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Hintergründe

Randale statt Samba? Brasilien protestiert gegen die WM

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 27. Januar 2014

Die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft in Brasilien laufen auf Hochtouren. Doch statt fröhlich dem Beginn der WM entgegen zu fiebern, protestieren die Menschen in den Großstädten  seit Monaten gegen das größte Sportevent der Welt. Immer wieder berichten Medien von schweren Ausschreitungen, Kämpfen auf der Straße, von brennenden Autos. Doch wieso kann sich Brasilien nicht in Gänze auf das Fußballspektakel freuen? Was bewegt die Demonstranten?

Sao Paolo, 25. Januar 2014: Es sollte ein friedlicher Protest gegen die Weltmeisterschaft in Brasilien werden. Doch plötzlich kippt die Stimmung. Ein Auto wird in Brand gesetzt, mehrere Scheiben gehen zu Bruch, es kommt zur Konfrontation mit der Polizei, die hart durchgreift und Tränengas einsetzt. Von den mehr als 2.000 Demonstranten werden 128 Menschen festgenommen. „Wir sind gegen die Millionen über Millionen von Dollar, die in die WM investiert werden. Das Geld sollte besser in bessere Gesundheits- und Bildungsangebote sowie besseren Nahverkehr und Wohnungen gesteckt werden“, sagte Pelegrini dos Santos, ein brasilianischer Student, der an den Protesten teilgenommen hat, ZEIT-Online. Eine Meinung, die viele im Gastgeberland der WM 2014 teilen.

Randale statt Samba?

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Seit dem Confederations-Cup im Juni 2013 gingen bereits  mehrere hunderttausend Brasilianer auf die Straße. Die Demonstrationen eskalierten durch das harte Eingreifen der Polizei und erregten weltweit Aufmerksamkeit. Während die WM 2006 in Deutschland schon im Vorfeld für bundesweite Euphorie sorgte, verbreitet sich im Land des Rekordweltmeisters Wut und Hass auf die Regierung und die FIFA. Neben der teuren Errichtung der Stadien kritisiert die Protestbewegung vor allem die mit dem Bau der Schauplätze verbundenen Zwangsumsiedlungen der meist armen Bevölkerung. Durch die Arenen, die oftmals in Favelas aus dem Boden gestampft werden, den Armutsvierteln der Großstädte, verlieren Hunderttausende ihre Heimat. Für ihre Umsiedlung in bis zu 60 Kilometer entfernte Viertel und Städte erhalten die Opfer ein besseres Taschengeld. „Man plant die Infrastrukturprojekte genau dort, um Entschädigungen einzusparen – aus Sicht der Menschenrechte ist das unzulässig“, betonte UN-Berichterstatterin Raquel Rolnik gegenüber dw.de. Damit allein nicht genug: „Die Menschen werden dann in Orte mit schlechterer Infrastruktur und weniger Arbeitsmöglichkeiten umgesiedelt“. Wie tief gespalten das Land ist, verdeutlicht die brasilianische Nationalmannschaft selbst, die sich bereits offen mit den Anliegen der Protestierenden solidarisierte.

Zwangsumsiedlung, soziale Missstände, verzögerter Stadionbau: Ist Brasilien überhaupt WM-tauglich?

Zu dem allemal fragwürdigen Management dieses Turniers gesellen sich zunehmend auch organisatorische und infrastrukturelle Probleme. Derzeit liegen sechs der zwölf WM-Stadien hinter dem Zeitplan zurück. Auf den Baustellen in Sao Paulo, Brasilia und Manaus gab es zudem mehrere Todesopfer zu beklagen. In Curitiba waren die Arbeiter im Dezember wegen ausstehender Gehälter in einen Streik getreten, was die Pläne zusätzlich verzögert hat.

Und wie reagiert die FIFA? Sie zeigt sich immerhin besorgt. Sollte sich die Lage nicht rasch verbessern, wäre die WM in ihrer vorgesehenen Form in Gefahr. Das größte Sorgenkind ist die „Arena de Baixada“ in Curitiba. Allerdings sind Verzögerungen bei den Bauten für große Sportereignisse nun wahrlich nichts Neues – und wenig spricht dafür, dass die Auswahlspieler der 32 Teilnehmerländer am Ende in unfertigen Stadien spielen müssen.Wesentlich interessanter wird zu beobachten sein, wie sich die Proteste während des Turniers fortsetzen und wie Staat und FIFA mit den Sorgen und der Wut der Bevölkerung umgehen. Die Stimme der Straße wird wohl auch im Chor der Jubelarien nicht ganz zu überhören sein.