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Hintergründe

„Manches wäre ohne die tatkräftige Mitarbeit der Fans gar nicht zu stemmen“

Autor: Sören Stephan Veröffentlicht: 08. März 2015
Quelle: imago

Wer an Darmstadt denkt, dürfte sich wohl schnell an den dramatischen Last-Minute-Aufstieg im Relegationsspiel gegen Arminia Bielefeld erinnern. Nuancen, die zwischen zweiter und dritter Liga entschieden haben. Knapp fünf Jahre zuvor spielten die Lilien noch im Abstiegskampf in der Regionalliga-Süd. Und nun steht Darmstadt – entgegen aller Vermutungen der Experten – weit oben in der zweiten Bundesliga. 

Im Fanzeit-Interview spricht der Fanbeauftragte des SV Darmstadt 98, Axel Lehné, über den kometenhaften Aufstieg der Lilien, dessen Auswirkung auf die Fanszene, die Wünsche der Anhänger bezüglich der Sanierung des Stadions am Böllenfalltor und die Verbundenheit zwischen Vereinsvertretern mit der Fan- und Ultraszene.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Fanszene des SV Darmstadt 98?
Durchweg positiv. Die Fanszene wächst stetig an, wir pflegen ein gutes Verhältnis und die Lilienfans haben in den letzten Monaten oftmals positiv auf sich aufmerksam gemacht.

Was sind die Ziele des 2012 gestarteten Projekts „Block 1898“?
Hinter ‚Block1898‘ verbirgt sich die Lösung für gleich mehrere Schwierigkeiten, die bis dahin im Fanalltag in Darmstadt eine Rolle gespielt hatten: Die Eintrittspreise auf der Sitzplatztribüne waren zu hoch, um junge Fans an das Stimmungszentrum heran zu führen, das Zusammenleben von Fans und Verein war nicht ideal, die Stimmung dementsprechend nicht berauschend. Mit ‚Block1898‘ schlug die Fanszene einen sich selbst regulierenden Fanblock ohne Ordner und Polizei auf der Haupttribüne vor. Während die Fans in dem Bereich dafür Sorge tragen, dass es zu keinen negativen Vorfällen kommt, Ordnungsdienst & Ticketverkauf organisieren, genießen sie Freiheit in der Auswahl Ihrer Fanutensilien. Im gleichen Zug wurden dann auch erstmals Kartenermäßigungen für Jugendliche in diesem Bereich geschaffen. Rückblickend ein Erfolgskonzept, dass sich in den vergangenen drei Jahren absolut bewährt hat.

Mit den Offenbacher Kickers pflegen eure Anhänger traditionsgemäß eine Feindschaft. Was sind die Hintergründe dafür, dass sich die Fans beider Vereine nicht riechen können?
Wie bei den meisten Derby- oder Erzrivalen-Konstellationen spielt die Nähe und eine ähnliche Kragenweite der beiden Clubs die entscheidende Rolle.

Gibt es freundschaftliche Kontakte zu anderen Fanszenen?
Insbesondere ältere Fangenerationen pflegen auch heute noch Kontakte zu Fans des 1.FC Köln. Diese beruhen aber weniger auf organisierten Gruppen wie die Freundschaft zu Fans der Berner Young Boys. Diese Verbindung ist insbesondere in der Darmstädter Fangemeinde sehr bekannt und die Schweizer jedem Lilienfan besonders willkommene Gäste. Daneben werden aus dem
Block1898 noch Kontakte zur örtlichen Sektion der Besiktas-Ultras ‚Carsi‘ gepflegt.

Wieviele Stadionverbotler gibt es in der Fanszene des SVD?
Wir sind in der erfreulichen Situation, dass es in Darmstadt nicht mal eine Handvoll Stadionverbotler gibt.

Ein persönliches Statement zu der Nutzung von Pyrotechnik in den Stadien?
Der Fall Erfurt wird hier sicherlich für interessante Diskussionen sorgen.

Wie würden Sie die Fanszene des SV Darmstadt mit wenigen Worten beschreiben?
Das Interessanteste an der Darmstädter Fanszene ist, dass am Böllenfalltor – wie in einem riesigen Freiluftmuseum – jede Ausgestaltung von Fankultur vorhanden ist, die die deutsche Fußballszene in den letzten 30 Jahren durchlebt hat – und alle sehr gut miteinander auskommen, egal ob Ultra, Kutte, Punk, Casual oder was das weite Rund sonst noch so zu bieten hat.

