Anzeige

Hintergründe

„In Thüringen nimmt die Qualität der Wurst deutlich zu“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 17. Januar 2016
Quelle: imago

Seien wir ehrlich: So ohne Bier und Bratwurst wäre ein Besuch beim Fußball nicht dasselbe. Doch wo schmeckt die Wurst am besten? Wir haben bei jemandem nachgefragt, der es wissen muss: Mit „Calcio Culinaria„, dem fußball-kulinarischen Hopper-Kollektiv aus Kiel, bereist Matthias die Fußballplätze der Republik und testet die örtliche Wurst – oder interessante Alternativen. Mit uns sprach er über die Test-Ergebnisse.

 

Butter bei die Fische beziehungsweise Senf bei die Bratwurst, Matthias: Wo gibt´s denn nun die beste Wurst beim Fußball?
Da muss ich gleich eine unbefriedigende Antwort geben: Das maßen wir uns nicht an, darüber zu entscheiden. Denn es gibt sicher noch tausende Grounds mit guten Würsten, auf denen wir noch nicht waren. Das schöne bei unserem Wurst-Test ist ja, dass jeder Kreisliga-Ground dieselben Chancen hat wie ein Fünf-Sterne-Stadion. Man kann aber sagen: Wenn es in Richtung Thüringen geht, nimmt die Qualität der Wurst deutlich zu. Hier im Norden gibt es allerdings auch ein paar Sportplätze, auf denen der örtliche Schlachter die Wurst liefert, da können dann auch richtig gute Sachen dabei sein. Osdorf wird zwar keinem etwas sagen, aber dort gibt es eine absolut geile Käse-Schinken-Wurst. Auch bei Schwarz-Weiß Essen soll es eine der besten Stadion-Würste in Deutschland geben. Als wir jedoch vor Ort waren, hatte die Wurstbude leider aufgrund einer Familienfeier geschlossen, sodass wir sie nicht testen konnten.

„Es ist immer schön, wenn man schmeckt, wo man ist.“

Wo hat es euch denn auf euren Reisen mit Holstein Kiel bisher am besten geschmeckt?
Das ist schwierig zu sagen. Was aber auf jeden Fall in Erinnerung geblieben ist, ist die Feuerwurst in Mainz. Dafür muss man allerdings gerne scharf essen. Da ist das Feuer im Namen wirklich Programm. Ansonsten freuen wir uns immer, wenn es bei der Wurst einen lokalen Bezug gibt. Bei unserem ersten Drittligaspiel mit Holstein Kiel in Regensburg haben wir zum Beispiel gegrillte Regensburger, so eine Art kleine, dicke Fleischwurst, im Brötchen bekommen. Da kommt man dann hin und denkt: geil! Kürzlich war ich auch bei der A-Jugend vom VfB Stuttgart, da gab es dann Cannstatter Würstle mit Sauerkraut im Brötchen – auch top! Es ist immer schön, wenn man schmeckt, wo man ist.

Wie wichtig ist euch das Catering im Stadion?
Es gibt natürlich viele Aspekte, die einen Stadionbesuch zu einem schönen Erlebnis machen: Ein tolles Stadion, mitreißende Spiele, interessante Fanszenen. Ein Stadion ist ja ein Stück weit auch immer eine Art Visitenkarte für die Stadt. Die Mehrheit der Auswärtsfans bekommt bei so einem Spiel ja nicht viel mehr von der Stadt zu Gesicht als das Stadion. Da finde ich es eben auch wichtig, dass man in dieser Zeit eine leckere Verpflegung hat. Wenn man sonntagnachmittags auf einem Dorf-Ground zu Gast ist und es dort nichts zu Essen gibt, ist man natürlich enttäuscht. Auch was einem in den großen Stadien vorgesetzt wird, ist teilweise sehr lieblos. Essen und natürlich auch Trinken gehören eben zum Fußball dazu. Da finde ich es auch schön, wenn man zum Beispiel in Bochum im Stadion auch ein Bier aus Bochum trinken kann. Bei uns in Kiel gibt es hingegen Warsteiner im Stadion. Wenn ich nach Südhessen fahre, möchte ich auch gerne Äppelwoi trinken, in der Pfalz dann Wein, das ist dann eben der Berührungspunkt mit der Gegend. Das Catering ist vielleicht nicht das allerwichtigste, aber es rundet die Sache eben ab.

