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Hintergründe

„Mich kriegt keiner und den HSV versenke ich schon irgendwann“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 08. Mai 2015
Quelle: imago

Wissen Sie eigentlich, wer dem „Wonnemonat“ Mai seinen unbescheidenen Beinamen verliehen hat? Angeblich soll Karl der Große den Begriff geprägt haben. Allerdings steht da auch noch jemand anderes im Verdacht: Kaum jemand hat schließlich so viel Spaß am fünften Monat des Jahres wie das Abstiegsgespenst. In diesem Jahr könnte es sogar sein Opus Magnum schaffen – einen spannenden Abstiegskampf, der am Ende den letzten Niemals-Absteiger in die 2. Bundesliga verfrachtet.

Das wollten wir natürlich genauer wissen und haben vor dem Saisonfinale mit dem echten und einzigen Abstiegsgespenst gesprochen: Über das schwierige Verhältnis zu Jürgen Klopp, wie RB-Flügel gegen den Abstiegskampf helfen und die ewige Jagd auf den Bundesliga-Dino.

 

Beginnen wir mit einem Kompliment. Beim Blick auf den Tabellenkeller muss man feststellen: Sie sind vielleicht auf dem Zenit ihres Schaffens. Wenn die halbe Liga zittert, bedeutet das für Sie aber vor allem Stress, oder? An fünf, sechs Orten gleichzeitig Angst und Schrecken zu verbreiten – dafür brauchte Franz Beckenbauer 2006 noch den Heli. Wie gelingt Ihnen das trotz Bahnstreik?
Erst einmal vielen Dank für das Kompliment. Ich fühle mich geehrt, kann das aber so und vor allem zu diesem Zeitpunkt noch nicht annehmen. Der letzte Spieltag liegt noch vor uns und so wie ich das geplant habe, lasse ich da nochmal so richtig die Kugel von der Kette. Sie erinnern sich vielleicht an das Finale der Saison 1998/99, die beste Radio-Schlusskonferenz, die ich je initiiert habe. Frankfurts Fjörtoft mit Übersteiger beim 5:1 gegen Lautern, Radioreporter Günter Kochs legendäres Zitat „Wir melden uns vom Abgrund!“ bei der Nürnberger Niederlage gegen Freiburg, der Wahnsinn pur. Ich denke, das war eine ganz große Saison, die ich da hingelegt habe. Aber ich bin mir sicher, dass ich das in diesem Jahr noch toppen werde. Tiefer, tiefer, immer tiefer, ist meine Devise. Und der große Günter Koch wird am letzten Spieltag sicher noch mehrmals zitiert werden, wenn es wieder heißt: „Ich pack das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen!“ Und übrigens, Herr Weselsky und ich sind gute Freunde. Wobei in der Beziehung ich das Abstellgleis bin und er der Prellbock.

Ähnliches Thema, andere Gewerkschaft: Der Bundesliga -Dino und Sie – das ist inzwischen doch eine Geschichte wie Captain Ahab und Moby Dick. Joe Zinnbauer, Peter Knäbel, Bruno Labbadia, zwölfeinhalb Saisontore – das muss doch irgendwann mal für die Zweite Liga reichen. Warum beißen Sie beim HSV immer wieder ins Laken?
Das ist eine gute Frage. Seit mittlerweile mehr als fünfzig Jahren kriege ich den HSV nicht runter. Das mag daran liegen, dass er im Vergleich zu vielen anderen Klubs in der Liga nach wie vor eine Seeler hat. Ich glaube aber, dass ich die von Ihnen angesprochene Melville´sche Geschichte irgendwann zu Ende schreiben kann. Sie haben sie nur falsch interpretiert: Ich bin nicht Captain Ahab, ich bin (wie am Äußeren unschwer zu erkennen) Moby Dick. Und der HSV ist die Pequod. Sprich: Mich kriegt keiner und den HSV versenke ich schon irgendwann. Aber vermutlich führt uns die Diskussion zu sehr in die Tiefen der literarischen Liga-Intellektualität. Dann doch lieber „Wilhelm Tell“, weil ich es immer mag, wenn im Verlauf des Spiels jemand daneben schießen könnte.

 

 

Haben Sie sich dennoch inzwischen in Hamburg eingerichtet oder pendeln Sie noch immer? Auch der FC St. Pauli muss schließlich zittern – oder stehen Sie einfach nur auf Totenköpfe?
Eine ebenso gute Frage, an der mein Laken innerlich fast zerreißen möchte. Ehrlich gesagt, der Hamburger Weg gefällt mir gar nicht. Sie müssen das so sehen: Wenn in Hamburg Dom ist, sind in jeder Geisterbahn haufenweise Verwandte von mir unterwegs. Und wenn Pauli spielt oder meinetwegen auch die Pequod, danach kommen sie immer alle gern zum Geisterbahnfahren auf den Dom. Wissen Sie: Nichts ist schöner, als sich eine Zeit lang erschrecken zu lassen, um dann sagen zu können: „Haha! War nur ein Scherz!“ Ich darf zwar eigentlich nicht so denken, aber da spielen eben auch familiäre Gründe eine Rolle. Soll ich Schwager Kuno von der Geistergrotte quasi arbeitslos machen, weil kein Mensch mehr auf den Dom kommt, wenn das Millerntor nicht voll ist? Das ist für meine Verwandten durchaus von ökonomischer Relevanz. Gestatten Sie mir übrigens einen der so oft verpönten Wortwitze: Wenn ich Pfälzer wäre, hätte das natürlich önologische Relevanz. Und mit Weinen, das können Sie mir glauben, kenne ich mich aus.

