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Interviews

„Keine nennenswerte Fankultur“ in England

Autor: Moritz Gutscher Veröffentlicht: 25. März 2015
Quelle: safestandingroadshow.co.uk

England ist das Mutterland des Fußballs, doch in vielen Stadien erinnert die Stimmung mittlerweile eher an eine Opernaufführung. Wir sprachen mit Jon Darch, der sich seit Jahren für neue Stehplätze in England einsetzt, über Fankultur, Sicherheit und Politik. Sein Konzept „Safe Standing“ basiert auf einer Geländerkonstruktion mit eingebauten Sitzplätzen. Auf einer Roadshow wird die Lösung Klubs und Fans präsentiert, die Resonanz ist durchweg positiv. Kehren die Stehplätze zurück auf die Insel?

Seit Hillsborough gibt es in England keine Stehplätze mehr. Ging damit auch ein Stück der britischen Fankultur verloren?

Nicht nur ein Stück, sondern sehr viel davon! Ich habe viele deutsche Freunde, die ganz aufgeregt über die Atmosphäre in englischen Stadien sprechen. Aber sie alle haben ein Bild aus den 70ern im Kopf und wenn sie dann Orte wie das Emirates oder Etihad besuchen, kommen sie meistens extrem enttäuscht zurück. Es gibt dort keine nennenswerte „Fankultur“ und der größte Teil der Atmosphäre erinnert eher an ein Theater als an ein Fußballstadion: Das Publikum lehnt sich zurück und will unterhalten werden, anstatt selbst eine aktive Rolle zu spielen und etwas zur Dramatik beizusteuern. Wenn man dann noch bedenkt, dass das Durchschnittsalter eines Dauerkarteninhabers bei 43 Jahren liegt, kommt man zu einer sehr ruhigen, verhaltenen Spieltagserfahrung.

Schauen britische Fans neidisch Richtung Kontinentaleuropa oder hat man sich mit der Situation arrangieren können?

Viele schauen neidisch nach Europa, vor allem nach Deutschland. Ich habe letztens gelesen, dass rund 1.000 britische Fans zu den Heimspielen von Borussia Dortmund fahren. Warum sollten sie auch nicht? Wenn man im Norden Londons lebt, kann es billiger sein mit EasyJet von Luton nach Dortmund zu fliegen, mit dem Ticket kostenlos zum Westfalenstadion zu fahren, das Spiel mit einem Bier in der Hand zu gucken, sich die Seele aus dem Leib zu singen bis man heiser ist und am nächsten Tag nach Luton zurückzufliegen, als für astronomische Summen nach London zu fahren und vielleicht 80 Pfund [108 Euro] für einen bequemen Sitzplatz zu zahlen, kein Bier in der Hand zu haben und kleinlaut das Spiel überbezahlter Divas zu verfolgen.

Als Stammgast bei Union Berlin sehe ich auch eine Menge Fans aus England, Schottland und Wales, die sich ihren „Schuss“ deutscher Stehplatzkultur abholen, die sie daheim so sehr vermissen.

Von daher: Nein, viele haben nicht akzeptiert wie es in Großbritannien läuft.

Warum sind die Sicherheitsbedenken unbegründet?

Als erstes muss man verstehen, dass es beim Stehplatzverbot nie um die Frage ging, ob Stehen während des Fußballs sicher ist oder nicht. Es basiert komplett auf einem vorurteilsbehafteten Bild von Fußballfans, vor allem von aktiven Fans, geprägt von der Thatcher-Regierung in den Achtzigern. Sie alle sahen Fußballfans als Feind der Gesellschaft, so wie die Bergarbeiter. Sie prägten für sie den Begriff des Feindes im Inneren [enemy within] und sahen in den Fußballfans einen ebensolchen Feind. Vor allem diejenigen, die gerne stehen. Wie ich in einem Artikel für die Liverpool-Seite „This is Anfield“ geschrieben habe, wurde das Verbot als – ziemlich stumpfe – Waffe gegen Hooliganismus eingesetzt, es ging nie um die Sicherheit.

„Es gibt absolut keinen Grund für Sicherheitsbedenken“

26 Jahre später haben wir jede Woche tausende Fans, die im Stadion stehen, obwohl die Tribünen dafür nicht ausgelegt sind. Sie alle stehen hinter niedrigen Lehne und fallen oft darüber nach vorne, wenn sie ein Last-Minute-Tor feiern. Die Klubs und Sicherheitsbeauftragten wissen genau dass die Fans sich hinstellen und reduzieren häufig die Kapazität, um dafür die Genehmigung zu bekommen, damit die Fans nicht auf die Gänge ausweichen. Sie tun nichts dafür, um die Situation sicherer zu machen.

