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National

Kickers-Präsident verteidigt Testspiel gegen RB Leipzig

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 02. Juni 2015
Quelle: imago

Sein Titel weist Prof. Dr. Rainer Lorz als gebildeten Mann aus, daher wird er sich seinen offenen Brief womöglich bereits in der Zwischenablage gespeichert haben, bevor die Stuttgarter Kickers ihr geplantes Testspiel gegen RB Leipzig öffentlich gemacht haben. Die erwartbare Kritik vieler Fans hat der Präsident in diesem Schreiben nun jedenfalls öffentlich gemacht.

Tenor des Briefes: Zwar haben das Präsidium kontrovers über das Testspiel diskutiert, sei aber zu der Entscheidung gekommen, dass eine Ausgrenzung des Brauseklubs nicht zielführend sei. Vielmehr gelte es, finanzstarken Emporkömmlingen wie eben RB Leipzig die eigene Tradition und Herkunft stolz entgegenzusetzen. „Eine pauschale Ablehnung jedweder sportlicher Kontakte wird aus unserer Sicht der Vielschichtigkeit der Konstellationen im heutigen Profifußball nicht gerecht“, findet Lorz. Trotz der Fan-Kritik steht eine Absage des Testspiels, zu der sich in der Vergangenheit etwa der VfB Stuttgart durchgerungen hatte, derzeit also nicht zur Diskussion.

 

Nachfolgend der offene Brief im Wortlaut:

Liebe Fans und liebe Freunde der Stuttgarter Kickers,

die Vereinbarung des Saisonvorbereitungsspiels bei RB Leipzig hat viele Reaktionen hervorgerufen, zum Teil auch sehr heftige aus dem Kreise unserer Fans. Auch wenn uns zweifelsohne bewusst war, dass dieses Spiel kontrovers gesehen werden kann, kam die Heftigkeit und Stoßrichtung dieser Reaktionen doch überraschend. Mit dem Ziel, die diesbezügliche Diskussion zu versachlichen, aber keineswegs abzuwürgen, soll auf diesem Wege die Haltung des Präsidiums dargelegt werden.

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Hier ist zunächst von Bedeutung, dass der Beweggrund für die Vereinbarung dieses Vorbereitungsspiels ein rein sportlicher gewesen ist. Im Rahmen der Vorbereitung auf die kommende Spielzeit sollte RB Leipzig als ambitionierter Zweitligavertreter mit klar definiertem Aufstiegsziel eine echte Herausforderung für unser Team bieten und somit einen wichtigen Gradmesser für den Stand der Vorbereitung auf eine lange und wichtige Drittligasaison liefern. Nachdem sowohl der Spieltermin als auch die Logistik passten, wurde dieses Spiel daher auf Anregung der sportlichen Leitung vereinbart. Andere Aspekte haben hierbei keinerlei Rolle gespielt.

Uns ist durchaus bewusst, dass Spiele gegen RB Leipzig gerade in Fankreisen sehr kritisch gesehen werden und dass andere Vereine auch auf Druck ihrer Fans von solchen Spielen außerhalb offizieller Wettbewerbe Abstand nehmen. Auch für uns wäre eine solche Haltung sicherlich die einfachste Lösung gewesen und hätte uns viele Diskussionen erspart. Dass wir diesen Weg gleichwohl nicht gegangen sind, bedeutet keineswegs, dass wir die Haltung unserer Fans nicht berücksichtigen oder – schlimmer gar (warum?) – deren Provokation im Sinne haben. Nichts liegt uns ferner.

Gleichwohl haben wir uns – auch nach intensiver und zunächst durchaus kontroverser Diskussion im Präsidium des Vereins – dazu entschieden, einer Austragung des Spiels zuzustimmen, weil wir entsprechende Maßnahmen der Ausgrenzung als nicht zielführend ansehen. Jeder mag seine eigene Haltung zu RB Leipzig haben und diese auch äußern. Eine pauschale Ablehnung jedweder sportlicher Kontakte wird aus unserer Sicht aber der Vielschichtigkeit der Konstellationen im heutigen Profifußball nicht gerecht. Eine solche Haltung wäre – gerade in Anbetracht aktueller Entwicklungen – vielmehr stets mit der Frage nach der richtigen Grenzziehung beschäftigt, nämlich mit der Frage, wann Spiele gegen bestimmte Gegner noch opportun sind und wann nicht mehr.

Dass Teams wie RB Leipzig (derzeit) über finanzielle Ressourcen verfügen, die diejenigen anderer Traditionsvereine und natürlich auch der Stuttgarter Kickers weit übersteigen, ist unbestritten. Sollte dieser Umstand Anlass dafür sein, sportliche Kontakte mit diesen Teams generell zu vermeiden? Wir meinen nein, zumal Verzerrungen im sportlichen Wettbewerb keineswegs nur die Konsequenz überlegener finanzieller Ressourcen sein müssen. Vielmehr sollten wir uns, gerade in Auseinandersetzungen mit den „Emporkömmlingen“ des Profifußballs, darauf besinnen, dass wir zwar bei den finanziellen Möglichkeiten nicht mithalten können, aber mit unserer Tradition und Herkunft über etwas verfügen, worauf diese Opponenten neidisch sein können. Beides sollten wir stolz nach außen tragen und beides wird aus unserer Sicht nicht dadurch korrumpiert, dass die Stuttgarter Kickers zu einem Saisonvorbereitungsspiel in Leipzig antreten. Die Bedeutung dieser Partie wird denn auch überhöht, wenn die Partie – wie teilweise geschehen– zum Anlass genommen wird, die Frage nach der Aufrichtigkeit und Wahrung unserer Kickers-Werte aufzuwerfen.

Natürlich tragen wir die Verantwortung für unser Handeln und sollten dieses an den von uns herausgearbeiteten Wertvorstellungen ausrichten. Dies bedeutet aus Sicht des Präsidiums aber nicht, unreflektiert die Haltung anderer Vereine zu übernehmen und den einfachen Weg zu gehen, sportliche Kontakte mit einem anderen, möglicherweise als unliebsam empfundenen Verein generell abzulehnen. Mit anderen Worten sehen wir es als besser an, wenn sich die Identität der Stuttgarter Kickers aus dem Stolz über die eigene Herkunft und die eigene Arbeit und Leistung speist und nicht aus der Abgrenzung zu anderen.

Die vorstehenden Ausführungen sollten dazu dienen, unsere Haltung umfassend zum Ausdruck zu bringen. Natürlich kann jeder zu dieser durchaus vielschichtigen Thematik seine eigene, abweichende Sicht der Dinge haben und eine allgemeingültige Wahrheit gibt es ohnehin nicht. In diesem Sinne sind wir wie immer stets bereit, uns der inhaltlichen Auseinandersetzung und Diskussion zu stellen. Diese sollte aber sachlich, auch für andere Positionen offen und von Drohungen frei sein, wie es unserem Verständnis und dem Stil der Kickers entspricht.

Mit sportlichen Grüßen
Prof. Dr. Rainer Lorz für das Präsidium des SV Stuttgarter Kickers