er eine einzelne Gruppe angreift, obwohl eine ganze Szene in Mönchengladbach agiert hat. Andererseits ist es ein absolutes Unding, nun Menschen zu bestrafen, die nachweislich nicht einmal in Mönchengladbach zugegen waren. Hier handeln noch immer Menschen und keine Gruppen per se. An den Boyz Köln soll nun ein nicht hinnehmbares Exempel statuiert werden, gegen das wir uns ganz deutlich und in jeder Form aussprechen. Wer Scheiße baut, der muss mit den Konsequenzen leben können, doch kann die Konsequenz nie in Sippenhaft und Generalverurteilung münden. Heute sind es die Boyz und morgen?

Wir appellieren an alle Seiten, Besonnenheit walten zu lassen, die Geschehnisse in Ruhe aufzuarbeiten und dann gemeinsam an einem Weg zu arbeiten, der für uns alle gangbar und nicht weiter vereinsschädigend ist.

Gleichermaßen erschrocken waren wir über die Veröffentlichung von Nahaufnahmen des Gästeblocks auf der Internetpräsenz des 1. FC Köln. Dort zu sehen sind eine Mischung aus vermummten und unvermummten Personen. Die Menschen, die ganz offensichtlich keinerlei Absichten hegten, waren auch entsprechend nicht vermummt. Genau diese werden nun aber öffentlich stigmatisiert und an den Pranger gestellt. Dies stellt eine enorme Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Menschen dar und stößt bei uns auf völliges Unverständnis. Die Dramatik der Ereignisse in Mönchengladbach hätten auch anders dargestellt werden können. Der Aufruf zum Denunziantentum hilft uns nicht dabei, die Verhältnisse zu verbessern – ganz im Gegenteil!

Um allgemein Druck vom Kessel zu nehmen und erst einmal die zur Aufarbeitung aller Geschehnisse benötigte Ruhe einkehren zu lassen, werden auch wir heute beim Spiel gegen Hannover 96 im Stadion nicht als Gruppe auftreten. Mit diesem Schritt stellen wir unsere persönlichen Gruppeninteressen hinten an und wollen allen Beteiligten Zeit und Raum für eine kritische Aufarbeitung von allen Seiten geben. So kann es jedenfalls nicht weitergehen…

Wie immer werden wir heute unseren Infostand am Bus des sozialpädagogischen Fanprojekts geöffnet haben und sind dort jederzeit für Euch ansprechbar. Wir freuen uns auf den – gerne auch kritischen – Austausch mit Euch und werden uns unserer Verantwortung auch zukünftig sicher nicht entziehen.

“Wir sind gegen Kollektivstrafen von Fanclubs und Ganzkörperkontrollen in Containern”
Werner Spinner

Boyz Köln

1. FC Köln – „Spürbar anders“?

An dieser Stelle möchten auch wir als Gruppe den Schritt an die Öffentlichkeit wagen und kurz Stellung beziehen. Wir werden hier nicht näher auf die kritisch zu betrachtenden Vorfälle beim vergangenen Derby eingehen. Dies ist in den Boulevardmedien schon zu Genüge geschehen. Vielmehr möchten wir auf die in unseren Augen überzogene Reaktion unseres Vereins hinweisen.Das Verhalten und die Kommunikationspolitik des 1. FC Köln und der zugehörigen GmbH & Co. KGaA ist in dieser Form nicht hinnehmbar. Dass der Verein alles in seiner Macht stehende in die Wege leitet, um vermeintliche Verbandsstrafen des DFB zu verringern, können wir nachvollziehen. Die Tatsache jedoch, dass eigene, vor der gesamten Mitgliedschaft, getätigte Aussagen derart ad absurdum geführt werden, hätten wir nicht für möglich gehalten.Werner Spinner, Präsident des 1. FC Köln, teilte auf der Jahreshauptversammlung am 11.12.2012 mit: „Wir sind gegen Kollektivstrafen von Fanclubs und Ganzkörperkontrollen in Containern.“. Auch im Rahmen der „AG-Fankultur“ wurde stets betont, dass kollektive Bestrafungen beim 1. FC Köln der Vergangenheit angehören. Dass sich Zeiten und Meinungen ändern, ist uns nun bewusst.Am Montag, den 16.02.2015, haben wir durch die auf der Homepage des 1. FC Köln veröffentlichte Pressemitteilung erfahren, dass wir ab sofort kein offizieller Fanclub mehr sind. Zudem sind wir ab sofort von der sogenannten „AG-Fankultur“ ausgeschlossen. Darüber hinaus teilte der Verein weitere, noch zu prüfende, Maßnahmen mit: Entzug aller Dauerkarten für Heim- und Auswärtsspiele, Ausschluss aus dem Verein 1. FC Köln 01/07 e.V. sowie Verhängung eines lokalen, unbefristeten Stadionverbots. Von den Maßnahmen sollen alle Personen betroffen sein, die unserer Gruppe als Mitglied zugeordnet werden können.Daraufhin suchten wir das Gespräch mit dem Verein, um über die angedachten Maßnahmen sprechen zu können und persönlich über das weitere Vorgehen informiert zu werden. Leider war dies nicht sonderlich konstruktiv und uns wurde mitgeteilt, dass noch im Laufe dieser Woche die lokalen Stadionverbote eintreffen werden. Dass bei diesem Gespräch jedoch weder Vorstand noch Geschäftsführung teilnahmen, zeigt uns, dass die Entscheidungen über die Maßnahmen bereits im Vorfeld getroffen wurden und zumindest auf dieser Ebene, trotz der Zustimmung zu einem Dialog, kein Interesse an einem direkten Austausch besteht.Begründet werden die beschlossenen Maßnahmen durch die Vorfälle in Mönchengladbach, wo sich unter den festgenommenen Personen ein Mitglied der Boyz Köln befand. Besonders enttäuscht zeigt sich der Verein darüber, dass es sich bei dem Festgenommenen um eine Führungsperson unserer Gruppe handelt.Uns stellt sich die Frage, ob es richtig ist eine Gruppe kollektiv aufgrund des Verhaltens Einzelner zu bestrafen. Die Hälfte der Mitglieder unserer Gruppe war in Mönchengladbach nachweislich überhaupt nicht im Stadion! Weiterhin stellt sich uns die Frage nach welchen Kriterien der Verein eine Person der Gruppe Boyz Köln zuordnet. Eine aktuelle Mitgliederliste liegt dem Verein nicht vor.Nach dem Eintreffen der Stadionverbote zeigte sich, dass der Verein seine Zuordnung höchstwahrscheinlich auf der Grundlage einer circa fünf Jahre alten Mitgliederliste getroffen hat. So sind mehrere Personen von einem Stadionverbot betroffen, die unserer Gruppe seit mehreren Jahren nicht mehr angehören und sich auch nicht mehr in unserem Umfeld bewegen.Wir sprechen uns eindeutig gegen eine gemeinschaftliche Bestrafung unserer Gruppe und generell gegen das Verhängen von Kollektivstrafen aus.Wie es für uns als Gruppe in Folge dieser ausgesprochenen Verbote weitergeht, werden die kommenden Tage und Wochen zeigen. Fest steht, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.