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Hintergründe

Nachhilfe in Sachen Ultra

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 10. Mai 2015
Quelle: San Jose Ultras

Fußballfans in den USA? Sitzen auf ihren dicken Hintern, stopfen Hotdogs in sich hinein und machen höchstens mal Lärm, wenn gerade der Eismann in der Nähe ist. Soweit das Klischee. Doch in den letzten Jahren hat sich in den Staaten in Sachen Stimmung einiges getan: Optisch und akustisch sind bei den Supporter Groups der amerikanischen Major League Soccer sogar Parallelen zu den hiesigen Ultragruppen zu erkennen, nicht zuletzt dank ein wenig Nachhilfe aus Europa. Doch wie authentisch ist die noch junge Ultra-Kultur in den USA? 

Als Dan Margarit vor 15 Jahren aus Rumänien in die USA kam, muss er sich bei seinen ersten Stadionbesuchen bei den San José Earthquakes gefühlt haben wie jemand, der sein Leben lang Heavy Metal gehört hat und sich plötzlich auf einem Konzert von Justin Bieber wiederfindet. In Rumänien war Dan Mitglied der berüchtigten Armata Ultras von Steaua Bukarest, der mit bis zu 4.000 Mitgliedern landesweit größten Ultragruppe. Die Regeln dieser Gruppe bei Steaua-Spielen waren so ziemlich das Gegenteil dessen, was Dan in den USA vorfand: Bei den Armata Ultras herrschte während der Spiele striktes Rauch-, Ess-, Trink- und Sitz-Verbot, die Fans sollten sich voll und ganz auf den Support der Mannschaft konzentrieren. Doch nun also Klatschpappen statt Pyro, nette Familienatmosphäre statt Durchdrehen in der Kurve.

„Eine Ultragruppe aus einer Fanbasis zu entwickeln, die nur Lärm macht, wenn es T-Shirts oder Burger umsonst gibt, war ziemlich hart und frustrierend“

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Weil er die Ultrakultur seiner Heimat bei den Spielen im Spartan Stadium vermisste, entschloss Dan sich im Jahr 2003 mit den „San Jose Ultras“ eine Ultragruppe nach europäischem Vorbild zu gründen. Doch es gab durchaus einige Startschwierigkeiten: „Solch ein komplexes Konstrukt wie eine Ultragruppe aus einer Fanbasis zu entwickeln, die nur Lärm macht, wenn es T-Shirts oder Burger umsonst gibt, war ziemlich hart und frustrierend“, sagt Dan rückblickend. Doch neben einigen Fans mit südamerikanischen Wurzeln, begannen sich auch ein paar einheimische Anhänger für den neuen, chaotischen Haufen in Block 135 zu interessieren, der das ganze Spiel über stand und die Mannschaft ununterbrochen anfeuerte. Allerdings benötigten die Neu-Ultras durchaus noch etwas Nachhilfe in Sachen Support: „Mit diesen Leuten mussten wir wirklich bei Null anfangen“, erinnert sich Dan. „Sie fragten, warum wir Fahnen schwenken sollten, warum wir 90 Minuten singen sollten und so weiter. Ihnen fehlten jegliche Grundkenntnisse.“

Doch mit der Zeit machte die Gruppe Fortschritte und bekam im September 2007 sogar unerwartete Verstärkung. Die „1906 Supporters“, die bislang den Zweitligisten California Victory unterstützt hatten, schlossen sich den San Jose Ultras an, nachdem sich ihr Verein bereits nach nur einer Spielzeit wieder vom Spielbetrieb abgemeldet hatte. Was hierzulande absurd klingt, ist in den USA durchaus nicht unüblich. Denn in der MLS spielen keine Vereine im eigentlichen Sinne, sondern Franchises. Vereinfacht gesagt heißt das: Wer Lust auf professionellen Fußball hat und über ausreichend Kleingeld verfügt, kann bei der Liga einen Antrag auf Zugehörigkeit stellen, Auf- und Abstiege gibt es nicht.

„Wir sind unbequem.“

Doch wie passt diese bis zum Zerbersten durchkommerzialisierte Liga zum „Gegen den modernen Fußball“-Mantra der Ultras? Gar nicht mal so gut, findet auch Dan: „Die ganze Welt verändert sich und Fußball ist nur ein Teil davon“, sagt er. „Leidenschaftliche Fans wie wir sollen vertrieben werden und Platz machen für Konsumenten, die sich wie Roboter benehmen.“ In der Tat sind die Ultras bei den Liga-Verantwortlichen und auch bei den Vereinen alles andere als beliebt. „Weil wir immer sagen, was wir denken und uns weigern, uns wie Puppen zu verhalten“, vermutet Dan. „Wir sind unbequem.“ So gab es in der Vergangenheit schon des Öfteren Konflikte mit Verantwortlichen, weil sich die  San Jose Ultras auf Bannern über andere Fangruppierungen lustig gemacht hatten. Insbesondere ärgert sich Dan dabei über das Verhalten der Timbers Army, der größten Fangruppierung des MLS-Klubs Portland Timbers: Anstatt mit einem eigenen Banner zu antworten, würden sich diese jedes Mal bei lokalen Medien sowie Vereins- und Ligaverantwortlichen beschweren und Stadionverbote für die San Jose Ultas fordern.

Auf Seite 2: Von ungeahnten Parallelen zu Europa und weiten Auswärtsfahrten.