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Hintergründe

Mehr Fußball – weniger Drama

Autor: Maximilian Gehrmann Veröffentlicht: 11. Juli 2015
Quelle: imago

Gewalt, Konflikte, Verbote. Begriffe die, folgt man dem Tenor medialer Darstellungen und Diskussionen, zum Fußball dazugehören, wie Bratwurst und Blutgrätsche. Für die Forscherinnen Judith von der Heyde und Stephanie Moldenhauer von der Universität Osnabrück Grund genug, das Spannungsfeld zwischen Fußballfans, Polizei und Medien wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen. In Ihrem Projekt „Mehr Fußball – weniger Drama“ beobachteten sie Fans und Polizei auf An- und Abreisewegen und begleiteten im Rahmen ihrer Promotion eine Ultra-Gruppe. Wir sprachen mit den Beiden über die Entsteheung von Gewalt am Spieltag, Stadionverbote, den medialen Umgang mit Fußballfans und vieles mehr.

 

Hallo Judith, hallo Stephanie. Ihr habt euch auf wissenschaftliche Weise einem brisanten und viel diskutierten Thema zugewandt.  Stellt Euch und Eure Arbeit doch mal kurz vor.

Generell kann man sagen, dass es in unserem Projekt vor allem um die breite Masse an Fußballfans geht und wie es ihnen – unter den immer stärker werdenden Repressionen und Regulationen – noch gelingen kann, einen tollen Spieltag zu genießen.

Im Fokus stehen dabei stehen zwei Dinge. Einmal, was es eigentlich genau bedeutet, Fans zu sein und zum anderen, wie die Einstellungen und Erfahrungen verschiedener Fußballfans zu den unterschiedlichen Sicherheitsakteuren, wie Polizei und Ordnungsdienste, aber auch innerhalb der Fanszene selbst untereinander sind.

Des Weiteren hat sich dann doch eine ganz bestimmte Gruppe im Laufe der Beobachtungen herauskristallisiert, die aber generell immer außen vor sind, nämlich die Fans, die Stadionverbote haben. Dabei interessiert uns nicht, zu irgendeiner moralischen Bewertung zu kommen, was Stadionverbote angeht. Es geht uns darum, wie es für diejenigen Menschen ist, die aus ihrem Umfeld herausgerissen werden, sei es nun gerechtfertigt oder – wie auch oft – ungerechtfertigt. Auch für sie ist das Ziel, einen tollen Spieltag zu haben, wie das nun ohne den Stadionbesuch zu bewerkstelligen ist, interessiert uns sehr.

Stephanie Moldenhauer und Judith von der Heyden von der Universität Osnabrück

Stephanie Moldenhauer und Judith von der Heyde von der Universität Osnabrück

Wie schaffen es denn Stadionverbotler, unter den ihnen auferlegten Bedingungen, noch einen tollen Spieltag zu haben?

Wir können hier zwar nicht für alle Stadionverbotler_innen sprechen, aber für die meisten, mit denen wir gesprochen haben, handelt es sich hier nicht einfach um ein „Verbot“, sondern bedeutet einen wesentlichen Einschnitt in ihr Leben. Dabei ist auch von besonderer Bedeutung, ob das Stadionverbot als Präventionsmaßnahme auf einen Verdacht hin ausgesprochen wurde. Es kommt dabei durchaus vor, dass sich im Nachhinein herausstellt, dass man die „falsche Person“ verdächtigt und ausgegrenzt – und im schlimmsten Fall kriminalisiert – hat. In jedem Fall ist das Stadionverbot für alle erstmal ein Schock und steht der Frage nach einem „tollen Spieltag“ entgegen. Wir konnten aber auch feststellen, dass immer der Versuch, so viel wie möglich am Spieltag zu partizipieren im Vordergrund steht. Wie weit das gelingen kann, hängt nicht nur davon ab, ob sie in Gruppen organisiert sind, die sie nicht einfach fallen lassen, sondern auch welchen Kurs Vereine und Sicherheitsakteure fahren.

 

Wie kamt Ihr auf die Idee zu euren Projekten? Mit wem habt ihr euch befasst?

