Anzeige

International

Schweizer Fahndungskonzept: „Wie eine Terroristenfahndung“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 18. August 2014
Quelle: imago

Kommt es in der Schweiz bei Fußballspielen zu Ausschreitungen, setzt die Polizei häufig ein dreistufiges Fahndungskonzept inklusive Internet-Pranger ein. So ganz wasserdicht scheint das Verfahren aber noch nicht zu sein. Fanverteter sind empört.

Beim Spiel zwischen St. Gallen und den Young Boys Bern im Mai letzten Jahres kam es rund um den Gästeblock zu Ausschreitungen. Weil noch immer nicht alle Täter identifiziert sind, stellte die Polizei den Gesuchten Anfang des Monats ein Ultimatum: Sollten sich die gesuchten Fans nicht innerhalb einer Woche bei der St. Galler Polizei melden, würden verpixelte Fotos der Täter im Internet veröffentlicht. Weil die Frist ergebnislos verstrich und auch die Veröffentlichung der verpixelten Fotos nur in sieben von zehn Fällen zu einem Fahndungserfolg führte, sind die Bilder von drei Männern nun seit heute in voller Auflösung im Internet zu sehen.

Als „rechtsstaatlich extrem bedenklich“ bezeichnet derweil Lukas Meier von der Fanarbeit Bern die Fahndungsmethoden der Polizei gegenüber der „Schweiz am Sonntag“: „Das ist beinahe wie bei einer Terroristen-Fahndung.“ Zumal auch nachweislich unschuldige Personen ins Visier der Polizei gerieten.

Anzeige

Fünf Personen zu Unrecht beschuldigt

So auch ein 28-jähriger Berufsschüler, auf den im Büro seines Schuldirektors zwei Zivilbeamte warteten. Nachdem die Polizisten den Verdächtigen zur Staatsanwältin geführt hatten, klärte sich jedoch relativ schnell auf, dass es sich nicht um den Gesuchten handelte. Zwar wurde bei einer Durchsuchung seines Zimmers offenbar verdächtige Kleidung gefunden und auch eine gewisse Ähnlichkeit zum Gesuchten habe wohl bestanden. Doch auf einem Video sei deutlich zu erkennen gewesen, wie der 28-Jährige in grauer Jacke von einem Imbissstand komme – Meter von den Ausschreitungen entfernt. „Das passiert sonst nicht“ soll die knappe Aussage der Staatsanwältin gelautet haben. Auf eine schriftliche Entschuldigung wartet der Berufsschüler bis heute.

Doch dies ist nicht der einzige Fall, bei dem die Staatsanwaaltschaft falsch lag: So erhielten offenbar vier weitere Personen eine Vorladung, die an besagtem Tag überhaupt nicht in St. Gallen waren.

Für Meier sind dies „extreme Eingriffe in die persönliche Freiheit. Da ging jedes Augenmaß verloren.“ Bei der Staatsanwaltschaft sieht man das Ganze jedoch eher pragmatisch, ein Sprecher entgegnet den Vorwürfen schlicht und einfach: „Fänden wir die Maßnahmen nicht verhältnismäßig, würden wir sie nicht anordnen.“

fn