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Hintergründe

NH3: Moderner Fußball hat keinen Respekt vor dem Fan

Autor: Johannes Holzapfel Veröffentlicht: 05. Oktober 2014
Quelle: NH3 Facebook

NH3 ist eine italienische Ska-Band, die in ihren Songs auch immer wieder Themen aufgreifen, die mit Fußballfans zu tun haben. Sie alle sind beziehungsweise waren in italienischen Kurven aktiv, kennen deshalb die Spielregeln und haben viele Einblicke, die Außenstehenden verwahrt bleiben. Wir sprachen mit dem Gitarristen und Sänger Simone Gabrielle über den Ultra-Lifestyle in Italien, den Mord im Coppa-Italia Finale und über die Ultra-Szene im Allgemeinen.

Fanzeit: Simone, du bist Gitarrist der italienischen Band NH3. Ihr seid aber auch Fußballfans. Welche Teams unterstützt ihr und warum?

Simone Gabrielle: Nun, ich bin Gitarrist und Sänger der Band NH3 und wie du schon sagtest, sind wir alle auch vertraut mit Fußball. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, dass wir uns gerne mit dem Ultra-Dasein und allem, was damit zu tun hat, beschäftigen. Ich habe selber auch jahrelang Fußball gespielt, sogar in größeren Ligen. Jedoch hat mein Herz immer nur für den Verein meiner Stadt Pesaro geschlagen, auch wenn die jetzt in einer kleineren Liga spielen. Dort gibt es aber auch ein Basketball-Team, das verschiedene nationale und internationale Titel gewonnen hat und auch dort kenne ich einige Fans. Zurück zum Fußball: Wenn ich dir größere Vereine nennen soll, würde ich sagen, dass ich die Kurven von Livorno und Virtus Verona wegen der antfaschistischen Haltung sowie Sampdoria und Atalanta wegen des Kampfes gegen die Stadion-Repressionen unterstütze.

 

Ist jeder in der Band Fan vom gleichen Verein? Wie oft seid ihr im Stadion?

Mit unseren Herzen ist jeder bei unserem Team unserer Stadt, unterstützen tun wir jedoch auch andere Klubs. Manche wurden von ihrem Vater an einen anderen Verein herangeführt, manche mögen die taktische Aufstellung anderer Mannschaften mehr. Bis vor ein paar Jahren waren wir ziemlich oft im Stadion und haben unser Team bei Heim- und Auswärtsspielen unterstützt, aber als die Supporters-Karte (Tessera del Tifoso) eingeführt wurde und die Repressionen gegen Ultras immer größer wurden, wollten wir nicht mehr ins Stadion gehen. Die verfassungswidrigen Gesetze, bei denen freie Bürger irgendwo ihre Daten abgeben müssen, nur um ein Fußballspiel zu sehen, waren uns zuwider.
Schließlich resultierte daraus, dass sich der rechte Flügel in den italienischen Stadien breit machte. Auch die Gewalt wurde nicht geringer. Die Supporters-Karte und die Gesetze haben nichts gebracht, außer dass tausende Fans und Ultras nicht mehr ins Stadion gehen, sondern das Spiel lieber im Pay-TV schauen.

 

Kommen wir mal zu eurer Musik. Was ist euer Style und eure Themen?

Wir spielen „Ska/Core“, weil das der Treffpunkt aller Musik-Genres ist, die jedes Band-Mitglied liebt und hört. Wir glauben an eine „Old School“-Attitüde, bei der „united we stand“ noch etwas zählt. Wir glauben aber auch an den Geist der Integration, weil wir antifaschistisch und antirassistisch geprägt sind. Wir versuchen mit unserer Musik unsere kritische Sichtweise auf Probleme der Gesellschaft darzustellen und ihr Ausdruck zu verleihen. Wir glauben, dass wir in einer großen und globalen Krise leben, und das nicht nur auf ökonomische Werte bezogen, sondern auch auf humane. Wegen diesen Problemen und unserer Einstellung heißt unser neuestes Album auch „RISE UP“.

Lass uns über das Lied „Fuck modern football“ sprechen. Der Titel ist sehr direkt. Was ist „modern football“ und warum mögt ihr ihn nicht?