„Schön, wenn die Wurst im Brötchen daher kommt statt mit einem Toast-Dreieck.“

Anzeige

Nach welchen Kriterien – neben dem Geschmack – führt ihr eure Wurst-Tests durch?
Ein regionaler Bezug ist uns, wie gesagt, wichtig. Das gibt durchaus Punkte. Auch ausgefallene Gerichte gefallen uns. Bei Roter Stern Leipzig gab es zum Beispiel einen echt geilen Grillkäse – der hat sogar mir als überzeugtem Fleischesser echt gut geschmeckt. Es ist immer gut, wenn man merkt, dass die Leute sich Gedanken gemacht haben. Schön ist auch, wenn die Wurst im Brötchen daher kommt statt mit einem Toast-Dreieck. Mit einer großen Auswahl können Vereine ebenfalls punkten. Ich finde es auch toll, wenn Vegetarier interessante Speisen im Stadion bekommen können. Natürlich spielt irgendwo auch der Preis eine Rolle. Es ist ja teilweise schon frech, was in so manchem Bundesliga-Stadion für ein nicht einmal tolles Produkt abgeknöpft wird.

Die Bratwurst ist der Stadionimbiss schlechthin. Sind euch auf euren Reisen auch schon ausgefallene Alternativen untergekommen?
Allerdings. In Belgien gibt es zum Beispiel ein Baguette mit Frikadellen, Pommes und Sauce. Das ist schon ziemlich interessant und vor allem nicht einfach zu essen. Aber es schmeckt! Auch die Pies in England haben zum Teil sehr spannende Füllungen. Ein Bekannter von mir war in Indonesien, da gab es dann asiatische Fleischspieße im Stadion. Sehr interessant ist auch der Riesen-Hot-Dog bei Arsenal: Der wird mit Chili con Carne, zerbröselten Taco-Chips und Saucen garniert und anschließend noch überbacken. Da hat man auf jeden Fall ziemlich lang Sodbrennen von.

Ihr seid ja nicht nur Groundhopper sondern auch treue Fans von Holstein Kiel. Wie schmeckt es denn überhaupt bei euch im Stadion?
Lange Zeit hatten wir bei uns im Stadion ein eher liebloses Catering, was im Endeffekt dann auch einer der Gründe für unsere Wurst-Tests auf anderen Plätzen war. Man hat auch immer wieder von Auswärts-Fans gehört, die sich bei uns im Norden auf ein lokales Bier und ein Fischbrötchen gefreut haben – die wurden dann enttäuscht. Seit dieser Saison haben wir allerdings einen neuen Caterer, der – zu unserer Freude – die Wurst im Brötchen verkauft. Die Bratwurst ist zwar teurer geworden, aber das finde ich gerechtfertigt: Sie schmeckt einfach besser als vorher.

Was geht für euch gar nicht beim Thema Verpflegung im Stadion?
Am schlimmsten ist natürlich, wenn es gar kein Catering gibt. Wenn man sich zum Beispiel abends in der Woche ein Spiel ansehen will und es dort nichts zu Essen gibt, ist das schon ärgerlich. In Hamburg gibt es hingegen zum Beispiel das Problem, dass man auf den meisten Plätzen die Wurst des gleichen Herstellers bekommt. Das ist natürlich ein bisschen langweilig. Schön ist es auch nicht, wenn die Wurst in einer Fettwanne schwimmt oder verbrannt ist. Auch wenn vorgegrillt wird und die Bratwurst dann furztrocken ist, frage ich mich, ob das wirklich sein muss. Gleiches gilt für kaltes und überteuertes Essen. Wenn man irgendwo 3,50 Euro für eine Wurst zahlt, die nicht einmal schmeckt, finde ich das schon frech. Vor allem wenn man vielleicht sogar mit der ganzen Familie im Stadion ist und schon viel Geld für die Eintrittskarten bezahlt hat,