Die Idee zu dem Projekt hat sich langsam entwickelt. Wir sind beide leidenschaftliche Fans, so dass wir in den Kaffeepausen eh nur über Fußball sprechen und unsere Erfahrungen austauschen. Dabei sind uns so ein paar Gemeinsamkeiten in den Erfahrungen – vor allem bei Auswärtsfahrten aufgefallen. Judith war zu der Zeit ja auch für ihre Dissertation mit einer deutschen Ultragruppe unterwegs, und hat nochmal ganz spezielle Erfahrungen mit den Sicherheits“experten“ machen dürfen.

Stephie beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Gewaltmilieus sozial konstruiert werden, d.h., wie Gruppen ein Risikopotenzial zugeschrieben wird – sei es durch die Medien, Sicherheitsakteuren oder sogenannte „Experten“.

 

Fußballfans gelten gegenüber Außenstehenden als eher verschlossen. Wie seid ihr vorgegangen und wie kam der Kontakt zustande?

Unsere Erfahrungen mit unseren eigenen Vereinen und Judiths Erfahrung mit der Ultragruppe waren so der erste Anfang. Wir haben uns gefragt, warum es bei manchen Spielen zu mehr Konflikten kommt als bei anderen. Die Initialzündung kam dann beim Spiel Bielefeld gegen Dresden, um das im Vorfeld schon ein unglaubliches Drama gemacht wurde. Wir haben uns gefragt, was dieses Drama eigentlich bedeutet. Interessiert haben uns vor allem die Interaktionen zwischen Fans und Polizei auf Auswärtsfahrten. Dazu sind wir entweder an zufällig ausgewählten Spieltagen einfach im Zug „mitgefahren“ oder haben unsere Beobachtungen am Bahnhof durchgeführt.

Einen Kontakt bei den Beobachtungen mit spezifischen Gruppen gab es nicht, weil wir hier keine Einzelpersonen beobachtet haben, sondern Interaktionen zwischen zwei Kollektiven – Fans und Polizei. Das heißt, wir sind für dieses gemeinsame Projekt nicht an konkrete Gruppen herangetreten. Allerdings bedeutet das auch nicht, dass wir eine geheime, versteckte Beobachtung gemacht haben. Das ist nicht unser Anspruch von Forschungsethik. Uns kann immer jederzeit, jeder ansprechen, darüber freuen wir uns auch. Wenn wir allerdings in Bussen oder mit kleineren Gruppen unterwegs waren, haben wir diese selbstverständlich vorher gefragt, weil sie dann natürlich auch als Gruppe in den Beobachtungen sichtbar wurden.

 

Wie sah der „Alltag“ eurer Forschung aus? Wie verliefen eure Reisen mit den Fußballfans?

So wie der Fußballalltag eben aussieht, wir mussten vor allem „warten, warten, warten“. Dabei kam uns unsere Erfahrung als Fußballfans sehr zu Gute, wir mussten geduldig sein. Die Situationen sind häufig so fremdbestimmt. Man wartet auf Seite der Fans immer darauf, dass einem von außen gesagt wird, was als nächstes zu tun ist. Erst wartest du, dass die Polizei kommt und dir sagt, wann du zum Stadion gehen darfst. Dann wartest du, dass du ins Stadion gehen darfst, dann wartest du am Getränkestand, dann wartest du darauf, dass die Polizei dir wieder sagt, dass du zurück zum Bahnhof gehen darfst, dann wartest du auf den Zug und dann wartest du auf das nächste Wochenende.

Das Augenmerk liegt wie gesagt auf den Interaktionen und Situationen, und nicht auf gezielten Personen. Das ist manchmal vielleicht schwer nachzuvollziehen und bedarf auch gewisser Übung. Uns interessiert zum Beispiel nicht, ob die Gruppe X besonders „friedlich“ und die Gruppe Y besonders „aggressiv“ ist. Wir schauen uns an, durch welche sozialen Praktiken sich eine Situation verändert und welche Dynamik dadurch entsteht. Dann vergleichen wir die Situationen der vielen Beobachtungen, die wir gemacht haben und schauen, ob sich ein bestimmtes Muster ergibt.

 

Ihr habt euch nah am Konfliktherd bewegt. Wann laufen Situationen aus dem Ruder? Habt Ihr „brenzlige“ Situationen erlebt?

Wir gucken ja vor allem nach solchen Situationen in denen wider aller medialen und politischen Erwartungen alles ruhig und nett bleibt. Also wir warten eigentlich darauf, dass nichts passiert.

