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Interviews

„Mateschitz sind der Verein und die Fans scheißegal!“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 09. Mai 2014

Armin Lortz ist Fan von Darmstadt 98 und hatte mit Protestbewegungen bisher wenig am Hut. Das Auswärtsspiel seiner „Lilien“ bei RB Leipzig jedoch hat ihn aufgerüttelt. Weil er sich fühlte wie im Shopping-Kanal, wollte er etwas unternehmen gegen den rasant aufstrebenden Verein, der eigentlich immer noch ganz offen im Schilde führt, baldmöglich um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen. Aus einem Facebook-Chat wurde so eine Petition, aus anfangs angepeilten 500 Unterschriften inzwischen über 20.000!

Dabei ist Lortz, dessen Verein immerhin ein direkter Konkurrent der „Roten Bullen“ ist, wichtig zu betonen, dass er nichts gegen Leipzig hat, nicht mal gegen Red Bull. Das Gebräu, das Mateschitz derzeit aber in Leipzig köchelt, schmeckt ihm gar nicht. Wir sprachen mit dem Mann an der Spitze der Protestbewegung über Drohmails, die DFL und Glücksräder mit zwei Feldern.

 

Sie haben 21.538 Stimmen gegen einen Aufstieg von RB Leipzig gesammelt. Warum eigentlich?

Die Motivation entstand für mich, als wir zum Spitzenspiel dort waren. Vorher war das für mich einfach ein Konkurrent mit mehr Kohle und fertig. Aber als wir dort waren, ist mir klar geworden, dass das mit einem Fußballspiel kaum mehr etwas zu tun hat, sondern eine plastikartige Werbeveranstaltung ist. Da wurde auf einer Leinwand gesagt, was die Fans machen sollen und vorgegeben, wann sie zu klatschen haben. Alles ganz komisch. Der Stadionmoderator hampelt da rum wie einer, der einem auf dem Shoppingkanal eine Küche verkauft. Ich habe auch erfahren, dass der Herr Mateschitz bei diesem Spiel zum ersten Mal da war, obwohl ihm der Laden schon seit fünf Jahren gehört. Das allein zeigt ja, welche Motivation für ihn dahinter steckt. Er will dieses Konstrukt einfach als Werbeplattform nutzen. Für uns normale Fußballjungs war das alles nur zum Fremdschämen. Ich habe mich dann etwas in die Materie eingelesen und von Darmstädter Seite ist überall die Diskussion hochgekocht, wie peinlich das alles war. Wir waren wirklich schon überall, zwischenzeitlich sogar in der fünften Liga, aber wenn man in Leipzig war, fährt man gerne wieder in unsere alte baufällige Bude zurück, wo Fußball regiert und sonst gar nichts. Dann kam irgendwann die Frage auf, ob wir eine Petition starten wollen und die Leute haben gesagt: Ja, dann mach doch. Ich habe gegooglet, wie sowas geht und einfach mal eine gestartet. Man musste eingeben, wie lange sie läuft und was das Ziel ist. Da habe ich irgendeine Zahl eingegeben und 500 gesagt. Ich dachte mir: Geil, wenn das klappt. Am nächsten Tag waren es nach zwei Stunden 1.000 und irgendwann bin ich gar nicht mehr hinterher gekommen. Das hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Plötzlich haben mich Petitionsgesellschafter angerufen und mir vorgeschlagen, dass man noch dies und das machen könnte. Kurz gesagt: Das Ding ist explodiert. Über 20.000 Leute! Das ist schon viel… Danach merkte man aber auch, dass jetzt jeder unterschrieben hat, den man erreichen kann. Jetzt bin ich plötzlich überall gefragt: Bei Lok Leipzig, Chemie Leipzig, alle schreiben mich an, das ist ganz brutal. Mein Facebook-Account explodiert!

