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Hintergründe

Neustrelitz will nicht nach Berlin!

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 10. April 2014
Quelle: imago

Stell dir vor, dein Verein steigt auf – und zieht weg. Nach Berlin. Und Berlin ist mal schlanke eineinhalb Autostunden entfernt. Bei guter Verkehrslage, und wann herrscht die schon? Was nach dem jüngsten Schildbürgerstreich einer dieser kaum mehr zwielichtig zu nennenden Investoren klingt, ist weder erfunden noch spielt er in England, sondern – im weitesten Sinne – vor den Toren der Hauptstadt.

Neustrelitz eilte bisher nicht unbedingt der Ruf als London des Weltfußballs voraus, nicht mal der des Gelsenkirchens. Wenn zuletzt von der TSG Neustrelitz die Rede war, dann meist auch von Thomas Brdaric. Der ehemalige Sportdirektor von Bunyodkor Taschkent und noch ehemaligere Fußball-Nationalspieler hat dem Klub an der Mecklenburgischen Seenplatte nicht nur vermittels seines Namens ein wenig seiner Prominenz verliehen: Die TSG marschiert in der Regionalliga Nord-Ost vorneweg und muss sich inzwischen ziemlich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen, was wären wenn.

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Ein Aufstieg in die 3. Liga ist sportlich zwar noch ein gutes Stück weit weg, schließlich gilt es nach der Meisterschaft noch eine Relegation gegen einen anderen Regionalliga-Sieger zu gewinnen. Doch wer bereits sieben Punkte Vorsprung auf Platz zwei hat und große Namen wie den 1. FC Magdeburg oder Carl Zeiss Jena deutlich auf die Plätze verweist, der ist gut beraten, sich schon einmal mit allen Eventualitäten auseinanderzusetzen.

Genau an dieser Stelle wird die schöne Geschichte vom Außenseiter, der plötzlich Spitzenreiter ist, betrüblich. Noch immer hat die Stadt es nicht geschafft, das Parkstadion für die Regionalliga flott zu machen. Immerhin steht der Abschluss der Bauarbeiten für eine Flutlichtanlage in Aussicht, damit Spiele künftig auch nach Einbruch der Dunkelheit ausgetragen werden können – gerade im Winter ein unschätzbarer Vorteil. Doch um die Spielstätte gleich auch für den Profifußball einzurichten, fehlt noch so einiges mehr. Für die 3. Liga ist etwa eine Mindestkapazität von 10.000 Zuschauern Pflicht – ins Poststadion passen gerade mal 7.000. Von Ausbaukosten in Höhe von 3 Millionen Euro ist die Rede. Das Land Mecklenburg-Vorpommern soll wohl bereit sein, Fördermittel an die Stadt zu vergeben und so über Umwege 90 Prozent der Baukosten zu stemmen. Die Stadt müsste als Bauherrin weitere 300.000 Euro zusteuern, gibt sich aber zögerlich.

Weil dem Verein trotz aller Unwägbarkeiten die Zeit davon läuft, sind längst andere Pläne gediehen. Die „Fußball-Woche“ meldet, dass die TSG im Fall der Fälle wohl nach Berlin ausweichen will, genauer: In den Jahn-Sportpark. Dort spielt mit Union Berlins U23 aber bereits ein aktueller und dem BFC Dynamo ein kommender Regionalligist. Trotz drohender Überschneidungen hat der Verband den Plänen zur Umsiedlung offenbar bereits zugestimmt. Für die Fans der TSG sind diese Gedankenspiele schlichtweg unerträglich, schließlich liegt die Hauptstadt satte 120 Kilometer südlich von Neustrelitz. Um den Stadionumbau durchzuboxen, hat die Fanunterstützungs TSG bereits eine Petition ins Leben gerufen uns sammelt Stimmen für den Umbau in der Heimat. „Wir wollen eine gemeinsame Finanzierung von Land, Stadt und Verein, damit auch weiterhin die Heimspiele unserer TSG im Parkstadion ausgetragen werden. Wir fordern eine bessere Unterstützung der Stadt bei der Umsetzung der Pläne für den Aufstieg, damit unser gemeinsamer Traum von Fußball in Liga 3 Wirklichkeit wird“, heißt es da.

Thomas Brdaric hat weniger Geduld und sich bereits völlig anderweitig orientiert. Trotz der Aussicht auf den Drittliga-Aufstieg will der Trainer sein Amt aufgeben. Auf einer Pressekonferenz am Freitag soll bekanntgegeben werden, ob mit sofortiger Wirkung oder erst zum Saisonende. Es macht den Eindruck, der größte Erfolg der Vereinsgeschichte den Verein teuer zu stehen kommen könnte.