Aber selbstverständlich haben wir auch „brenzlige“ Situationen erlebt. Wobei sich diese Situationen nicht von „brenzligen“ Situationen einer Diskonacht unterscheiden. Situationen wurden dann angespannt, wenn Polizei und Fans aufeinander trafen, wo die Spielregeln nicht eingehalten wurden oder diese einfach geändert wurden – also häufig dann, wenn Unsicherheit ins Spiel kommt – unerheblich von welcher Seite. Da wurde es dann besonders spannend, sich die Dynamiken dieser Situation genauer anzuschauen. Was führt eigentlich hier gerade dazu, dass die Situation nicht mehr entspannt ist?

 

Was ist euch dabei besonders in Erinnerung geblieben? Viele Situationen, die für Fußballfans alltäglich sind, sind für Außenstehende schlicht nicht vorstellbar.

Sicher bleiben einem immer sowohl die positiven als auch die negativen Extremfälle in Erinnerung. In einer besonders negativen Situation schlug ein Polizist während eines extrem angespannten Moments einem jungen Mädchen mit der Faust ins Gesicht. Da sind auch uns die Knie weich geworden.

Auf der anderen Seite hat man aber auch positive Erlebnisse. Zum Beispiel, als ein kleines bengalisches Feuer gezündet wurde und einer der anwesenden Polizisten ihm dieses lediglich müde lächelnd abnahm und nicht weiter eingegriffen hat. Da freut man sich schon, dass eine Situation auch mal angemessen bewertet wurde.

Generell sind Extremsituationen aber eher selten. Es kommt halt sehr darauf an, welche Wirkung die Unsicherheit der Situation hat. Wenn keine Informationen über kurzfristige Änderungen ausgegeben werden, dann bleibt eben nur der Rückgriff auf verinnerlichtes Wissen. Das ließ sich wirklich deutlich auch an den Interaktionen ablesen.

„Manchmal hat man das Gefühl es ginge ausschließlich darum, von Ausschreitungen zu berichten und Fußball würde nur am Rande stattfinden.“

 

Wie sahen die Ergebnisse aus? Der Titel „Mehr Fußball – weniger Drama“ klingt wie ein Appell.

Ganz klar, das ist unser Appell an alle beteiligten Akteure – Fans, Polizei und vor allem auch Medien. Manchmal hat man das Gefühl es ginge ausschließlich darum, von Ausschreitungen zu berichten und Fußball würde nur am Rande stattfinden. Sicher gehört das Drama zum Fußball dazu, aber bitte nicht eine dauerhafte Dramatisierung von Konflikten und Situationen. Das ist genau das Drama das wir nicht wollen und nicht brauchen.

Ein zentrales Ergebnis unserer Forschung ist eben auch, dass es genau dieses Drama ist, welches Konflikte verschärft, weil es eine Art Wissen produziert, auf dessen Grundlage dann gehandelt wird. Dramatisierungen haben oft eine bestimmte Message: „Achtung! Hier! Gefahr!“ Das kann zu sehr angespannten Situationen führen, in denen sich dann unterschiedliche Akteure gegenüber stehen. Hier fehlt dann manchmal nur der sprichwörtliche kleine „Funke“, der einen Konflikt „eskalieren“ lässt. Das bedeutet auch, dass Gewalt- oder Konfliktsituationen selten „von langer Hand“ geplant sind. Sicherlich sind auch an Spieltagen Menschen anwesend, die eine körperliche Auseinandersetzung suchen. Und nicht selten werden besonders diese Fans auch grade über die Dramatisierung im Vorfeld angelockt, weil hier Action zu erwarten ist. Aber dabei handelt es sich gewiss nicht um die breite Masse.

Was sehr deutlich in unseren Daten herauskam ist, dass dort, wo unmittelbar entdramatisiert wurde, sich Spannungen abbauen konnten. Dies sind oft nur sehr kleine Interaktionen, manchmal auch nur Gesten gewesen. Wurde allerdings weiter dramatisiert, also in Interaktionen das Gegenüber immer stärker als „gefährlicher Gegner“ betont, dann konnten auch wir physische Gewalt beobachten.

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Besonders brisant sind dann vor allem die so genannten „Polizeikessel“. In solchen Situationen ließ sich sehr deutlich die Konfliktdynamik beobachten, die entsteht, wenn Menschen zusammengepresst werden und ihnen die Selbstkontrolle entzogen wird. Zusätzlich kommt dann auch das „Erfahrungswissen“ ins Spiel. Dabei kann man die Anspannung und teilweise auch Angst sehr gut in den Verhaltensweisen der Personen beobachten. Wenn man ängstlichen Menschen den Fluchtweg versperrt, kann dies eben auch dazu führen, dass die „Flucht nach vorne“ angetreten wird.