 

„Ich bin da so reingeschlittert, aber jetzt sehe ich mich in der Pflicht“

 
Inzwischen ist die Petition aber zumindest abgeschlossen. Das Schreiben ist an den DFL-Präsidenten Dr. Reinhard Rauball adressiert. Was passiert nun mit den Unterschriften?

Jetzt wo ich es angefangen habe, werde ich die Unterschriften natürlich auch überreichen. Ich habe Kontakt zu einem Journalisten, der an dem Tag mitfährt und Bilder macht. Gleichzeitig soll nun an diesem Tag in Leipzig auch eine Demonstration für Tradition und gegen Kommerz stattfinden. Ich warte aber noch darauf, dass ich einen Termin kriege. Das ist eigentlich überhaupt nicht meine Art. Ich bin da so reingeschlittert, aber jetzt sehe ich mich irgendwo auch in der Pflicht. Ich kann nicht einfach sagen, es ist okay, danke für die Unterschriften und jetzt lösche ich das alles.

 

Das Feedback war aber sich nicht nur einseitig positiv, oder?

Von RB-Seite kriege ich schon ein paar Nachrichten, in denen ich bedroht werde. Aber das sind alles keine Argumente, alles heiße Luft. Sobald man dann mal eine Frage stellt, sind die schon mit ihrem Latein am Ende. Die haben überhaupt keine Ahnung. Ich weiß nicht, wo die vorher waren, aber da ist einfach kein Fachwissen dahinter. Aber der ganze Rest ist wie die allgemeine Stimmung: 90 Prozent schreiben mir, dass das eine super Sache sei. Die restlichen zehn sehen es kritisch oder sind halt beleidigend. Aber man sieht ja jetzt schon bei der Diskussion um die Zweitliga-Lizenz, was passiert, wenn Mateschitz keine Lust mehr auf den Verein hat: Alles wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Inzwischen glaube ich fast, dass es darauf hinausläuft.

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Hat Sie überrascht, dass die DFL bei der Lizenzvergabe so eine klare Kante zeigt?

Eigentlich nicht. Vielleicht haben sie gemerkt, wie das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, vielleicht haben sie auch von der Petition gehört. Aber die bestehenden Regeln sind ja auch völlig in Ordnung, daher geht es mir nur darum, dass die DFL sie auch durchsetzt. Ich weiß nicht, wie sich dieser Konflikt jetzt lösen soll. Irgendwie muss man ja sein Gesicht bewahren. Jetzt hat sich aber jeder auf seinen Standpunkt versteift. Ich weiß nicht, wer da nachgeben soll. Momentan läuft das meines Erachtens alles zu ungunsten von Red Bull. Die DFL kann jetzt nicht mehr klein beigeben. Zunächst habe ich gedacht, dass RB eben ein paar kleine Anpassungen vornimmt. Aber nach dem, wie sich Mateschitz jetzt geäußert hat, dass er auf seinem Standpunkt beharrt, müsste eigentlich der blindeste RB-Leipzig-Fan erkennen, dass ihm die Mannschaft, der Verein und die Fans scheißegal sind. Entweder er verliert jetzt sein Gesicht oder die DFL. Aber die müssten ja dermaßen einknicken, das kann ich mir nicht vorstellen. Selbst Hoffenheim hält sich an die 50+1-Regel und Dietmar Hopp hält sich aus dem Sportlichen grob raus. Wenn der Mateschitz aber sagt: Der oder der spielt nicht, dann spielt der am Samstag nicht. So funktioniert ein Verein in Deutschland nicht. Dann muss er nach England oder Frankreich gehen. Die bestehenden Regeln in Deutschland sind ja okay, aber die sollte man konsequent nutzen – und der hat damals schon bei der Gründung von RB weggeschaut. 2009 hat der Verein mit Markranstädt fusioniert, um die Spielrechte zu erben. Aber Markranstädt spielt immer noch in der fünften Liga. Da hat der DFB alle Augen zugedrückt. Im Nachhinein ist das alles schon sehr illegal. Das wird auch jetzt nicht mehr passieren. Die Leute, die das damals gemacht haben, die müssten sich eigentlich auch noch mal erklären, wie das überhaupt zustande kommen konnte.

