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National

Q-Block Mainz mit eindeutigem Statement gegen Sexismus und Rassismus

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 18. Januar 2018
Quelle: imago

Nach den rassistischen Beleidigungen gegen Leon Balogun und Anthony Ujah beim Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 in Hannover sowie einem BILD-Interview mit Eva-Maria Federhenn, Kandidatin für den Vereinsvorsitz bei den 05ern, haben die Mainzer Fans den Kaffee auf. In einem Text, „der auch in den 80er Jahren hätte geschrieben werden können“, positioniert sich der Q-Block eindeutig gegen rassistische und sexistische Tendenzen in der Gesellschaft. 

Nachfolgend das Statement des Q-Block im Wortlaut: 

Wir schreiben das Jahr 2018. Leider sehen wir, der Q-Block, uns heute gezwungen, einen Text zu veröffentlichen, der auch in den 80er-Jahren hätte geschrieben werden können.
Was passiert ist, dürften wohl alle mitbekommen haben, die sich auch nur ein wenig mit den Geschehnissen rund um unseren Fußballsportverein beschäftigen.

Den Anfang machte standesgemäß der Springerverlag:
„Aber was verstehen Sie als Frau von Fußball?“, fragte die BILD-Zeitung Eva-Maria Federhenn, die am Wochenende auf der Mitgliederversammlung von Mainz 05 als Vorstandsvorsitzende unseres Verein kandidieren wird.
Diese „Frage“ hat schon ihren Namen nicht verdient, schließlich steht die Antwort für die BILD längst fest: Nichts – sonst würde sie die Frage gar nicht erst stellen.
Ich könnte den lieben Herrn Dörr genauso gut fragen: „Was verstehen Sie als BILD-Journalist von ganz grundlegenden ethischen Standards?“

Anschließend wollte die BILD ernsthaft noch wissen, ob Frau Federhenn dann zukünftig „rote Pumps“ tragen werde, schließlich sei das Erkennungs-Merkmal von Hans Kaluza ja eine rote Hose gewesen. Auch hier ist die Antwort von Frau Federhenn völlig gleichgültig, das Entscheidende hatte die Frage längst betont: Frau Federhenn – Festhalten! – ist eine Frau!
Das, was die BILD da macht, ist längst kein „versteckter“ oder „abstrakter“ Sexismus mehr, sondern eine ganz offensichtliche Manifestation völlig veralteter Rollenbilder, chauvinistischer Denkstrukturen und patriarchaler Machtverhältnisse.
Offensichtlich? Für Mainz 05 scheinbar nicht offensichtlich genug, um Frau Federhenn zur Seite zu springen und der BILD mal über das Schandmaul zu fahren. Denn wir schreiben zwar das Jahr 2018 und natürlich sind alle „wunderbar gleichberechtigt“ – aber eben nicht gleichberechtigt genug, um nicht doch noch von der BILD-Zeitung in irgendwelche zurückgebliebenen Gesellschafts-Korsetts gepresst zu werden, ohne dass sich jemand daran zu stören scheint.

Der Q-Block antwortete in Hannover mit den Spruchbändern: „Gegen reaktionäre Rollenbilder! In der Kurve! Im Verein! Und überall!“ sowie „Zähne zeigt, wer´s Maul aufmacht! Solidarisch voran gegen Sexismus!“

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Im Nachgang des Spiels in Hannover kam dann der nächste Tiefpunkt ans Tageslicht: Innenverteidiger Leon Balogun machte öffentlich, dass er und Anthony Ujah von Hannoveraner Fans mit Affenlauten rassistisch beleidigt wurden.
Wer jetzt denkt, dass auf diesen Vorfall ein Aufschrei der Entrüstung folgte, liegt leider nur so halb-richtig. Denn während sich die Club-Offiziellen völlig zu Recht empörten, war in den Kommentarspalten von Facebook und Faszination-Fankurve schnell klar: Nein, so kann das ja gar nicht gewesen sein! Da muss der dumme Balogun etwas verwechselt haben! Schließlich wurde 96-Kicker Ihlas Bebou mit lauten „Bebouuuuuu“-Rufen gefeiert – das muss es gewesen sein!