Eine entscheidende Rolle spielt hier die Kontrolle bzw. Regulation. Wir konnten beobachten, dass ein Mehr an Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit nicht nur dazu geführt hat, dass die Situation konfliktärmer verläuft, sondern auch, dass die Selbstkontrolle und –regulation innerhalb der Akteursgruppen besser funktionierte.

 

Ein Zentraler Aspekt Eurer Forschung ist der Gewaltbegriff. Wo liegt hierbei die Problematik? Wie wird er von den unterschiedlichen Gruppen genutzt und definiert? Ist Gewalt für Teile der Fans ein legitimes Mittel?

Dass Gewalt insgesamt ein legitimes Mittel darstellt kann so nicht gesagt werden. Es ist halt eine Frage, was hier alles als „Gewalt“ konstruiert wird. Die Frankfurter Soziologin Helga Cremer-Schäfer hat schon vor über 20 Jahren darauf hingewiesen, dass der Gewaltbegriff sich als Dramatisierungs- und Skandalisierungskonzept eignet. Das hat sich bis heute nicht geändert. Auch im Fußball wird heute doch fast alles unter dem Gewaltbegriff subsummiert. Ob jemand einen Becher wirft, ein bengalisches Feuer zündet oder jemanden mit einem Faustschlag niederstreckt. Als „Problemfans“ konstruiert werden heute unter Umständen schon kleine Gruppen, die lautstark singen. Geht man davon aus, dass Gewalt vor allem körperliche Gewalt ist, so haben wir beobachten können, dass sie nur für einen extrem kleinen Teil als legitimes Mittel in Frage kommt. Gesamtgesellschaftlich dürften die Gewaltraten deutlich über denen der Fußballfans liegen.

01.06.2015, Fussball Saison 2014/2015, Relegation Rückspiel, Karlsruher SC - Hamburger SV im Karlsruher Wildparkstadion. Polizisten sichern den Block der HSV-Fans ab. BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) der Bundespolizei. PUBLICATIONxNOTxINxNED 01 06 2015 Football Season 2014 2015 Relegation Return match Karlsruhe SC Hamburg SV in Karlsruhe Wildlife Park Stadium Policemen save the Block the HSV supporters from BFE Beweissicherungs and Detention unit the Federal Police PUBLICATIONxNOTxINxNED

Quelle: imago

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Beim Relegations Rückspiel zwischen dem Karlsruher SC und dem Hamburger SV sichern maskierte BFE-Beamte (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) der Bundespolizei den HSV-Block ab und senden so ein falsches Signal.

 

„Das Gravierende ist, dass so ein Gewaltmilieu konstruiert wird und auf einmal alle Fußballfans als kollektive Gewalttäter dargestellt werden.“

 

Wie seht Ihr die Rolle der Polizei in diesem Zusammenhang?

Das Problem ist, dass, wenn alles über den Gewaltbegriff definiert wird, dann wird auch die Polizei für alles zuständig. Und muss sich infolgedessen um Aufgaben kümmern, die eigentlich nicht ihre sind. Das Gravierende ist, dass so ein Gewaltmilieu konstruiert wird und auf einmal alle Fußballfans als kollektive Gewalttäter dargestellt werden. Was natürlich totaler Quatsch ist, weil der Großteil aller Fans Gewalt eben nicht als legitimes Mittel sieht. Es werden aber alle dementsprechend behandelt. Besonders kritisch wird es, wenn beispielsweise eine BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, d. Red) vor Ort ist. Da wird ja ein klares Signal gesetzt. Und zwar, dass davon ausgegangen wird, dass so schlimme Gewalttäter unterwegs seien, dass bewaffnete Polizist_innen der Hunderschaften nicht mehr in der Lage seien, die Situation angemessen zu handhaben und Unterstützung durch eine BFE bedürfen.

 

Judith, bei deiner Reise für deine Promotion mit einer  Ultra-Gruppe standen weibliche Mitglieder im Fokus. Wie gehen Ultra-Gruppen mit dem Image der „Männerdomäne“ um? Welche Stellung haben Frauen innerhalb der Kurve?

