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National

Kampf um Südkurve: Jena-Fans schalten Ministerpräsident ein

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 14. November 2016
Quelle: imago

Mit einer einzigartigen Crowdfunding-Kampagne haben die Fans des FC Carl -Zeiss Jena zuletzt mehr als 150.000 Euro gesammelt, um auch im geplanten Neubau des Ernst-Abbe-Sportfeldes weiterhin in der Südkurve zu stehen. Weil sich nun jedoch die Polizei dagegen sträubt, die von den Fans ausgearbeiteten Sicherheitskonzepte zu abzusegnen, wendet sich die Bürgerinitiative UNSER STADION Jena e.V. nun an Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke).

In einem offenen Brief an Ramelow und seinen Innenminister Holger Poppenhäger (SPD) laden die Jena-Fans die Politiker ein, sich persönlich vor Ort ein Bild von den Gegebenheiten zu machen. So will die Bürgerinitiative demonstrieren, wie die Südkurve im neuen Ernst-Abbe-Sportfeld auch ohne Sicherheitsbedenken und Mehrkosten erhalten bleiben kann.

Zuletzt hatte die zuständige Polizeibehörde Zweifel am Sicherheitskonzept der Jena-Fans geäußert. „Kein Sportfan auf dieser Welt kann und will dieser polizeilichen Argumentation, welche auf Vermutungen setzt und weitreichendere negative Konsequenzen für eine kritische Fankultur mit sich bringt, Glauben schenken“, heißt es dazu von der Bürgerinitiative.

Nachfolgend der offene Brief der Bürgerinitiative UNSER STADION Jena e.V. im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Ramelow,
sehr geehrter Herr Poppenhäger,

in diesen ereignisreichen Tagen und Wochen, voller politischer Erdrutsche und überlebensgroßer Fragezeichen über den Köpfen vieler Menschen hierzulande und anderswo, bitten wir Sie um Unterstützung und ein klares Bekenntnis für Werte, Strukturen, Identifikation und Kultur im Sport.

Spätestens seit der innovativen ‚crowdFANding‘-Kampagne ist das Engagement der Jenaer Fußballfans für den Erhalt der, unserer, SÜDKURVE im neuen Ernst-Abbe-Sportfeld in aller Munde. Parallel zum bis heute weltweit einmaligen Projekt, welches Unterstützer aus 35 Ländern und eine Gesamtsumme von über 150.000 Euro erreicht hat, nimmt die gut strukturierte Fanszene an diversen Planungs- und Diskussionsrunden zur Stadionzukunft teil. Unter dem Dach des Vereins „UNSER STADION e.V.“ bündeln sich die Anstrengungen, welche eine fanfreundliche und traditionsbewusste Gestaltung des Jenaer Fußballstadions zum Ziel haben. In der Vergangenheit haben die blaugelbweißen Fans mit dem tragischen Verlust der charakteristischen Flutlichtmasten und den schrittweise maroder werdenden Traversen genügend Tiefschläge erleiden müssen, so dass nun klar ist, dass in einem neuen Ernst-Abbe-Sportfeld die aktive und atmosphärische Unterstützung der Mannschaft definitiv aus der SÜDKURVE erfolgen wird. Das allerletzte sinnstiftende Merkmal unseres Stadions lassen wir uns nicht entreißen.

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In unzähligen Gesprächsrunden mit den Jenaer Stadtratsfraktionen, den verantwortlichen Projektmitarbeitern, Dezernenten, Sicherheitsgutachtern und den BOS (v.a. Polizei und Feuerwehr) wurde und wird konstruktiv gearbeitet, um den essentiellen Erhalt der identitätsstiftenden SÜDKURVE gemeinsam zu erreichen. Die von der Bürgerinitiative erarbeiteten Sicherheits- und Zuwegungskonzepte für Heim- und Gästefans ermöglichen ein hohes Maß an Flexibilität für die Sicherheitskräfte, was angesichts der unterschiedlichen Gefährdungslagen sinnvoll ist und im übrigen auf dem etablierten Raumschutzkonzept der Polizei fußt.