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Es gibt mehrere Ultra-Gruppen in Darmstadt. Welche Ultragruppe hat ihrer Meinung nach auf der Tribüne das Szepter in der Hand?
Neben den seit neun Jahren aktiven ‚Usual Suspects‘ treten seit 2012 auch ‚Ultrà de Lis‘ unter dem gemeinsamen Label „Block1898“ auf. Beide Gruppen haben ganz verschiedene Stärken und ergänzen sich sehr gut, weshalb es kaum verwundern dürfte, dass man nach außen mit dieser gemeinsamen Stimme auftritt.

Darmstadt 08 11 2014 Stadion Böllenfalltor Fußball 2 BL 13 Spieltag SV Darmstadt 98 ImQuelle: imago
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Usual Suspects

Fußball 2 Bundesliga Herren Saison 2014 2015 14 Spieltag am 21 11 2014 im Fritz Walter StadionQuelle: imago
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Ultrà De Lis

Das Stadion am Böllenfalltor soll bis Ende 2015 saniert werden. Diesbezüglich hoffen die Fans auf einen fanfreundlichen Umbau des Stadions, was unter anderem den Erhalt des Stadionnamens und das Angebot einer gewissen Anzahl von Stehplätzen beinhaltet. Inwieweit wird der Verein die Wünsche der Fans berücksichtigen können?
Der Verein ist lediglich Hauptmieter des Stadions, Bauherr ist die Stadt Darmstadt. Dementsprechend sind auch die Lilien selbst in der Situation, Wünsche zu artikulieren. Stadt, Verein und Fanbündnis kommunizieren rege miteinander, daher sind wir optimistisch, dass ein Stadion entstehen wird, das allen Ansprüchen gerecht wird. Beim Stadionnamen ist dieses Kunststück ja bereits gelungen.

Hat der dramatische 4:2 Sieg im Relegations-Rückspiel bei Arminia Bielefeld und der damit gleichbedeutenden Aufstieg in die zweite Liga große Veränderungen in der Fanszene des SVD bewirkt?
Neben dem immer noch anhaltenden Euphoriezustand ist der Zuschauerzuspruch natürlich nochmals größer geworden. Das stellt alle Beteiligten vor die Herausforderung, die Neuankömmlinge
miteinzubeziehen, zu integrieren und funktionierende Modelle wie die Selbstregulierung nun auch bei größeren Personengruppen umzusetzen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Verein und Fans?
Das Verhältnis ist sehr gut. Rund um die Lilien herrscht ein sehr familiäres Klima, die Wege sind total kurz und man muss gar nicht erst Termine ausmachen, um ins Gespräch zu kommen. Die Vereinsstruktur der Lilien ist auf viele ehrenamtliche Helfer angewiesen, manches wäre ohne die tatkräftige Mitarbeit der Fans gar nicht zu stemmen.

Am 30.08.2011 titelte die FAZ „Die Zeit der Trittbrettfahrer. Wie sich die Fanszene im Fußball verändern kann, wenn der Erfolg eine neue, aggressivere Klientel anlockt – das Beispiel Darmstadt 98, Aufsteiger in die dritte Fußball-Liga.“ Unterwandern Hooligans die Fanszene der Lilien?
Nein. Schon damals hätte man über diese Schlagzeile lange diskutieren können, aber auch heute ist von einer „Unterwanderung“ entsprechender Gruppen keine Spur. Wir führen einen regen Dialog mit allen unseren Fangruppen, dessen Erfolg sich sicherlich auch daran messen lässt, dass größere Ausschreitungen in der jüngeren Klubvergangenheit absoluten Seltenheitswert haben.

Beim Spiel gegen den FC Ingolstadt am 21.12.2014 präsentierten die Lilien-Fans einen übergroßen Wunschzettel im eigenen Block. Darauf wünschten sie sich unter anderem einen neuen Stadionsprecher. Warum stimmt die Chemie zwischen Fans und Stadionsprecher Henry Stein nicht?
Jeder, der einer derart öffentlichen Tätigkeit nachgeht, wird mit seinem Stil bei der einen Gruppe auf größeren, bei der anderen auf kleineren Anklang stoßen. Diese Ausgangslage kennen Stadionsprecher genauso wie „Wetten, dass…?“-Moderatoren.

WUNSCHZETTEL DER DARMSTAEDTER FANS SV DARMSTADT 98 2 BUNDESLIGA DARMSTADT PUBLICATIONxNOTxINxUSAQuelle: imago
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