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National

Knietief im Nonsens!

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 16. Juli 2014
Quelle: imago

Deutschland hat also ein neues Skandälchen. Irgendwann erklärte man Angelegenheiten zum Irgendwas-„Gate“, um die Nichtigkeit eines hochgejazzten Sachverhalts zu entlarven. Offenbar haben einige Krämerseelen in der Zwischenzeit aber die Orientierung verloren und verkaufen alles, wo „Gate“ draufsteht, als nationale Katastrophe. Es beschleicht einen ein schrecklicher Verdacht: Die meinen das tatsächlich ernst!

Doch der Verlust des journalistischen Navigationssystems ist Programm und von vielen Medien bewusst konstruiert. Fünf lange Wochen mussten praktisch alle Sendeanstalten, Zeitungen und Blogger virtuell Tabu spielen. Aufgabe: Berichten Sie über das größte Sportevent der Welt, ohne zu zeigen, worum es eigentlich geht. Die heilige Pflicht, bei der WM vom Fußball zu berichten, verblieb ARD und ZDF. So leicht lässt sich der Rest aber nicht abspeisen. Natürlich möchten alle ein Stück vom Kuchen abhaben, mit dem Trittbrett auf der Euphoriewelle surfen. So wird jede Kleinigkeit, die rechtefrei abfällt, aufgemotzt und überhöht. Ohne Rücksicht auf den eigentlichen Arbeitsauftrag, der ja durchaus auch beinhaltet, Sachverhalte ihrer Relevanz nach zu filtern und einzuordnen.

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Dass jeder Hitzifitz auf allen Kanälen abgefeiert wird, jeder Ersatzspieler, der sich mit ausgestrecktem Daumen, Zweige- oder gleich vier Fingern auf einmal ablichtet, daran haben wir uns zähneknirschend gewöhnt. WM halt. Da geht jeder sonst eigentlich Fußballinteressierte, der sich nach einem, nur einem einzigen aufrichtigen Mittelfinger sehnt, ja bereits in Deckung. Eine Fehlentwicklung, die man so auch erstmal hinbekommen muss. Aber das ist ein anderes Thema. So läuft zu jedem Spiel ein Wettbewerb, in dem sich leidlich talentierte Photoshop-Jongleure darin battlen, schlechte Grafiken mit noch schlechteren Witzchen zu erstellen, die dafür mit Gewissheit ihren Eingang in jede „So-feiert-das-Netz-das-XY-Spiel“-Berichterstattung finden. Ein Duktus, der dem Höllenschlund der Bildzeitung entsprungen ist, vor dem inzwischen aber niemand, niemand, wirklich niemand mehr fies ist. So danken praktisch alle Medien für die kleinsten Krümel Gnadenbrot der Herren Profis mit Hosianna und feiern das  x-te Selfie, als habe es der @Yeti mit Reinhold Messner aufgenommen. Spätere Generationen werden uns genau das mit Recht um die Ohren hauen! Ein völlig fremdelnder Umgang mit Social Media, der tapsend darin scheitert, diese mediale Spielwiese einzuordnen.

Wie es sich für ein Finale gehört, kommt die Krönung aber erst zum Schluss. Man ahnte bereits gestern, dass da etwas rumorte, heute ist die Staatsaffäre offiziell. Gauchogate, pardon: #Gauchogate. Man weiß schließlich selbst in Deutschland inzwischen, was dieser Kurznachrichtendienst ist, von dem alle reden. Woher sonst bekommt man schließlich seine witzigen Bildchen auf dem Silber-Hashtag serviert. Die Empörung folgt auf dem Fuße – und ist noch nicht einmal gespielt! Von gebückten „Gauchos“ und aufrechten Cheruskern ist da die Rede. Vermutlich verfasst von Menschen, die zuletzt in den späten Zwanzigern ein Fußballstadion von innen gesehen haben. Verstehen wir uns nicht falsch: Es ist eine der wichtigsten Errungenschaften unseres Landes, dass sich inzwischen homophober, rassistischer, vorgeblich „unpolitischer“ oder sonstiger Sondermüll in jedweder Darreichungsform einer ernstzunehmenden Opposition gegenübersieht. Die Arbeit dagegen soll und muss gerade im Fußballstadion an jedem Tag und zu jeder Zeit fortgesetzt werden. ABER: Es ist ein schmaler Grat, für die gute und unbedingt wichtige Sache einzustehen oder sich in den Dunstkreis derer zu rücken, die sonst im kleinkarierten Unterhemd im Fenster liegen und Falschparker denunzieren.

Zumal es zu jedem Zeitpunkt völlig unzweifelhaft war, dass die Schmähung des „So-gehens“ – um was für eine Beleidigung es sich dabei auch immer handeln soll – kindlich-unbefangener Freude entwachsen ist und doch bitteschön chauvinistischen Ländervergleichs zu jeder Zeit völlig unverdächtig war. Eine Einlage, die mit anderen Referenzen versehen sicher beim nächsten KiTa-Sommerfest vortrefflich ankäme. Wenn man sich den ganzen Zirkus in Berlin so anschaut, schließen sich hier ohnehin etliche Kreise. In gänzlich andere Richtungen aber nun künstliche Sinnzusammenhänge herzustellen, ist nicht nur journalistisch zweifelhaft, sondern geradezu bösartig! Nicht zuletzt, weil man die echten Arschlöcher damit in beste Gesellschaft rückt und damit gefährlich verharmlost! Wer wochenlang jede Petitesse unters Brennglas hält, verliert eben irgendwann an Sehschärfe. Die WM ist vorbei. Zeit für einen Perspektivwechsel. Aber halt! Julian Draxler hat Kevin Großkreutz mit einem Döner-Gesang auf die Schippe genommen. Was dann geschah, ist unglaublich …

ak