Zuletzt kamen die gemeinsamen Gespräche, in welchen wir auch die fundierte Unterstützung durch das Jenaer Fanprojekt genießen, leider ins Stocken, da die Leiter der Jenaer Polizei die von uns erarbeiteten Konzepte zwar als umsetzbar einstufen, aber ihre Genehmigung hierfür partout nicht erteilen wollen. Augenscheinlich liegt diesem Verhalten ein Streben nach vermeintlicher 150%iger Sicherheit zu Grunde, was im Allgemeinen und am Beispiel des Jenaer Fußballs im Speziellen als unangemessen erachtet werden muss. Das Sicherheitskonzept benötigt einen Stempel der lokalen Polizeibehörde, um die Tauglichkeitseinstufung der Fussballverbände zu erhalten. Auf den Punkt gebracht: unser Konzept, mit der Unterbringung der Gäste-Zuschauer in der Nordkurve, inkl. angepasster Zuwegungen von beiden relevanten Bahnhöfen und Parkplätzen, bietet alle Voraussetzungen für ein DFL-taugliches Fussballstadion mit größtmöglicher Sicherheit. Im letzten Stand der Diskussionen prophezeite der Leiter der Jenaer Polizeiinspektion plötzlich und zu unserer Überraschung allerdings einen höheren Personalbedarf an einzusetzenden Polizeibeamten zur Fantrennung, ohne dies auch nur ansatzweise belegen zu können. Leider wird an dieser Stelle verkannt, dass die durch das ‚crowdFANding‘ erzielte sechsstellige Summe zum Beispiel für die Errichtung von flexiblen und Sichtschutz bietenden Rolltoren eingesetzt werden kann, welche im (seltenen) Bedarfsfall zahlreiche Polizeikräfte entbehrlich machen. Wir möchten nochmals deutlich machen, dass wir in diesem Punkt sogar auf einem Fantrennungskonzept der Polizei aufbauen, welches bundesweit repressive Maßstäbe setzt. Genau an diesem Punkt lohnt der Blick in andere und deutlich größere/ bekanntere Stadien oder Stadionperipherien, wo Fantrennung faktisch ein Fremdwort ist und Konfrontationen dennoch ausbleiben.

Wir setzen eigene Mittel im sechsstelligen Bereich und ein flexibles Absicherungssystem gegen eine unergründbare Mehrkostenaussage der Polizei. Kein Sportfan auf dieser Welt kann und will dieser polizeilichen Argumentation, welche auf Vermutungen setzt und weitreichendere negative Konsequenzen für eine kritische Fankultur mit sich bringt, Glauben schenken.

Leider erhärtet sich der Gedanke, nicht nur in der Jenaer Fußballanhängerschaft, dass die Polizei in dieser Frage die zweifelhafte „Gunst der Stunde“ ausnutzen und mit der Verweigerung der behördlichen Genehmigung die Zerstörung der organisierten, selbstregulierten und antirassistischen Fankultur in Jena herbeiführen möchte, mit allen Konsequenzen damit auch komplette subkulturelle Strukturen angreift und unkontrollierbar macht. Gerade gegenüber der Polizei haben wir kraft unseres Mandates immer deutlich gemacht, dass die SÜDKURVE immer in blaugelbweißer Hand bleiben wird, egal welche Entscheidung die Polizei trifft. Wir verweisen an dieser Stelle gern ein weiteres Mal auf die bezugnehmende und sehr aussagekräftige Expertise des anerkannten Soziologen und Fanforscher Prof. h.c. Dr. Gunter A. Pilz. (http://crowdfanding.de/expertise-zumkonzept-der-neuen-stadionaufteilung-von-prof-h-c-dr-gunter-a-pilz/)

Nichts spricht mehr gegen den Erhalt der SÜDKURVE im Ernst-Abbe-Sportfeld. Lassen Sie uns beweisen, dass Fußballstadien auch im Sinne der Anhänger gebaut werden und proaktive Mitarbeit und belastbare Konzepte von eben jenen Anhängern von Erfolg gekrönt sind.

Wir laden Sie herzlich ein, mit uns gemeinsam das Ernst-Abbe-Sportfeld zu besuchen, um Ihnen vor Ort aufzeigen zu können, wie die SÜDKURVE ohne Sicherheitsbedenken und/ oder Mehrkosten erhalten bleibt.

Wir bedanken uns für Ihre Unterstützung.

SÜDKURVE BLEIBT!

Mit tausendfachen blaugelbweißen Grüßen
Bürgerinitiative UNSER STADION Jena e.V., November 2016