Um die Frage zu beantworten: Es gibt absolut keinen Grund für Sicherheitsbedenken bei sicherem Stehen, aber es gibt viele Gründe um wegen der aktuellen, unsicheren Situation besorgt zu sein. Es wäre weitaus sicherer, wenn all diese Fans hinter hüfthohen Geländern stehen würden, anstatt hinter konventionellen, niedrigen Sitzen zu stehen. Man könnte argumentieren, dass die Sicherheitsbehörden eigentlich darauf bestehen sollten, in den entsprechenden Blöcken die konventionellen Sitzplätze zu ersetzen.

Ihr nennt Euer Konzept „german-style“ und kooperiert mit der eheim GmbH. Wie genau sieht Euer Ansatz aus und welche Vorbilder habt ihr?

Zunächst einmal: Es gibt nichts Unsicheres bei einer gut gewarteten, gut organisierten konventionellen Kurve. Zahlreiche Kurven in der League One und League Two, in Rugby-Stadien und in ganz Europa, insbesondere Deutschland, beweisen das. Dennoch, um eine Chance zu haben unsere Politiker zu überzeugen, müssen sie verstehen dass die jetzigen Tribünen unsicher sein können. Um Stehplätze in reinen Sitzplatzstadien zu realisieren, brauchten wir etwas, das a) offensichtlich sicher ist und b) nicht wie ein Stehplatzbereich aussieht. Ein anderer Faktor, den man im Auge behalten sollte, ist, dass selbst wenn man echte Stehplatzkurven wieder erlauben würde, kein Klub mit europäischen Ambitionen welche bauen würde. Denn die UEFA erlaubt nur reine Sitzplatzstadien bei internationalen Spielen. Die deutschen Klubs sind meist Vereine, sie existieren um ihre Mitglieder glücklich zu machen und nehmen bei diesen Spielen die Scherereien temporärer Sitzplätze auf sich. Englische Klubs sind Unternehmen, die Geld machen wollen und würden eine solche arbeitsintensive Lösung nie dulden.

„Die Regierung allerdings zeigte bislang kaum Interesse“

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Aus all diesen Gründen setzen wir uns für die „Geländer-Sitze“ [rail-seats] ein. Dabei zeigen wir unseren Politikern auf, dass die halbe Bundesliga solche Sitze zumindest in Teilen ihrer Stadien bereits nutzt, ebenso Klubs in Norwegen, Belgien, Österreich, Ungarn und anderen Ländern.

Wie groß sind die Widerstände bei Politik und Verbänden?

Die FA hat vor Jahren ihre Macht abgegeben, hat relativ wenig zu sagen. Die Premier League, die Football League und die Regierung sind die Schlüsselfiguren.

75 Prozent aller Football League-Klubs haben im letzten Jahr einen Beschluss verabschiedet, nach dem sie sich wegen eines „Safe Standing“-Feldversuch an die Regierung wenden wollen. Von der Premier League gab bis heute keine vergleichbare Bewegung. Allerdings wird durch offizielle Statements und private Diskussionen recht deutlich, dass es viele Unterstützer der Idee gibt. Die Regierung allerdings zeigte bislang kaum Interesse. Die britische Regierung zumindest. In Schottland gibt es kein Gesetz gegen Stehplätze, weswegen es ein schottischer Klub sein könnte, der zuerst wieder Stehplätze einführt. Und die Nationalversammlung in Wales hat im letzten Sommer „Safe Standing“-Probeläufe verabschiedet. Jedoch benötigen sie noch das OK aus London, sofern Cardiff nicht die entsprechende Kompetenz erhält. Im Mai sind in England Wahlen, wer weiß wie die zukünftige Regierung das Thema sieht? Zwei Parteien, die Liberalen Demokraten und die Grünen unterstützen in ihrem Wahlkampf das Konzept des „Safe Standing“. Man wird sehen, inwiefern sich der Widerstand von Seiten der Politik in den nächsten Wochen ändert.

Wie ist die Resonanz Eurer Roadshow bei Fans und Vereinen?

