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Hintergründe

Reclaim the Game – Der Kampf gegen den modernen Fußball in England

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 20. Februar 2014
Quelle: imago

England: Beste Liga der Welt, Mutterland des Fußballs, hier entstand die Fankultur wie wir sie kennen. Kein anderes Land war so prägend für diesen Sport. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Galten englische Fankurven lange als Referenz in Sachen Stimmung, bietet sich heute ein geradezu tristes Bild: Die Fankultur in England hat sich gewandelt, die Probleme sind offensichtlich. Der geneigte Manchester-United-Fan etwa kommt an ein Vollzahler-Ticket nicht mehr unter 35 Euro. Fußball ist eine heiß begehrte Ware und hat sich dem Prinzip von Angebot und Nachfrage unterworfen – immer mit dem Ziel maximalen Profits. Da ist es nur logisch, dass die Klubs auf der Insel auch längst wie Unternehmen strukturiert sind.

Gerade diese Strukturen machen sich nun aber viele Fans zunutze, um sich für ihre Belange stark zu machen. In Form von „Supporters Trusts“ kaufen sie Anteile an ihren Vereinen zurück. So gewinnen sie Einfluss und inzwischen sogar Mehrheiten. Über 30 englische Klubs sind bereits wieder in der Hand ihrer Fans, die ihre Stimme nutzen, um sich für bezahlbare Ticketpreise und nachhaltiges Wirtschaften einzusetzen.

Wind of Change

Inzwischen existieren auf der Insel mehr als 170 Trusts, vom Amateurfußball bis in die Premier-League. In mehr als 70 Prozent aller englischen Profi-Klubs hat sich inzwischen ein Trust organisiert. Ihr Dachverband Supporters Direct, der sich seit nunmehr fast 14 Jahren für die Interessen der Fans einsetzt, spricht von 400.000 Fans, die sich inzwischen in Trusts organisieren. Schon über 30 Klubs auf der Insel sind bereits „Fan-owned“, beispielsweise Exeter City, AFC Wimbledon oder Portsmouth F.C.

Wofürsetzen sich die Trusts und Supporters Direct ein?

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Hauptziel der Fanorganisationen ist der Kampf gegen den Ausverkauf, die rasante Kommerzialisierung ihres Sports. Desweiteren setzen sich die Trusts aber auch für fangerechte Bedingungen und faire Eintrittspreise ein. Jeder soll das Recht und die finanzielle Möglichkeit bekommen, am Leben in der Fangemeinde teilzunehmen, niemand wegen seines Einkommens, seiner Hautfarbe oder seines Glaubens diskriminiert werden. Ein weiterer Aspekt, der im Vordergrund der Arbeit steht, ist der Erhalt der Tradition. Die Trusts lehnen etwa in England bereits praktizierte Auswüchse wie Vereinsumbenennungen strikt ab.

Welche Ziele konnten die Trusts schon erreichen?

Mehr als 30 Vereine befinden sich sozusagen im Besitz ihrer Fans. Dabei handelt es sich meistens um unterklassige Klubs. Lediglich bei vier Profiabteilungen sind die Supporter Mehrheitseigentümer (AFC Wimbledon, FC Portsmouth, Exeter City und Wycombe Wanderers), allesamt aktiv in der League Two, der vierthöchsten und untersten Profifußball-Liga Englands. Über 100 Trusts besitzen Anteile ihres Vereins, 73 sind mit mindestens einem Mitglied im Vorstand vertreten.

Durch einen Beschluss der Regierung im Jahr 2011 können Bürger beantragen, Gebäude als Gemeingut eintragen zu lassen, ähnlich dem deutschen Denkmalschutz. Dies hat zur Folge, dass Gebäude mit besonderem sozialen und kulturellen Werten schwerer verkauft werden können. Bisher haben die verschiedenen Trusts bereits 15 Stadien, beispielsweise Anfield Road oder Old Trafford, unter diesen besonderen Schutz stellen lassen.

Warum gibt es keine Supporters Trusts in Deutschland?

DieTrusts versuchen, an möglichst viel Einfluss im Verein zu gelangen.In Deutschland ergeben Trusts in der Form wie England allerdings wenig Sinn, da sich aufgrund der “50+1”-Regel alle Vereine – außer Werksklubs wie der VfL Wolfsburg oder Bayer 04 Leverkusen – sozusagen im Besitz ihrer Mitglieder befinden müssen. Fremde Investoren bekommen erst ein Sonderrecht zugesprochen, wenn sie sich seit über 20 Jahren finanziell im Verein engagieren.

In einer kleinen Serie stellen wir verschiedene „Fan-owned Clubs“ vor. Angefangen beim ersten englischen Klub, der von Fans neu „gegründet“ wurde über FC United, den Kultclub aus Manchester, bis zum FC Portsmouth, der durch ständige Wechsel der Investoren heruntergewirtschatet wurde und aktuell gegen den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit kämpft.