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National

Stein, Schere, Panzerfaust

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 15. Mai 2014
Quelle: imago

Plötzlich sind sie da. So überfallartig Red Bull einen Platz auf der deutschen Fußball-Landkarte an sich gerissen hat, so geschmeidig ist Leipzig nun durch das Nadelöhr zur Bundesliga geflutscht. Und machen wir uns nichts vor: Die Bullen nehmen jetzt im Schweinsgalopp Anlauf auf die Deutsche Meisterschaft, nichts anderes wird dem Selbstverständnis dieses Investements gerecht. Leipzig „thinkt big“ und wird sich auf Sicht seinen Platz zwischen Bayern, Dortmund und Schalke erobern.

Die abgründige Abneigung, die dem Klub von Milliardär Dieter Mateschitz bei dieser Unternehmung entgegenschlägt ist mitunter beängstigend. Entweder man ist Rasenballer oder man hasst sie. Aber auch wenn einige mit ihrer Kritik weit übers Ziel hinausschießen, muss man sich doch fragen, was es ist, das in einem Großteil der Fußballanhänger diese Emotionen provoziert.

Was unterscheidet Leipzig von Wolfsburg, Leverkusen oder Wattenscheid?

Einige behaupten doch sogar, das Getöse um den Brauseklub sei viel Lärm um wenig Neues. Wer stellt denn schon noch in Frage, was Bayer Leverkusen in der Bundesliga verloren hat? Haben wir uns nicht zähneknirschend mit dem VfL Wolfsburg arrangiert? Zuckt noch irgendjemand ernsthaft zusammen, wenn der Sky-Reporter „Tor in Sinsheim“ schreit? Und was anderes als ein fußballverrückter Mäzen hätte Wattenscheid seinerzeit in die höchste Spielklasse verschlagen?

Man hat sich über die Jahre daran gewöhnt, dass Leute mit viel Geld dafür sorgen, dass Vereine mit wenig Zuschauern in der Bundesliga spielen. Noch nie jedoch klopfte ein Reißbrettprojekt mit solcher Wucht, Entschlossenheit und Macht ans Tor zur Bundesliga.

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Dass dies niemanden interessieren würde, kann man den Leipzigern immerhin nicht vorwerfen. Der große Andrang zeigt nur, wie verdammt noch eins der Fußball-Osten verdient hat, endlich wieder einen erfolgreichen Erstligisten feiern zu dürfen. Aber natürlich ist auch die Standortfrage nicht weniger als eine wohl bedachte Finte eines ausgeklügelten Marketingplans, der aufzugehen scheint.

Nicht, dass Dieter Mateschitz mit seinem Projekt Gesetzte brechen, Schulkindern das Pausenbrot mopsen oder nur bei Rot über die Ampel gehen würde. Juristisch ist das alles irgendwie koscher. Aber manche Dinge gehör(t)en verboten, weil sie einfach scheiße sind und in diesem Fall, weil RB Leipzig den Fußball zu ruinieren droht. Na klar sind bei anderen Vereinen große und zum Teil noch viel fragwürdigere Sponsoren am Werk, natürlich ächzt die Bundesliga unter der Dominanz der Bayern. Aber alle diese Klubs spielen noch immer irgendwie so ungefähr dasselbe Spiel – und das aus gutem Grund.  Mit der Panzerfaust wird man jede Stein-Schere-Papier-Partie für sich entscheiden, mit einem Rennauto jeden Marathonlauf gewinnen. Aber wozu? Ein sportlicher Wettbewerb funktioniert immer nur unter im weitesten Sinne vergleichbaren Voraussetzungen.

Vielleicht muss es erst so weit kommen wie in England

Dass profitorientiertes Wirtschaften eine Teildisziplin des Fußballsports geworden ist, diese Kröte haben inzwischen alle geschluckt. Gerade dieser Disziplin verweigert sich der Red-Bull-Klub dank praktisch unbeschränkter finanzieller Mittel aber von vornherein. So droht die ganze Veranstaltung am Ende ziemlich witzlos zu werden. Nun ist eine Serienmeisterschaft der „Roten Bullen“ (allein diese monstranzartig präsentierte Marketing-Diarrhoe…) zwar noch in weiter Ferne. Spätestens seit dem heutigen Tag wird sich aber niemand mehr dazu versteigen, sie reinen Gewissens auszuschließen.

Vielleicht muss es erst so weit kommen wie in England, wo Scheichs mit Scheichs konkurrieren, Vereine aufs Feld schicken und umsatteln wie beim Pferderennen. Vielleicht muss neue Chancengleichheit erst dadurch hergestellt werden, dass Geld für alle Spitzenvereine dank steinreicher Investoren irgendwann keine Rolle mehr spielt.

Vielleicht sollten wir so lange aber einfach Tennis gucken gehen. Oder Stein, Schere, Papier spielen. Aber bitte ohne Brunnen!