Anzeige

Hintergründe

„Mit den Fans von morgen zu arbeiten wird sich einmal auszahlen“

Autor: Johannes Holzapfel Veröffentlicht: 11. August 2014
Quelle: Show Racism the Red Card

Fanzeit sprach mit Andreas Hellstab, Geschäftsführender Vorstand bei Show Racism the Red Card – Deutschland e.V., über die Präventivarbeit der Organisation mit Kindern und Jugendlichen, einen Film mit Jérôme Boateng und interaktive Workshops.

Fanzeit: Wie kamst du auf die Idee, ein deutsches Pendant gegenüber der englischen Organisation zu gründen? Gab es dazu einen besonderen Grund?

Andreas Hellstab: Ich habe 2010 ein Praktikum bei der englischen Initiative „Show Racism the Red Card“ in Newcastle gemacht und fand den Ansatz super. Da Fußball in Deutschland und England ähnlich populär ist, dachte ich mir, das könnte auch hier auch funktionieren! Also habe ich mir ein paar Erfahrungen und Ratschläge eingeholt und habe the Red Card Deutschland gemeinsam mit Freunden ins Leben gerufen. Auch das englische Projekt hatte 1996 mit nur zwei Leuten angefangen und erreicht heute bis zu 50.000 Kinder im Jahr – also war ich da ganz zuversichtlich.

 

Ihr nutzt die mediale Aufmerksamkeit bekannter Fußball- oder Sportgrößen, um damit mehr Leute mit eurer Arbeit erreichen zu können. Wie ist die Resonanz der Sportler? Sind sie von der Idee angetan?

Wir nutzen zwar die mediale Präsenz der Sportler/innen – gerade in unserem Film – für uns ist aber vor allem wichtig, dass wir mit den Sportler/innen bei den Workshops zusammenarbeiten können. Das bedeutet mehr als nur kurz zu erscheinen und Autogramme zu geben. Bei uns sind die Spieler/innen in einem geschützten Raum meist ohne Presse und sprechen mit den Kids über persönliche Erfahrungen, die sie den Medien vielleicht nicht preisgeben würden. Das ist für die Bildungsarbeit viel wichtiger: Eine Vertrauensbasis aufzubauen als irgendein mediales Echo. Und für die Spieler/innen sehr viel entspannter als Pressetermine. Das merkt man denen auch an. Starallüren werden außen vor gelassen.

 showracism

Wenn wir von bekannten Stars reden: Wer ist denn so dabei und unterstützt euch? Gibt es auch Profis, die sich mehr engagieren als andere? Beispielsweise welche, die selbst aktiv an Workshops teilnehmen oder Ideen miteinbringen.

Otto Addo,Viola Odebrecht, Roberto Hilbert, Andi Beck und Jimmy Hartwig sind mitunter unsere aktivsten unter den Supportern. Es gibt aber auch noch viele weitere bekannte Spieler/innen wie Anja Mittag, Jerome Boateng oder Gerald Asamoah, die uns mit unserem Film unterstützt haben. Außerdem haben wir bei fast jedem Workshop bei den Vereinen einen Profi aus der ersten Mannschaft zu Gast.

 

In eurem Projektfilm ist die Rede davon, dass ihr euch vor allem auf jüngere Menschen im Alter von 9-14 Jahren spezialisiert. Warum genau auf diese Altersgruppe?

Ein präventiver Ansatz ist uns wichtig. In dem Alter sind die Kinder noch offener und Vorurteile und politische Ansichten sind noch nicht so gefestigt. Außerdem sind das die Fans von Morgen und wie wir wissen gibt es besonders im Hinblick auf Rassismus weniger Probleme innerhalb der zunehmend international geprägten Teams, sehr wohl aber mit den Fangruppen. Hier früh anzusetzen wird sich einmal auszahlen.

 

Was war bisher euer größtes Projekt?

