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National

Streit um Fan-Ethik-Kodex beim Halleschen FC

Autor: Johannes Holzapfel Veröffentlicht: 21. Juli 2014
Quelle: imago

Am 25. Juni veröffentlichte der Dachverband HFC-Fanszene e.V. einen „Fan-Ethik-Kodex„, der für alle Mitglieder und somit auch für die Fanclubs innerhalb des Vereins gelten soll. Mitglieder, die den Kodex nicht unterzeichnen, sollen freiwillig aus der HFC-Fanszene austreten. Andernfalls werde man auf der nächsten Mitgliederversammlung den Ausschluss dieser Mitglieder beantragen. Nun reagieren die Saalefront Ultras und andere Fanclubs.

Es herrschen momentan schwierige Zeiten bei den Fans des Halleschen FC. Gegen Magdeburg verlor man das Finale des Fußball-Landespokals mit 0:3 im eigenen Stadion, ehe anschließend mehrere bengalische Feuer auf das Spielfeld geworfen wurden. Nach den Vorfällen rund um dieses Spiel stellt die HFC-Fanszene in ihrem veröffentlichten „Fan-Ethik-Kodex“ unter anderem klar: „Solange das bestehende Verbot von Pyrotechnik in jeder Form existiert, werden Mitglieder auf den Einsatz jeglicher Pyrotechnik verzichten!“

Die Saalefront Ultras sehen diesen Fan-Kodex als falsch an. In ihrer Stellungnahmen gehen sie darauf ein, dass das Schema „Guter Fan – Böser Fan“ nicht funktionieren kann. Die Ultras sind nämlich der Meinung, „dass eine Unterteilung in Gut und Böse ein Schritt in die falsche Richtung ist, da sich niemand das Recht herausnehmen kann, die HFC-Fans schubladenartig in diese beiden Kategorien zu teilen.“ Weiter gehen sie auf die Emotionen beim Fußball ein: „Wer negative Emotionen ausschließen will, vergisst, dass er automatisch auch die positiven Emotionen bedroht.“

 

Auch andere Fanclubs unterzeichnen nicht

Neben den Saalefront Ultras gibt es auch andere Fans und Gruppierungen, die mit dem „Fan-Ethik-Kodex“ nicht zufrieden sind. Zusammen mit der HFC-FANKRUVE wehrt man sich gegen das Unterzeichnen. Über das Facebook-Profil der HFC-FANKURVE kann man verschiedene Stellungnahmen anderer Fanclubs lesen, die ebenfalls aus dem HFC-Fanszene e.V. austreten bzw. den Kodex nicht unterschreiben werden.

Der Hallesche FC indes meldete sich Anfang Juni auf seiner Website zu Wort und spricht sich vor allem gegen die „Gewaltbereitschaft“ und „kriminellen Energien beim Einbringen und Abbrennen von teilweise hochgefährlicher Pyrotechnik“ einiger Personen aus. Diese „verunglimpfen (…) das bundesweit positive Ansehen des HFC, verursachen Strafzahlungen (…) von mehreren zehntausend Euro und vergiften immer wieder unsere emotional so positive besetzte Fußballatmosphäre (…).“ Es werden in Zukunft die Einlasskontrollen verschärft, Spürhunde öfter eingesetzt und die Videotechnik zwecks Überwachung von Unruheherden aufgebessert.

 

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 Nachfolgend die Stellungnahme der Saalefront Ultras im Wortlaut

Austritt aus dem HFC-Fanszene e.V. – Nein zum Fankodex!

Hiermit möchten wir als Saalefront-Ultras unseren Austritt aus dem HFC-Fanszene e.V. bekannt geben. Neben zahlreichen Fanclubs und Einzelpersonen sehen wir durch den Fankodex, welcher ohne Kenntnis der Mitglieder und Fanclubs erstellt und veröffentlicht wurde, keine Möglichkeit der Zusammenarbeit mehr. Das gemeinsame Vertrauen, welches trotz unterschiedlicher Ansichten vom Fandasein in der Vergangenheit bestand, ist nun leider endgültig zerstört. Nach den Vorkommnissen zum Pokalfinale haben wir eine gemeinsame Aufarbeitung erhofft, jedoch scheint man beim Vorstand des HFC-Fanszene e.V. den Weg der Säuberung zu gehen und sich somit den kritischen und teilweise auch über die Stränge schlagenden Fans endgültig entledigen zu wollen. Eine Diskussion zum Pokalfinale war in der letzten Zeit schon nicht mehr möglich. Mit dem im stillen Kämmerlein entworfenen Kodex wurde ein gewisser Höhepunkt erreicht. Ein Kodex, der lediglich der Fanlandschaft rund um den HFC eine weiße Weste verleihen soll, um Außenstehenden den Wunsch nach einer nahezu sterilen Fanszene zu erfüllen. Der Vorstand des HFC-Fanszene e.V. holt zum Rundumschlag aus, wenn es schon der HFC nicht tut!

