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Hintergründe

Pyro-Debatte: Keine Frage der Technik

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 14. April 2017
Quelle: imago

Die Fronten in der Debatte um den Einsatz von Pyrotechnik in deutschen Fankurven sind verhärtet: Ungeachtet jeglicher Verbote oder Vorschriften zünden insbesondere Ultras immer wieder reichlich Feuerwerk. Der DFB reagiert darauf mit Strafen, ohne dass sich das Verhalten der Fans dabei in irgendeiner Weise ändern würde. Hoffnung auf einen Ausweg aus der festgefahrenen Diskussion versprach zuletzt die Entwicklung einer ungefährlichen Pyro-Fackel in Dänemark. Doch ist es wirklich die Technik, an der ein legales Abbrennen von Pyro im Stadion bislang scheitert? 

„Ich musste etwas grinsen, als im Winter die Nachricht von der ungefährlichen Pyro-Fackel aus Dänemark die Runde durch die Medien gemacht hat“, sagt Marco Hannemann. Hannemann war früher selbst in der Fanszene aktiv. Vor elf Jahren ist er in die Schweiz ausgewandert und hat dort einen Onlineshop für Pyrotechnik eröffnet. Im Geschäft besitzt er eine Sammlung von rund 170 verschiedenen Fackeln – darunter auch Exemplare, die der Neuerfindung aus Dänemark erstaunlich ähnlich sind.

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Laut Hannemann handelt es sich hierbei um sogenannte Indoor-Bühnenfontänen, die als Brennstoff Nitrocellulose enthalten und die es so in Deutschland bereits seit über zehn Jahren gibt. Der dänische Pyrotechniker habe nun lediglich vier solcher Fontänen verbunden und mit Hülle und Holzgriff versehen, erklärt Hannemann. Der Vorteil solcher Feuerwerkskörper liegt laut dem Experten darin, dass sie bei vergleichsweise geringen Temperaturen (150 – 450°C) und mit wenig Rauch abbrennen. Im Gegensatz zu Seenotfackeln aus Magnesium lassen sich die Bühnenfontänen zudem relativ leicht mit Wasser löschen. Daher wird solches Feuerwerk der Klasse T1 auch häufig bei Konzerten und anderen Veranstaltungen eingesetzt. Ein Abbrennen im Stadion ist laut Sprengstoffgesetz nicht zwangsläufig eine Straftat, sondern wird von Gerichten häufig als Ordnungswidrigkeit bewertet. Die Gewerkschaft der Polizei hat hierzu eine Übersicht der Tatbestände in Zusammenhang mit Pyrotechnik aufgelistet.

 SeenotfackelBengalfackelNeue Fackel aus Dänemark
KategorieP1F1vermutlich T1/P1
CE/BAM - ZertifizierungJaJaTeilweise
Temperatur 1200-1500 °C250-400 °C150-450 °C
ZündungReißzündungZündschnurZündschnur
Chemische ZusammensetzungMagnesium/StrontiumSchwarzpulver/NitrocelluloseNitrocellulose
Mit Wasser löschbarNeinJa (mittel)Ja (leicht)
NachteileTeuerLaut Gebrauchsanweisung nicht in der Hand haltbarSchwächere Farben, endgültige Bauform fehlt

Könnte Bühnenfeuerwerk, möglicherweise sogar abgebrannt in eigens abgesperrten Bereichen, also einen Ausweg aus der festgefahrenen Pyro-Debatte versprechen? Marco Hannemann ist diesbezüglich eher pessimistisch. Denn entscheidend für eine Verwendung von Feuerwerk in den Fankurven sind nicht allein die Vorgaben des Sprengstoffgesetzes, sondern vor allem die Stadionordnungen der Vereine. Hier schreibt der DFB klipp und klar ein Verbot von Pyrotechnik jedweder Art vor.

Dabei gibt es sogar Bengalfackeln, die das Sprengstoffgesetz in die Kategorie F1 einordnet – also in dieselbe Kategorie von Kleinstfeuerwerk wie Wunderkerzen und Knallerbsen. Laut Gesetz dürfen diese Produkte das ganze Jahr über von Kindern über 12 Jahren erworben und selbst im Stadion straffrei verwendet werden. Doch das Hausrecht der Vereine, überwacht von den Argusaugen des DFB, wiegt hier schwerer.

Ob Wunderkerze oder Bengalo – der DFB bleibt hart

Einen Weg in die Kurve könnten selbst kalte Bengalos also nur finden, wenn der DFB sich auf die Argumentation von Fans und Pyrotechnikern einlässt – möglicherweise unterstützt von einem „coolen Verein“, bei dem die aktive Fanszene viel Mitspracherecht genießt. „Einer muss den Kopf hinhalten und sagen: Ich übernehme die Verantwortung“, so Hannemann. „Der Verein, der es haben will, kann es jetzt schon machen – die Technik ist da.“ Doch will sich ein Verein überhaupt derart am DFB aufreiben? Der Exil-Berliner hat große Zweifel. „Wenn da irgendetwas passiert, das gibt doch so eine negative Publicity – die scheißen doch auf die 500 Ultras.“

Beim Verband sieht Hannemann ohnehin schwarz: „Das sind Krawattenträger, die haben ihre eigene Welt, da geht es um Millionen, da geht es um Marketing, um Haftung und Verantwortung – das wird nichts!“ Und tatsächlich bestätigt der Verband auf fanzeit-Anfrage, „dass sich der DFB nach Beendigung der Debatte um Pyrotechnik gegen deren Verwendung in den Stadien ausgesprochen hat. Dies ist auch in den Satzungen und Ordnungen des Deutschen Fußball–Bundes hinterlegt.“ Über die Versuche in Dänemark sei man „selbstverständlich informiert“.

Derzeit deutet also alles daraufhin, dass die Fronten in der Pyro-Debatte verhärtet bleiben – trotz technischer Argumente. Die Ultras zünden, der DFB sanktioniert. Ein Ende ist nicht abzusehen.