Moderner Fußball ist, unserer Meinung nach, der Fußball, der nichts mehr mit dem Sport zu tun hat. Moderner Fußball hat keinen Respekt vor dem Fan, er füttert einfach nur die Portemonnaies der Sponsoren mit Geld und kümmert sich um TV-Rechte. Es ist der Fußball, der vorher geplant wird und nicht der Fußball, der auf dem Feld ausgetragen wird. Die Spieler sind Söldner geworden und für ein höheres Gehalt verkaufen sie sich an das rivalisierende Team. Der moderne Fußball ist ebenso gesteuert von politischen Organisationen. Der moderne Fußball ist der Fußball des „Sitzplatzes“, der abhanden gekommenen Leidenschaft, der Verbote für Auswärtsfans – keine Banner, keine Flaggen, keine Schlagzeuge, keine Megaphone. Das Stadion wird zum Theater. Wir sind gegen diese Situation, weil der wahre Fußball aus Leidenschaft gemacht ist, aus Integration. Er gehört zu den Leuten, die sich im Fußball verwirklichen können. Der wahre Fußball ist ein Fußball für Fans, der Supporter mit ihren Liedern und ihren Initiativen, der Stimmung im Block. Der moderne Fußball hingegen gehört ein paar wenigen Präsidenten, die die Ultras und Fans einfach nur als Puppen sehen und nicht als Teil der Gesellschaft. Das alles ist einfach nur eine riesen Sauerei für die Fans, die alles dafür geben, um eine Dauerkarte zu kaufen.

 

In dem Song gibt es die Zeile „Ihr könnt es nicht verstehen, wenn ihr nicht die gleichen Schritte erlebt habt“ – welche Schritte habt ihr durchlebt, um Ultra zu werden?

Hier in Italien haben viele Journalisten und Politiker versucht das Ultra-Phänomen zu analysieren. Meistens mit der Intention, die Ultras zu kriminalisieren. Die Medien taten ihr übriges, um dem Volk klar zu machen, dass das Problem im Land beziehungsweise im Fußball die Ultras sind, die Fans, die in den Ultra-Block gehen und ihre Leidenschaft zeigen oder organisiert zu einem Spiel fahren. Um ehrlich zu sein, gibt es aber andere Probleme: Skrupellose Präsidenten, die nur an ihr eigenes Vermögen denken, Söldner als Fußballspieler, Geldwäsche, Wettskandale und der Einfluss des organisierten Verbrechens auf die italienischen Ligen. Es gibt zu viele Menschen, die über Ultras reden und sich die Freiheit nehmen, mit ihrem Finger auf einen Punkt zu zeigen, ohne zu wissen, worüber sie überhaupt sprechen. Bevor man eine Lösung darstellen will, sollte man schonmal im Block gewesen sein und das Leben eines Ultras, anschauen: Wirkliche Leidenschaft, richtige Freundschaften, wichtige Kämpfe im Leben. Dann hätte man auf jeden Fall einen anderen Blick auf die Ultras.

 

Was ist „Ultra“ für dich?

Das ist einer sehr harte Frage. Ich denke, dass jede Gruppe ihren eigenen Style hat, ihre eigene Idee und auch ihr eigenes Verhalten. Was ich aber mit Sicherheit behaupten kann ist, dass Ultra ein Lifestyle ist. Du kannst nicht entscheiden: „Okay, jetzt bin ich Ultra“. Es ist einfach etwas, was du 24 Stunden am Tag, 7 Stunden die Woche bist und in dir trägst. Ultra zu sein heißt, die Leidenschaft zu leben und außergewöhnlich zu sein, ein Stück weit weg von der Normalität. Man verteidigt, woran man glaubt und was man mag, egal was passiert. Als Ultra trägt man aber auch die Verantwortung für das eigene Handeln. Wir haben selbst festgestellt, dass Ultra auch bedeutet, seine eigene Freiheit zu verteidigen, auch wenn man manchmal dafür bezahlen muss.

 

Sind für euch im Ultra-Dasein auch soziale Aspekte verankert?

Ein Ultra ist eine Person, die Entscheidungen trifft, die ihn selbst darstellen. Als Teil einer Ultra-Gruppe wird man als soziales Phänomen beobachtet. Dieses Phänomen hat bestimmte Regeln und Aktionen, aber das bedeutet gleichzeitig nicht, dass Ultras bestimmte niedergeschriebene Regeln befolgen. Oft, viel zu oft, haben europäische Regierungen versucht mit Gesetzen oder Verordnungen gegen die Ultras vorzugehen. Aber sie vergessen: Die Menschen sind alle sehr unterschiedlich, mit eigenen Gedanken. In vielen Kurven spielen soziale Aspekte auch eine Rolle und viele Dinge werden organisiert: Fund-Raisings, Demonstrationen gegen Rassismus/Faschismus, gegen die Repressionen. Auch in Kurven ohne politische Orientierung findet man Menschen mit verschiedenen Werten. Vereint werden sie durch ihre Leidenschaft für ihr Team und dem Verteidigen der Stadt und dem Gebiet, wo sie wohnen.

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Ihr habt auch einen Song der „Against Racism“ heißt. Denkst du, dass Fußballfans im Kampf gegen Rassismus helfen können? Zumindest im Stadion?

Ich bin mir sicher, dass das so ist. Viele Ultra-Gruppen wie zum Beispiel die von Livorno, Virtus Verona, Celtic, Marseille oder vielen anderen Vereinen haben Sensibilisierungskampagnen gegen Rassismus durchgeführt. Die Ultras könnten sehr wichtig für die Gesellschaft werden, vor allem jüngere Menschen, die mit kritischen Ultras aufwachsen, können so positive Aspekte für das Miteinander vermittelt bekommen.