In Wahrheit soll damit das vorangetrieben werden, was verschiedene Medien, u.a. zuletzt die MZ, in der Vergangenheit immer wieder gefordert haben: separiert die bösen Fans von den guten! Schmeißt alle raus, die sich nicht an die „Spielregeln“ halten. Dafür ist ein Fankodex natürlich wie geschaffen, um wenigstens im eigenen Verein mal so richtig auszumisten. Was alle Beteiligten hierbei scheinbar übersehen haben, ist jedoch die Tatsache, dass eine Unterteilung in Gut und Böse ein Schritt in die falsche Richtung ist, da sich niemand das Recht herausnehmen kann, die HFC-Fans schubladenartig in diese beiden Kategorien zu teilen.

Emotionen gehören zum Fußball dazu! Positive wie negative! Sie machen den Fußball und seine Atmosphäre erst so einzigartig. Es ist schlichtweg menschlich, dabei auch in Ausnahmefällen unbewusst eine Grenze zu überschreiten. Wer negative Emotionen ausschließen will, vergisst, dass er automatisch auch die positiven Emotionen bedroht. Denn all diejenigen, die nun vertrieben werden sollen, sind doch dieselben, die bei jedem Spiel ihre Mannschaft 90 Minuten nach vorne peitschen. Es sind dieselben, die dem Verein überall hin zu allen Auswärtsspielen folgen. Es sind die, die ihre Freizeit opfern, um riesige Choreografien zu gestalten. Das alles kann nur mit einer Leidenschaft erfolgen, die nun mal große Emotionen hervorrufen kann. Das soll nicht heißen, dass diese Fans nun einen Freibrief haben, um sich jederzeit wie die „Axt im Wald“ benehmen zu dürfen, nur weil sie zum aktiven Teil der Fanszene gehören. Aber man sollte die einzelnen Vorkommnisse, insofern sie denn geschehen, sachlich und zeitnah aufarbeiten – von allen Seiten! Durch Verbote, Kodexe, Ausschlüsse und ähnlichen Maßnahmen wird man die Situation in der Fanszene des HFC nachhaltig nur verschlechtern, da man innerhalb der vielzitierten HFC-Familie Menschen mit der gleichen Passion gegeneinander aufhetzt. Und wer glaubt, mit einem Fankodex eben jene unkontrollierbaren Begleiterscheinungen aus dem Stadion verbannen zu können, der irrt. Denn Emotionen sind nicht planbar. Es gibt kein Drehbuch für ein Fußballspiel. Es gibt keine Garantie für ein Spiel ohne negative Vorkommnisse, weder in Halle, noch sonst irgendwo auf der Welt. Diese wird es nie geben! Den rein rational funktionierenden Menschen gibt es nicht. Der Mensch handelt nicht immer erst nach ausführlicher Überlegung, er neigt zu affektiven Taten. Beim Fußball ist das nicht anders. Somit ist es unserer Meinung nach abwegig, durch einen Verhaltenskodex die HFC-Fans zu einem ausschließlich rationalen Handeln im Umfeld von Fußballspielen verpflichten zu wollen. Der im Kodex geforderte Respekt vor dem Gegner, gepaart mit einem Anti-Diskriminierung-Grundsatz, ist ebenfalls diskussionswürdig. Dass im Stadion niemand aufgrund seiner Herkunft in extremistischer Weise beleidigt werden soll, steht außer Frage, dennoch lebt ein spannendes Derby bspw. auch von kleinen Schmähgesängen zwischen den Fanblöcken. Der Kodex verneint indirekt das scherzhafte Verunglimpfen des Gegners, welches in Maßen einfach zum Stadionerlebnis dazugehört und nicht gestrichen werden sollte!

Nüchtern betrachtet, können wir im Großen und Ganzen doch alle stolz sein auf die hervorragende Atmosphäre in unserem Kurt-Wabbel-Stadion. Jeder von uns geht gern zum HFC, man fühlt sich wohl in seinem Wohnzimmer. Dies wird jedoch nicht länger der Fall sein, wenn nun eine schematische gut-böse-Kategorisierung vorgenommen wird, denn eine Unterleitung in „die“ und „wir“ wird die Fankultur in Halle auf lange Sicht unweigerlich kaputt machen. Insbesondere seit dem Aufstieg in die 3. Liga hat sich rund um unseren Verein sehr viel Positives entwickelt.

Wir werden einer weiteren Spaltung der Fanszene in Halle daher nicht tatenlos zusehen. Wir wollen weiterhin eine Fankultur in Halle fördern, welche sich kreativ, aber auch zuweilen unangepasst und kritisch präsentiert. Mit den zahlreichen Fanclubs der HFC-FANKURVE werden wir uns, wie schon in Teilen bisher passiert, weiterhin zusammensetzen und die geschehenen Dinge weiter auswerten. Wir werden gemeinsam versuchen, zu erörtern, wie ein gemeinsamer Weg für die Zukunft aussehen kann. Der alte Leitspruch “Gemeinsam Unaufhaltsam” soll uns dabei weiterhin als Maxime dienen.

Beim erweiterten Vorstand des HFC-Fanszene e.V. möchten wir uns trotz alledem bedanken, da wir einige Dinge in der Vergangenheit zusammen erreicht haben, auf die wir in froher Erinnerung zurückblicken. Dennoch trennen sich jetzt unweigerlich unsere Wege, auch wenn wir dies rückblickend betrachtet sehr bedauern.

Saalefront Ultras, Juli 2014

jh