 

„Dann spielt irgendwann Gard gegen Wella in der Bundesliga…“

 

Sollte es doch glatt gehen mit der Zweitliga-Lizenz: Könnten Sie sich vorstellen, dass das Beispiel von Red Bull Schule macht?

Für mich ist der Hauptbeweggrund, dass da eine Riesengefahr besteht. Es gibt vielleicht fünf, sechs Firmen weltweit, vielleicht Samsung oder wer auch immer. Die sagen sich dann: Wenn der Mateschitz das kann, dann weiß ich, wie es geht und was ich beachten muss. Die könnten das Modell dann einfach nachbauen, weil durch Red Bull ein Präzedenzfall geschaffen würde. Dann spielt irgendwann Wella gegen Gard in der Bundesliga. Dann gehe ich aber nicht mehr ins Stadion!

 

Gretchenfrage: Was wäre denn, wenn Mateschitz in Darmstadt investieren würde. Würden Sie dann auch nicht mehr ins Stadion gehen?

Das würde bei uns niemals funktionieren. Erstens haben wir mehr als neun Mitglieder und da würde keiner mehr hingehen. Der kann uns gerne 100 Millionen geben, aber er darf nicht mitreden. Das würde aber nicht nur in Darmstadt nicht funktionieren, auch in St. Pauli nicht oder in Offenbach. Aber es bestünde natürlich die Gefahr, dass einer wie Mateschitz deshalb zu einem kleinen Verein im selben Ort geht und mit unfassbar viel Geld alles andere überflügelt, wie es in Leipzig ja auch geschehen ist.

 

Anders als das vielleicht in Hoffenheim der Fall ist, kann man Leipzig aber nicht absprechen, eine Fußballstadt zu sein. Das Zuschauerpotenzial ist jedenfalls enorm.

Wenn da 40.000 Fans sind, haben doch gerade 10.000 bezahlt. Du bekommst doch an jeder Ecke Freikarten: Wenn du an der Tankstelle für über 20 Euro getankt hast, bekommst du ein Ticket, also bei 120 Euro sechs Freikarten. In der Einkaufspassage haben sie sich mit einem Glücksrad hingestellt. Darauf war ein grünes und ein rotes Feld. Bei Rot hast du verloren, durftest aber noch mal drehen, in Kindergärten haben sie tausende Karten verteilt, damit die Eltern dort hingehen. Auswärts steht dann aber nur ein Häufchen. Das ist ja keine Fankultur! Da sind alle gesponsert und vorher war da nix. Daher ist das in meinen Augen auch eine Blase, die irgendwann platzen wird. Oder schauen Sie sich die Reaktionen nach dem Aufstieg an. Haben Sie schon mal Fans gesehen, die nach einem Aufstieg alle auf ihren Sitzen bleiben und brav klatschen, nicht aufs Spielfeld stürmen, um mir ihrer Mannschaft zu feiern? Es ist wirklich ein geiles Stadion in Leipzig, mit einer super Infrastruktur, man muss nirgends anstehen. Aber was sich darin abspielt, ist in meinen Augen eine reine Werbeveranstaltung. Der Red-Bull Ultra-Klub hat übrigens auch eine Petition gestartet. Die wollten, dass ihr Logo so bleibt wie es ist, aber die haben es wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Das sagt ja schon alles. Was mir allerdings noch wichtig zu sagen ist: dass es mir nicht in irgendeiner Weise um Leipzig geht und auch nicht um Red Bull, sondern nur um das Gesamtkonstrukt! Ich bin kein Leipzig-Hasser, aber ganz im Gegenteil. Ich würde mir einen Verein aus der Stadt sogar in der Bundesliga wünschen. Aber eben nicht RB, sondern Lok oder Chemie.