 

 

Was denkst du über die Situation in Italien? Sind dort viele Kurven rassistisch geprägt? Mit Balotelli, Constant und Boateng fallen uns auf Anhieb drei Vorfälle ein, in denen Spieler rassistisch beleidigt wurden.

Momentan ist die Situation in Italien schon alarmierend. Ein großer Teil der italienischen Kurven hat eine rechte Orientierung und die generelle Meinung ist auch eher gegen eine Integration, das sieht man vor allem nach der Ankunft neuer Immigranten im Süden Italiens. Federcalcio, der italienische Fußballbund, hat einige Gesetze gegen Rassismus gestartet, die aber schwierig durchzuführen sind. Es ist wahr, dass oftmals Fußballspieler, vor allem die, die du genannt hast, Ziel einer rassistischen Bewegung werden. Aber man muss auch sagen, dass viele Spieler verwöhnte Kinder sind. Balotelli ist zum Beispiel in vielen Städten verhasst, nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern wegen seines dummen Verhaltens.

 

Im Finalspiel der Coppa-Italia ist ein Napoli-Fan nach einem Schuss eines Roma-Fans gestorben. Ist beziehungsweise war das ein großes Thema in den italienischen Medien? Was denken die „normalen“ Leute über den Fußball, die vielleicht nicht jedes Wochenende im Stadion sind?

Es war eine wirklich schreckliche Verbrechens-Story, die durch das komplette italienische Medienfeld lief. Das Problem ist, dass die Medien versucht haben, jede einzelne Ultra-Kurve in Italien in den Dreck zu ziehen. Das hat den „normalen Supporter“ dazu gebracht sich in Gefahr zu fühlen und diese ganze Geschichte auf seine Weise zu interpretieren, auch wenn er gar nicht wusste, was genau nun passiert war und ohne alle Gedanken oder Aktionen zu verstehen. Es wäre heuchlerisch zu sagen, dass in den Kurven keine Kriminellen stehen. In den großen Ultra-Gruppen ist es sehr schwierig, das Verhalten von manchmal 25.000 – 30.000 Leute zu kontrollieren. Die normalen Leute sind eingeschüchtert und haben Angst. Gewaltdelikte passieren nicht bei jedem italienischen Fußballmatch und selbst wenn sie geschehen, liegt das oft an der nicht erfolgreichen Organisation der Spiele oder den alten Stadien. Oft werden die Kurven für Ziele von Organisationen benutzt und oft sind hinter den Kurven die Ultras an die Politik gebunden. Das Verbrechen im Coppa Italia ist jenseits der Ultras, es sieht so aus, als ob es zwischen zwei Gangs abgehalten wurde – die Medien nutzen die Gegebenheiten einfach für sich aus.

 

Es kommt einem so vor, als ob italienische Ultras (zum Beispiel der Capo von Napoli) einen großen Einfluss auf die Medien und die Polizei haben. Ist das korrekt?

Vielleicht ist da eine Verbindung zwischen den Anführer der größten Ultra-Gruppen, aber es ist nicht so ein großer Einfluss, wie man vielleicht denken könnte, vor allem im Zusammenhang mit dem Einfluss auf die Polizei. In den meisten Ultra-Gruppen ist der Capo einfach nur ein charismatischer Anführer, der von der Gruppe akzeptiert wird.

 

In „Fuck modern Football“ singt ihr „Wir werden hier sein – was auch immer passiert.“ Seid ihr euch dessen sicher? Was muss passieren, dass ihr nicht mehr ins Stadion geht?

Wir gehen nicht mehr ins Stadion, weil wir die Gesetze nicht akzeptieren. Wir gehen nur ins Stadion, wenn wir uns dort auch frei fühlen können. Das Zitat soll eher ausdrücken, dass sie uns überall hinbringen können und Gesetze verabschieden können wie sie wollen. Die Leidenschaft und die Lust am Fußball, an unserem Spiel mit unseren Gesetzen, mit der Liebe zur Stadt, mit unseren Shirts, mit unserer Gruppe wird immer da sein. Man kann sich nicht entscheiden Ultra zu sein. Man ist einfach ein Ultra, es ist ein echter Lifestyle.

 

Wir bedanken uns für deine Zeit! Möchtest du noch etwas los werden?

Ein Gruß geht raus an alle die gegen Repressionen kämpfen, im Stadion, auf den Straßen, überall. Eine der aufregendsten Sachen an unserer Europa-Tour sind die Leute, die da nach unseren Shows zu uns kommen, mit uns reden und mit Stolz ihre Fanschals präsentieren. Sie erzählen uns von der Realität in ihren Städten. Bringt Farbe in die Stadien und schreit so leidenschaftlich, dass ihr eure Stimmen verliert. Wir hoffen, dass wir noch ein Bundesliga-Spiel sehen können, wir kennen unglaubliche Fans in Deutschland.

 

jh