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Südkurve Jena will beim Derby keinen Spott zu finanziellen Schwierigkeiten in Erfurt

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 13. Februar 2018
Quelle: imago

Am 25. Februar empfängt der FC Carl Zeiss Jena den FC Rot-Weiß Erfurt zum thüringischen Derby in der 3. Liga. Dass der Rivale als Tabellenletzter nicht nur in sportlichen sondern auch in argen finanziellen Schwierigkeiten steckt, nehmen die Jena-Fans zum Anlass, ein paar mahnende Wort an den eigenen Anhang zu richten.

Wegen festgestellten Mängeln bei der Überprüfung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Zuge der Lizenzierung hat der DFB den Erfurtern zu allem Überfluss am Dienstag auch noch einen Punkt abgezogen. Für die Südkurve Jena ist all das jedoch kein Grund, die finanziellen Schwierigkeiten beim Rivalen zur Zielscheibe von Spott und Hohn zu machen.

In einem Communiqué erinnern die FCC-Fans daran, dass auch ihr eigener Verein vor nicht allzu langer Zeit in ähnlichen Schwierigkeiten steckte. Daher ruft die Südkurve Jena die Fans dazu auf, sich „abfällige Bemerkungen über die Zahlungsunfähigkeit des ewigen Zweiten zu ersparen.“ Spöttische Bemerkungen seien allein auf „die grundsätzliche und facettenreiche Hässlichkeit des Feindes und seines Tabellenstandes“ zu beziehen.

Nachfolgend das Communiqué der Südkurve Jena im Wortlaut:

In wenigen Tagen erlebt das Ernst-Abbe-Sportfeld das bereits dritte Derby dieser Spielzeit. Seit den letzten beiden Aufeinandertreffen im Herbst des vergangenen Jahres ist in beiden Städten und bei beiden Vereinen viel passiert. Während sich unsere Equipe in der Liga, abgesehen von einer nicht in den Griff zu bekommenden Auswärtsschwäche, stabile Ergebnisse erarbeitet und die Vorschlussrunde im Landespokal erreicht hat, haftet der Feind im Tabellenkeller fest und muss bereits jetzt jedes Spiel wie ein Endspiel angehen. Ein Abstieg der Rot-Weißen wird von Spiel zu Spiel wahrscheinlicher und proportional steigt auch Häme und Spott in der blaugelbweißen Fußballwelt. Der Thüringer Fußball schickt sich an, die richtigen Zustände wiederherzustellen und mit einem Sieg am 25. Februar wäre wohl die Moral des Erzrivalen endgültig gebrochen. Es ist ganz einfach, Hohn und Spott ist das Salz in der Suppe jeder Feindschaft. „Geht es Erfurt schlecht – geht es mir gut“, wer kennt und verehrt dieses Prinzip nicht. Dem Verein, dem wir nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln gönnen, wünschen wir natürlich ein möglichst bitteres Saisonende und einen Abstieg in die Ligen, welche uns über Jahre beschäftigt haben.

 

Die sportliche Situation am Steigerwald ist dabei kein Zufall, schließlich wird nicht nur die oberflächliche öffentliche Wahrnehmung fast einzig und allein von zum Teil schwindelerregenden Schuldenlasten und beispielloser Misswirtschaft bestimmt. Es scheint nur die logische Konsequenz zu sein, dass für eine, für den Klassenerhalt ausreichende, sportliche Qualität schlichtweg das Geld fehlt und unzählige Nebenkriegsschauplätze die Konzentration auf sportliche Belange und die Weiterentwicklung einer konkurrenzfähigen Mannschaft unmöglich machen.

 

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Warum sollte uns das interessieren? Wir dürfen uns nicht davon blenden lassen, wie die Zustände vor der eigenen Haustür sind und dass die Situation beim RWE viele Parallelen zum FC Carl Zeiss vor 2013/14 aufweist. Heute sollte jedem Blaugelbweißen klar sein, welche planerischen und handwerklichen Fehler über Jahre in der Oberaue gemacht wurden, die letztlich einen schmerzvollen und folgenschweren Anteilsverkauf zur Folge hatten. Von Selbstreflexion und einer nachhaltigen Fehlerkultur konnte bei unserem FCC lange Zeit keine Rede sein, wurde der Verein samt seiner Tochter, der Spielbetriebs-GmbH, über Jahre zwischen Bundesliga-Anspruch und Oberliga-/Regionalliga-Realität zu einem günstig zu habenden Schatten seiner selbst gemacht. Viel Selbstbestimmtheit und Souveränität haben wir hergeben müssen, um sie seitdem mühsam und in kleinen Schritten gemeinsam wieder zurück zu erkämpfen.