Abgesehen davon, dass diese Version der Geschichte so einige Fragen offen lässt und nicht besonders plausibel erscheint – Denn wieso sollten die 05-Profis die Ovationen für Bebou als auf sie selbst bezogene Affenlaute verstanden haben?! – ist es doch ziemlich aussagekräftig, dass es in der Diskussion um einen rassistischen Vorfall der erste Reflex zu sein scheint, die rassistische Ebene zu leugnen und das Problem in der Wahrnehmung der Betroffenen zu suchen.
So war es auch in der Diskussion um ein H&M-Werbefoto, das einen schwarzen Jungen in einem Pulli mit der Aufschrift „coolest monkey in the jungle“ zeigt: Plötzlich wurde argumentiert, dass dunkelhäutige Menschen, die sich davon verletzt fühlten, selbst rassistische Denkmuster aufzeigen würden, weil sie ja differenzieren würden, ob der Pulli nun von einem weißen oder einem schwarzen Jungen getragen wird.

Dass nicht wenige dieser Menschen wohl selbst schon Opfer solcher Erniedrigungen wurden – kann man ja mal ausblenden. Dass es Teil der rassistischen Ideologie ist und in kolonialer Tradition steht, schwarze Menschen als minderwertige Tiere anzusehen – geschenkt. Dass schwarze Menschen noch in den 50er-Jahren wie Affen in Zoos ausgestellt waren – vergesst es einfach! Dass dunkelhäutige Fußballspieler in den Stadien mit Affenrufen beleidigt werden – was soll das schon mit einem „coolest monkey in the jungle“-Pulli zu tun haben?!

Es ist – und das gilt in allen diskriminierenden Kontexten – nun mal viel bequemer, über die Empfindlichkeit und die falsche Wahrnehmung einer Minderheit zu diskutieren, als darüber, dass eine Gesellschaft (am Ende vielleicht sogar man selbst?) diskriminierende Denk- und Verhaltensmuster aufzeigt. Mithilfe einer simplen Täter-Opfer-Umkehr lassen sich die eigenen Hände dann wunderbar in Unschuld waschen: Es beginnt damit, dass der arme weiße Mann nicht mal mehr sagen darf, was er denkt. Und es endet mit solchen Begriffen wie „Bomben-Holocaust“ – der Gipfel des deutschen Opfermythos´.

So offenbart schon der Verlauf derartiger Diskurse die zugrunde liegenden Ressentiments der Diskutierenden. Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und Chauvinismus insgesamt sind eben keine Randphänomene, die von den „vermeintlich“ Betroffenen künstlich aufgebauscht werden. Es sind tief verwurzelte gesellschaftliche Probleme, die allein schon dadurch offensichtlich zu Tage treten, dass sie mit der Begründung abgetan werden, dass sie ja nur künstlich aufgebauscht würden.

Und so meint Rouven Schröder sicher das Richtige, wenn er sagt, der Vorfall um Balogun und Ujah sei „unbegreiflich“. Genau das ist er aber eben nicht. Er ist sehr wohl begreiflich. Er ist nämlich das Ergebnis einer nicht nur strukturell und institutionell rassistisch durchwachsenen Gesellschaft. In dieser Gesellschaft werden geflüchtete Menschen zusammengepfercht und in angeblich sichere Herkunftsländer deportiert. In dieser Gesellschaft stehen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte auf der Tagesordnung. In dieser Gesellschaft wird von „Integration“ gesprochen, aber damit „Assimilation“ gemeint. In dieser Gesellschaft darf die Polizei nicht nur mithilfe von Racial Profiling tagtäglich Gewalt und Unrecht ausüben. In dieser Gesellschaft wird derart hysterisch über geflüchtete Menschen diskutiert, dass sogar dreckige Deals mit irgendwelchen Diktatoren akzeptiert werden – Hauptsache, es kommt niemand mehr.
In dieser Gesellschaft sind Begriffe wie „Fotze“, „Jude“ und „Schwuchtel“ auf jedem Pausenhof zu hören. In dieser Gesellschaft haben ein großer Teil der Frauen sexualisierte Gewalt erfahren müssen – und zwar nicht nur in der Kölner Silversternacht, sondern vor allem auf jedem scheiß Schützen- und Oktoberfest, auf jeder Dorfkerb und jeder Fassenachtsparty. In dieser Gesellschaft müssen Frauen in der Regel die schlechter bezahlten Berufe ausüben – und werden selbst in den „besseren Jobs“ schlechter bezahlt. In dieser Gesellschaft schafft es eine neoliberale, rassistische, sexistische, homophobe, chauvinistische, reaktionäre, nationalistische, zum Teil völkische Hetz-Partei in jedem Bundesland in den Landtag.

In dieser Gesellschaft sind solche Vorfälle nicht unbegreiflich, sondern eine zwingende Konsequenz. Wir schreiben das Jahr 2018. Und diese ganze Scheiße gehört endlich abgeschafft! Solidarisch voran!