Was hat es mit eurer Gruppe „Calcio Culinaria“ auf sich? Wer steckt dahinter? Seit wann gibt es euch? Und aus wie vielen Leuten besteht ihr?
Die Gazetta St. Pauli hat uns mal „Hopper-Kollektiv“ getauft, das fanden wir ganz passend. Daraus haben wir dann das „fußball-kulinarische Hopper-Kollektiv“ gemacht. Meine Frau und ich waren mal ursprünglich in so einem Kutten-Fanklub in Kiel. Das hat uns jedoch nur bedingt gefallen. In so einer starren Gruppe entstehen ja auch Spannungen, wenn man mal etwas andere Ideen hat. Wir haben aber damals, vor fünfeinhalb Jahren, festgestellt, dass es in Kiel durchaus einen kleinen aber feinen Kreis an Leuten gibt, die sich für Fußball außerhalb des Holstein-Universums interessieren. Angesichts der aus Groundhopper-Sicht nicht ganz günstigen geografischen Lage von Kiel war es uns wichtig, die Leute hier, die Interesse am Hoppen haben, unter einen Hut zu bringen.
Unseren Blog betreiben drei Personen: Martin, ein Kumpel von mir, meine Frau Frauke und ich. Darüber hinaus gibt es einige Leute, die immer wieder Reiseberichte für uns schreiben und auch oft mit uns unterwegs sind. Wie viele Leute wir tatsächlich sind, ist schwer zu sagen, weil sich jeder mal mehr, mal weniger einbringt. Ich denke der Begriff „Kollektiv“ trifft es da ganz gut.
Um dem Kind dann einen Namen zu geben, haben wir uns aufgrund unseres Interesses an der Verpflegung beim Fußball eben „Calcio Culinaria“ getauft. Inzwischen bekommen wir sogar von Leuten, die wir persönlich gar nicht kennen Reiseberichte oder Wurst-Tests zugeschickt. Das freut uns natürlich sehr.

„Holstein ist die Klammer, die uns alle zusammenhält.“

Wonach wählt ihr eure Grounds aus? Spielen da auch kulinarische Faktoren eine Rolle?
Nein, eigentlich nicht. Dadurch, dass ich zum Beispiel Holstein-Allesfahrer bin, nehme ich natürlich auf der Hin- oder Rückfahrt gerne Spiele mit. Aufgrund unserer „exklusiven“ Lage haben wir auf unseren Fahrten ja oft die ganze Republik vor uns, das ist dann manchmal auch ganz praktisch. Es gibt aber auch Leute bei uns, die sich vielleicht auch mal ein interessantes Derby in Osteuropa anstatt Holstein Kiel ansehen. Holstein ist aber schon die Klammer, die uns alle zusammenhält. Bei vielen spielen auch die Fanszenen der Vereine eine Rolle bei der Auswahl. Ich hingegen habe vor allem ein Faible für Stadien, die noch unverbaut sind. Zu meinen Lieblingsstadien in Deutschland zählen zum Beispiel die Grotenburg oder auch das Ellenfeldstadion von Borussia Neunkirchen. Das waren Ziele, wo ich definitiv hin wollte. Ich finde auch den historischen Aspekt super, wenn ein Verein wie zum Beispiel Hildesheim mal international gespielt hat, das heute aber eigentlich kein Mensch mehr weiß. Ein ganz abschreckendes Beispiel stellt für mich hingegen der Borussia-Park in Gladbach dar. Das ist einfach so ein steriles Ding und insofern besonders traurig, als Gladbach vorher mit dem Bökelberg ein echtes Kultstadion hatte. Von mir aus kann ein Stadion ruhig schief und rostig oder grasbewachsen sein. Das hat für mich mehr mit Fußball zu tun, wie ich ihn mag.

Zählst du deine Grounds mit?
Nein. Es gibt zwar viele Groundhopper, die das machen, aber meins ist das nicht. Zwar habe ich auch am Anfang im Informer (Anschriftenverzeichnis des Weltfußballs, d. Red.) abgestrichen, wo ich schon war, aber das mache ich nicht mehr. Ich habe eher eine Liste mit Stadien, die ich noch besuchen will. Ich fahre jetzt auch keine Kreisliga-Spiele in Schleswig-Holstein oder Hamburg ab, um möglichst viele Grounds zu haben, sondern mache das, weil ich da Bock drauf habe. Aber natürlich habe ich Respekt vor Leuten, die alle Länderpunkte in Europa gesammelt oder alle Profi-Stadien in England besucht haben. Das ist jedoch nicht meine Herangehensweise und ich denke, da spreche ich auch für die anderen Leute bei CCK. Ich bin eben auch Allesfahrer bei Holstein und das genießt Priorität – auch wenn es dann das dritte oder vierte Mal nach Wehen-Wiesbaden geht.

Seit der Saison 1999/2000 besucht Matthias die Spiele von Holstein Kiel. Relativ schnell wurde er zum Allesfahrer. 2010 gründete er gemeinsam mit weiteren Groundhoppingbegeisterten Kielern „Calcio Culinaria“, das fußball-kulinarische Hopper-Kollektiv.