 

Die Liste der Kritikpunkte ist lang, sollte spätestens seit dem „umstrittenen“ Duchâtelet-Deal und der damit einhergehenden Debatten leicht zugänglich sein und endlich auch Selbstkritik forcieren. Mit haarsträubendem Outsourcing (beziehungsweise wiederholt verhinderten Insourcing-Offensiven) in den Kernfeldern Vermarktung und Merchandising, Egoismus, alleinherrschenden Amtsträgern, wildgewordenen Sportchefs, abschreckenden, verblendeten Aufsichtsräten und immer wieder gleichen Fehlern im Einnahmen- und Ausgabenbereich wurde der FC Carl Zeiss Jena in ähnliche Sphären manövriert, mit denen es heute die Unaussprechlichen zu tun haben. Natürlich ist Rombach ein dämliches Rindvieh und alle anderen Konsorten dort scheinbar nicht wirklich professioneller als der inzwischen geschasste König von Vieselbach. Aber: Sind wir es denn gewesen? Hatten wir professionellere Entscheidungsträger? Konnten wir als FCC-Basis rechtzeitig intervenieren und damit die Souveränität sichern? Sind wir ehrlich zu uns selbst, wenn wir heute die neuesten Insolvenz-Gerüchte aus Erfurt beklatschen? Haben wir zum Jahresende 2013 selbst nicht die weiße Fahne geschwenkt und anstelle einer nachhaltigen Anpassung der eigenen Ansprüche unsere Autonomie verscherbelt?

 

Dabei ist die entscheidende Frage folgende: Darf die größtmögliche Feindschaft auch Selbstbetrug rechtfertigen, zumal sich beide Teams in einer partout defizitären Liga beziehungsweise einem defizitären System bewegen? Wir sagen: Nein! Ein stolzer und ehrlicher Sieg auf allen Ebenen – der wichtigste Sieg der Saison – findet nur dann statt, wenn man seine eigenen Fehler aus der Vergangenheit anerkennt. Dazu zählt auch, die richtigen Lehren und Konsequenzen zu ziehen. Bei allem Hass, für welchen wir uns niemals rechtfertigen werden, sollten wir uns aktuell nicht selbst belügen und eine finanzielle Situation beim Feind belächeln, die wir niemals auch nur ansatzweise besser bewältigt hätten oder haben. Der RWE schmiert ab und steht tief in der Abstiegszone, das ist herrlich und bietet ausreichend genug Spielraum, um losgelöst von wirtschaftlichen Belangen genossen zu werden, auch wenn die Kausalität einleuchtend ist. Hier sollten wir aufpassen, differenzieren, den Sport gesondert betrachten und in den Mittelpunkt rücken.

 

Wir rufen deshalb die Fans, Freunde und Entscheidungsträger des FC Carl Zeiss Jena im eingetragenen Verein und der Spielbetriebs-GmbH einerseits dazu auf, für einen Derbysieg am 25. Februar ALLES in die Waagschale zu werfen, aber sich andererseits aktuell abfällige Bemerkungen über die Zahlungsunfähigkeit des ewigen Zweiten zu ersparen. Stattdessen sind wir besser beraten, unsere Hausaufgaben auf und abseits des Platzes zu machen, an jedem einzelnen Tag der Vorbereitung einzig und allein alle eigenen Stärken und Schwächen im Blick zu haben und spöttische Bemerkungen auf die grundsätzliche und facettenreiche Hässlichkeit des Feindes und seines Tabellenstandes zu beziehen. Wir sind Carl Zeiss Jena und haben im Kollektiv viel Scheiße gefressen und Fehler gemacht, haben zu lange nicht ausreichend aufeinander gehört und geachtet. Nun sollten wir jede uns zur Verfügung stehende Sekunde dafür nutzen, für die Vorherrschaft in Thüringen zu arbeiten und zu trainieren.

 

TOD UND HASS DEM RWE!

SÜDKURVE FC CARL ZEISS JENA, im Februar 2018