Das lässt sich so pauschal gar nicht beantworten. Die Ultras, die ich im Laufe meiner Untersuchung kennengelernt habe, gehen ganz unterschiedlich mit dem Image des Fußballs als „Männersport“ um. Hinzu kommt ja noch das Image der Ultrakultur eben auch ein „Männerraum“ zu sein. Da ist sogar innerhalb der begleiteten Gruppe nicht immer die gleiche Meinung über Frauen in der Kurve zu finden. Ich habe bewusst deshalb eine Gruppe begleitet, die zwar vornehmlich aus männlichen Mitgliedern besteht, aber eben auch weibliche Mitglieder hat (ca. 5%). In ihr waren Meinungen zu finden, die keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern als Ultras sahen oder welche, die Frauen zwar zulassen, ihnen aber nur bestimmte Aufgaben überlassen, genauso aber auch Ansichten, dass Frauen als Mitgliedern eine Gruppe schwächen würde.

Nicht nur bei Ultras sondern ganz allgemein im Fußball werden Eigenschaften, Merkmale und Aspekte gefordert, die wir gesellschaftlich als vermeintlich „männlich“ verstehen, wie z.B. Stärke, Härte aber auch Lautstärke und Durchsetzungsvermögen. Das bedeutet für Frauen besondere Herausforderungen. Denn es geht ihnen genauso wie den Männern um Anerkennung und darum als vollwertiges Mitglied der Gruppe akzeptiert zu werden. Das führt dann mancherorts dazu, dass sich die Frauen eine eigene Sektion oder einen eigenen Fanclub schaffen, um gehört zu werden oder um sich der geballten Männlichkeit entgegen zu stellen. In der Ultragruppe, die ich kennen gelernt habe, war das jedoch keine Option, u.a. weil es gar nicht genug Frauen gab.

Die Meinung zu Frauen in den Ultraszenen ist deutschlandweit sehr unterschiedlich. Manchmal hängt diese Meinung von der politischen Ausrichtung der jeweiligen Gruppe ab. Manchmal ist es aber auch einfach der Geist der heutigen Zeit. Also Gruppen, die sich selber als modern verstehen, finden es nur folgerichtig auch Frauen aufzunehmen und diese auch als vollwertige Mitglieder zu verstehen. Für eine (Jugend-)Kultur, wie die der Ultras, die so vielfältig ist in ihrer Ausgestaltung ist, kann eine heterogene Zusammensetzung nur bereichernd sein.

Grundsätzlich gilt aber, dass, solange wir Attribute wie Stärke, Dominanz und körperliche Präsenz mit Männlichkeit verbinden und Fußball als Sport für Männer verstehen, es für Frauen schwer bleibt sowohl als Frau als auch als adäquater Fußballfan und/oder Ultra Anerkennung zu finden. Aber die Frauen, die ich im Laufe meiner Arbeit kennengelernt habe, haben einen ganz guten Weg und ihren Platz gefunden. Das bestätigt sich jetzt auch in den Untersuchungen, die wir beide zusammen machen.

„Im Prinzip ist dies eine „Politik der Angst“, die dazu führt, dass Menschen, die mit Fußball wenig zu tun haben, einen völlig falschen Eindruck von den zig Millionen Fans haben, die jährlich zum Fußball gehen.“

 

Auf der Grundlage Eurer Erlebnisse und eures Wissens: Wie bewertet Ihr den politischen und medialen Umgang mit Fußballfans und die immer neuen Maßnahmen mit denen sich Fußballfans konfrontiert sehen?

Das muss wirklich kritisch bewertet werden. Wir haben es hier nicht einfach nur mit einer verzerrten Berichterstattung zu tun – die nur die negativen Aspekte hervorhebt und die positiven Aspekte, wie Unterstützung, herausragende Choreographien, und so weiter ausblendet. Vielmehr lässt sich auch hier beobachten, dass die Dramatisierung Konflikte verschärft, Politiker und Politikerinnen zu Handlungen und Äußerungen zwingt, die meist wie undurchdachte Schnellschüsse wirken. Leidtragende sind hier aber dann auch alle Beteiligten. Die Sicherheitsakteure, die umsetzen müssen, was ihnen aufgetragen wird und so nicht selten zum „Sündenbock“ werden. Vor allem aber die Fans, die einfach nur Lust auf einen tollen Spieltag haben und sich zunehmend reguliert und nicht selten auch kriminalisiert sehen müssen.