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Eine beinahe, Achtung, sport-„Buh“-litische Frage: Wie stehen Sie eigentlich zur Relegation?
Um es kurz zu machen: Find ich geil. Je länger die Saison dauert, umso mehr Spaß hab ich dran. Klar, man könnte das Ganze auch relativ kurz und schmerzlos am letzten Spieltag durchprügeln. Aber, und erlauben Sie mir den nächsten Wortwitz, mit Blick auf den HSV in der vergangenen Saison: Das fürth doch zu nichts. Damals allerdings, das muss ich zugeben, habe ich kolossal versagt. Die Hamburger haben mich so dermaßen abgefüllt am Tag vor dem entscheidenden Spiel, ich konnte nicht mehr klar denken. Und statt „Versager“ kam mir nur noch ein gelalltes „Lasogga“ über die Lippen – mea culpa, auf jeden Fall.

„Allein für den Klopp ist doch der Begriff ‚Übungsleiter‘ erfunden worden. Er wollte sie nur nicht hinuntersteigen.“

Sie haben in dieser Saison auch erstmals engere Bekanntschaft mit Jürgen Klopp respektive dem BVB gemacht, sich dann allerdings recht schnell wieder aus den Augen verloren. Hat die Chemie nicht gestimmt?
Natürlich nicht. Das war zum Haareraufen. Ich mache und tue und probiere und die schmeißen den einfach nicht raus. Allein für den Klopp ist doch der Begriff „Übungsleiter“ erfunden worden. Er wollte sie nur nicht hinuntersteigen. Dass er jetzt, zum Schluss der Saison, seinen alt gewordenen Klepper sogar freiwillig in der bayrischen Wüste verdursten lässt, das empfinde ich sogar als persönliche Beleidigung. Aber man kann nicht alles haben, oder anders: Auf das Tuchtelmuchtel in der kommenden Saison freue ich mich schon.

Sie haben sich in den letzten Jahren nie ins Nachthemd gemacht, wenn es großen Namen an den Kragen gehen sollte. Dafür könnten wir in der kommenden Saison eine Bundesliga mit Wolfsburg, Paderborn, Ingolstadt und Hoffenheim erleben. Haben Sie etwas gegen Traditionsvereine?
Nö. Im Gegenteil, die einzige Tradition, die ich kenne, heißt Abstieg. Und im Gegensatz zu einigen neureichen Klubs wird es die immer geben.

Um das Thema RB Leipzig kommen wir gerade deshalb nicht herum: Angesichts der riesigen finanziellen Mittel des Hauptsponsors haben bereits viele darüber spekuliert, dass sie den Klub boykottieren werden.
Schön wär’s. Ich sag Ihnen eines, der Mateschitz hat mich vor ein paar Wochen eingeladen, ich war zu Gast in Österreich. Da hat er ja eine Formel 1-Strecke „renoviert“, damit seine Boliden auch mal ein Heimspiel haben. Und ich sage Ihnen was: Wir haben gesoffen wie die Löcher. Seit dem Meeting mit dem Mateschitz kann ich nicht mehr schlafen, dennoch denke ich, dass die Formel 1 auf dem absteigenden Ast ist. Und wenn ich das schaffe, sollte sich Leipzig für den größten anzunehmenden Erstligafall mal gar keine Gedanken machen. Ich habe nichts gegen Sponsoring. Ich bin auch nicht unbestechlich (please mail to: abstiegsgespenst@tabellenkeller.de), aber eins kann ich Ihnen sagen: Über die Flügel kommt bei mir keiner zum Erfolg.

 

Da soll nochmal einer sagen, der HSV kriegt nichts auf die Kette. Da bleibt mir nur noch der Griff zur Flasche. Doch für Fußball und Radsport gilt: runter ists immer am Schönsten. #fsvhsv

Posted by Das Abstiegsgespenst on Sonntag, 3. Mai 2015

 

Wer steigt ab – und für wen freut es Sie besonders?
Da bleibe ich neutral. Wie vorhin schon gesagt (aber das schneiden Sie ja sicher raus), doppelter Hamburger Weg täte dem Family Business schon weh, aber letztlich mache ich meinen Job und muss mit den Trotteln leben, die in der Liga ihre Defensivarbeit nicht gut genug gemacht haben. In meinem Job darf man letztlich weder Hemmungen noch Gewissen haben, vielleicht bin ich mit dem Mateschitz deswegen sogar sowas wie, haha, Bruder im Geiste. Man darf meine Rolle aber dennoch nicht überbewerten: Erschrecken kann ich viele. Absteigen müssen sie schon selber.

Haben Sie manchmal selbst Existenzängste oder bringen Sie den Job durch bis zur Rente?
Ich mach den Job jetzt seit gut einhundert Jahren und fühle mich fit. All die spielerischen und taktischen Verbesserungen im Fußball der letzten Jahrzehnte haben eigentlich nur dazu geführt, dass mir der Job mehr und mehr Spaß macht. Aber ich denke von Saison zu Saison. Das kommt auch ein bisschen auf die Liga an. Es lässt sich gut verdienen, aber ich muss zugeben, Katar reizt mich schon.

Nach so einer langen Saison: Wo verbringen Sie Ihren Sommerurlaub und wobei können Sie richtig abschalten? Oder bereiten Sie sich in der Pause schon wieder auf die kommende Saison vor?
Ach, das fragen Sie mich jedes Jahr. Und ich habe nur eine Antwort: Im Keller. Home, mief home!