Es läuft sehr gut. Natürlich mit den Fans, aber auch bei den Klubs. Einer der Gründe für die Roadshow ist es, den Klubs genau zu zeigen was wir mit „Safe Standing“ meinen. In der Vergangenheit gab es noch einige Verwirrung und einige dachten, wir wollen lediglich die alten Stehplätze zurück, die ja bei internationalen Spielen für Probleme sorgen würden. Viele haben noch nie Geländer-Sitze gesehen. Bei unserer Präsentation sehen sie sie und können sich selbst hinter einen kleinen Block von vier Sitzen stellen. Das hat wirklich geholfen, sie von der Idee zu überzeugen. Es gab nicht einen einzigen Klub, der nach der Roadshow weiterhin gegen „Safe Standing“ war.

Inwiefern hat sich die Einstellung zu Stehplätzen in den letzten Jahren gewandelt?

Sehen heißt glauben! Nicht nur den Klubs und den Fans, sondern auch der Presse das Konzept zu zeigen, hat die Meinung der Menschen merklich verändert. Wir haben außerdem viel Aufwand betrieben, um den Medien Bilder und Videos der Sitze zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Berichte nicht mit alten Schwarzweiß-Aufnahmen aus den Siebzigern bebildern, wie sie es früher getan haben. Es gibt nur wenige Leute die aus welchen Gründen auch immer nicht ihre Augen öffnen wollen und sich nicht informieren. Sie glauben, wir wünschen uns eine Rückkehr irgendwelcher dunklen Zeiten. Das wurde ziemlich offensichtlich bei der Tagung der walisischen Nationalversammlung. Die meisten Mitglieder hatten sich vorher unsere Roadshow angesehen und sprachen sich für das Safe Standing aus. Nur einer argumentierte vehement dagegen. Er war nie bei der Präsentation und fürchtete eine Rückkehr zu schwankenden, schwingenden, kaum kontrollierten Stehtribünen aus längst vergangenen Tagen.

Arbeitet ihr in England mit Fanverbänden zusammen?

Ja, wir arbeiten eng mit der Football Supporters Federation (FSF) zusammen, die sich seit knapp 20 Jahren für das Safe Standing einsetzt. Sie unterstützt auch lokale Fangruppen bei eigenen Kampagnen zu dem Thema. Im Moment helfen sie zum Beispiel der Gruppe „1894“, das sind aktive Fans von Manchester City. Sie teilen ein „Legalise Safe Standing“-Banner, was in den Stadien im ganzen Land gezeigt wird. Das alles verbreitet die Nachricht und verbessert die Wahrnehmung der Kampagne.

Auch in Deutschland wird mitunter die Abschaffung der Stehplätze gefordert. Wie beurteilt ihr diese Forderung?

Es wäre eine Katastrophe und ich kann mir ehrlicherweise nicht vorstellen, dass das wirklich passiert. Es gibt zu viele Menschen in Deutschland die den Wert einer aktiven Fanszene und Stehplatzkultur zu schätzen wissen. Die meisten Vereine werden von ihren Mitgliedern kontrolliert, deswegen kann sich so ein Verbot gar nicht durchsetzen. Und wenn es jemand mit Einfluss für eine gute Idee hält, soll er sich die Situation in England anschauen und die Atmosphäre vergleichen. Man würde schnell erkennen, dass es eine sehr schlechte Idee wäre!

Wie optimistisch schaut ihr auf die Zukunft? Sind Stehplätze in britischen Stadien realistisch?

Wir sind sehr optimistisch. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich denke, die ersten 2-3 Stadien werden im Sommer entsprechende Sitze installieren. Zugegeben, die Klubs werden nicht in den ersten beiden Ligen spielen, aber es könnten Klubs aus der Scottish Premier League sein wie beispielsweise Celtic oder Dundee United.

„2016/17 die ersten Safe Standing-Testläufe in der britischen Premier League“

Sobald die Vorsitzenden und Besitzer der Klubs im Süden sehen werden, wie ihr Pendant nördlich der Grenze mit dem Safe Standing Erfolg hat – und den werden sie haben – wird es noch mehr Druck geben auf die britischen Entscheidungsträger. Die Besitzer und Vorsitzenden haben eine Menge Einfluss, deswegen bin ich mir in diesem Punkt sicher.

Würde ich wetten, dann würde ich sagen, dass wir 2016/17 die ersten Safe Standing-Testläufe in der englischen Premier League sehen werden.