Seit diesem Jahr arbeiten wir zusätzlich mit unserem Doku-Film „Wie im falschen Film – Geschichten aus dem Fußball“.  Da kommen Spieler/innen persönlich zu Wort – von Anja Mittag bis Jerome Boateng. Das ist eine prima Grundlage für unsere Workshops. Der Film war dabei sicherlich unser bisher größtes Projekt. Das war viel Kontaktpflege, Vorbereitungszeit und dann 4 Monate intensive Arbeit am Film selbst. Was Workshops angeht war Chemnitz dieses Jahr ganz vorne mit dabei, weil Verein, Stadt und Land gemeinsam Kooperationspartner sind und wir somit ganz viel realisieren können wo es andernorts oft an Willen oder Mitteln fehlt.

Anzeige

 

Wie hat sich eurer Meinung nach die Diskriminierung seit eurer Gründung 2010 bis heute verändert? Gibt es in deutschen Stadien weiterhin viele rassistische Vorfälle oder gehen diese eher zurück?

Wir haben uns nie als dafür geeignet gesehen, den Alltag im Stadion zu ändern. Ich denke Diskriminierung als gesamtgesellschaftliches Phänomen ist konjunkturellen Schwankungen unterworfen. Wechselnde Feindbilder spielen eine große Rolle, grundsätzlich bleiben Vorurteile aber in der Mitte der Gesellschaft enorm präsent, das belegen ja auch immer wieder Studien wie z.B. die der Friedrich Ebert Stiftung.

Wie bewertet ihr die Vorfälle in Braunschweig oder Dortmund, wo es vermeintliche Konflikte zwischen linken und rechten Fans gab und gibt? Seid ihr auch dort aktiv und wollt etwas verändern?

Da ist der Verein und das Umfeld gefordert. Als präventives Projekt können wir da wenig machen. Wir sehen aber, dass es aktive Fans gibt, die dort aktiv sind. Diese sollten unserer Meinung nach in Ihrem Engagement unterstützt oder zumindest nicht behindert werden.

 

Momentan sind viele Ultra-Gruppierungen sozialkritisch unterwegs und immer mehr aktive Fans sprechen sich gegen Rassismus, Homophobie und Diskriminierung im Allgemeinen aus. Was würde passieren, wenn diese Gruppen und Fans wegfallen?

Das ist natürlich spekulativ. Es ist zunächst einmal schön zu sehen, dass die Fankultur lebend und vielfältig ist und bleibt. Gerade die Ultras tragen zur tollen Stimmung in den Stadien bei. Ein super Aushängeschild für die deutschen Ligen. Die Ultras prangern Missstände an und das oft sehr deutlich. Falls das wegfallen würde verliert der Fußball meiner Meinung nach einen großen Teil dessen was ihn für viele Menschen so attraktiv macht.

 

Seid ihr generell im Kontakt mit anderen Organisationen  wie „Fußballfans gegen Homophobie“ oder „Let’s kick racism out of football“ der englische Variante von „Show Racism the Red Card“?

Ja, wir stehen im Kontakt mit anderen Organisationen, oftmals fehlen aber leider Zeit und Mittel für eine konkrete Kooperation.

 

Momentan hat Show Racism the Red Card noch ein weiteres Projekt am Laufen: „Wie im falschen Film“ soll auf eine Roadshow gehen, dafür könnt ihr hier spenden. Alle weiteren Informationen zum Projekt findet ihr hier.

„Show Racism the Red Card – Deutschland e.V.“

Arbeit: Interaktive Sensibilisierungs-Workshops zu den Themen Rassismus und Diskriminierung
Zielgruppe: Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 14 Jahre, aber auch für junge Erwachsene
Einsatzort: Am liebsten im Stadion selbst
Wichtiges Anliegen: Kein Frontalunterricht; die Kids sollen mitmachen und auch – in den meisten Fällen – von Profispielern lernen; Präventiv-Arbeit
Workshops: Circa 50 Workshops á 25 Teilnehmer (jährlich)
Finanzierung: Stiftungen, Ministerien und Unterstützer/innen
Besonderes: Doku-Film „Wie im falschen Film – Geschichten aus dem Fußball“

jh

 

Schreibe einen Kommentar