Was außerdem immer wieder vergessen wird: Wenn es im Fußball ausschließlich um die Darstellung von negativen Ereignissen geht, entsteht der Eindruck, dass diese immer und überall so stattfinden. Da werden besonders martialisch wirkende Bilder genommen und besonders dramatisierende Äußerungen veröffentlicht. Da werden Einzelfälle – die auch von uns gewiss nicht verniedlicht werden – zu Alltagsszenarien hochstilisiert. Im Prinzip ist dies eine „Politik der Angst“, die dazu führt, dass Menschen, die mit Fußball wenig zu tun haben, einen völlig falschen Eindruck von den zig Millionen Fans haben, die jährlich zum Fußball gehen.

1. FC Köln - TSG 1899 Hoffenheim 12.04.2015. Sanktionen der Deutschen Fußball-Liga gegen den 1. FC Köln. 2 leere Zuschauerblöcke im Rhein-Energie-Stadion. HM 1 FC Cologne TSG 1899 Hoffenheim 12 04 2015 Sanctions the German Football League against the 1 FC Cologne 2 Emptiness Viewers blocks in Rhine Energy Stadium HM

Quelle: imago

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Kölner Blocksperre ein „undurchdachter Schnellschuss“?

Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft sagte im Interview mit fanzeit.de, dass es reiner Zufall sei, dass es beim Fußball noch keine Toten gegeben habe. Deckt sich dieses Bild von Fußballfans mit euren Erfahrungen?

Wenn man sich vor Augen führt, dass bewaffnete Polizist_innen vor Ort sind, kann man diese Überlegung durchaus mal anlegen. Dass hier der Bundesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft davon spricht, dass es sich um einen „reinen Zufall“ handelt, stimmt uns allerdings mehr als nachdenklich.

Und dass es beim Fußball noch keine Toten gegeben hat, stimmt ja so auch nicht. Nur weil es bereits fast 25 Jahre her ist, ist der Tod von Mike Polley ja nicht vergessen. Und vor dem Hintergrund, dass auch in Deutschland Gummigeschosse immer mal wieder ein Thema sind, sei hier als aktuelles Beispiel der polnische Fan Dawid Dziedzi genannt. Beide Fußballfans sind in extremen Gewaltsituationen gestorben. Dass dies kein Alltag ist, hat nicht nur mit dem „besonnenen Verhalten“ der Polizei zu tun, sondern auch mit dem der Fans.

 

„Unsere Gesellschaft hat anscheinend immer noch nicht verstanden, dass Exklusion nicht die Lösung ist.“

 

In der Diskussion über Gewaltprobleme im Fußballumfeld könnte man den Eindruck gewinnen, dass der lückenhafte  ZIS-Jahresbericht oftmals die einzige statistische Grundlage ist. Wird der Wissenschaft in der Diskussion um Fußballfans zu wenig Beachtung geschenkt?

Nein, zu wenig nicht, aber zu undifferenziert. In den 80er/90er Jahren konzentrierte man sich auf Hooligans, in den 2000ern auf Ultras. Dabei geht es fast nur um Gewalt und wie man sie verhindern kann. Selten wird der Blick auf andere Thematiken gelegt. Dort setzen wir an. Einmal, indem wir schauen, was es eigentlich bedeutet, wenn auf einmal alles Gewalt sein soll und dementsprechend kontrolliert werden soll. Zum anderen interessiert uns, was eigentlich mit den jungen Menschen passiert, die durch zunehmende Repressionen systematisch ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel Stadionverbotler_innen. Unsere Gesellschaft hat anscheinend immer noch nicht verstanden, dass Exklusion nicht die Lösung ist.

So verwundert es vielleicht auch nicht, dass nicht nur die wissenschaftlichen Ergebnisse geringe Beachtung finden, sondern auch, dass sich unterschiedliche Akteure der Teilnahme an Projekten verschließen – seien es nun Fangruppierungen oder auch Sicherheitsakteure. Sicher kommt auch noch hinzu, dass in letzter Zeit wirklich seltsame „wissenschaftliche“ Forschungen auftauchen. Hier müssen wir viel Vertrauensarbeit leisten, um das zerstörte Verhältnis zwischen Beforschten und Forschenden wieder herzustellen. Daher sind wir auch den Teilnehmer_innen unseres Projektes so extrem dankbar, dass sie uns das Vertrauen entgegen bringen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!