Anzeige

Hintergründe

„Ich wandle meine Familie auch nicht in eine Aktiengesellschaft um“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 21. März 2014
Quelle: imago/privat

Im zweiten Teil unseres Interviews spricht Roman Kolbe vom Fanzine „Schalke Unser“ über die Vorzüge eines eingetragenen Vereins und warum eine Ausgliederung für ihn nicht infrage kommt.

Schalke ist einer der wenigen noch verbliebenen eingetragenen Vereine in der Bundesliga. Die Mehrheit hat ihre Profi-Mannschaften ausgegliedert. In einer Stellungnahme hat der Verein zuletzt Gerüchte um eine Ausgliederung auf Schalke vehement zurückgewiesen. Können Sie sich erklären, warum diese Stellungnahmen vom Verein derart scharf formuliert wurden?

Das müsste man eigentlich die Verantwortlichen selbst fragen. Die Kommunikationsabteilung des FC Schalke 04 hat das an der Stelle schon wirklich scharf geschrieben, das ist richtig. Es gab im Vorfeld Gerüchte und diese Gerüchte wurden auch immer als solche bezeichnet. Es gab aber auch Indizien, aus denen sich diese Spekulationen genährt haben. Schalke 04 agiert ja nicht im luftleeren Raum, andere Vereine sind den Schritt der Ausgliederung bereits gegangen. Ist es da nicht eigentlich zwangsläufig, dass solche Gerüchte aufkommen? Wenn Peter Peters dann noch sagt, bei der nächsten Jahreshauptversammlung wird es wichtig sein, dass der SFCV mit allen möglichen Leuten teilnimmt, um abzustimmen, weil es um die Zukunft des FC Schalke 04 geht, ist es doch wohl klar, dass solche Gerüchte aufkommen. Das hat auch nichts mit Verschwörungstheorien zu tun, wie es in der Stellungnahme hieß. Das ist eigentlich nur das Endergebnis einer etwas verfehlten Kommunikation im Vorfeld. Da muss man Ursache und Wirkung an der Stelle auseinanderhalten. Die Ursache war meines Erachtens eher die, dass der Verein da im Vorfeld nicht besonders sauber kommuniziert hat, immer sehr fadenscheinig und nebulös geblieben ist. Wenn ich mir dann die Rahmenbedingungen im gesamten Fußball angucken, dann kommen eben auch solche Gerüchte auf. Warum diese dann so in aller Schärfe zurückgewiesen wurden, weiß ich auch nicht, muss Schalke 04 beantworten.

Ist das Konstrukt des eingetragenen Vereins denn auf Dauer überlebensfähig? Oder Sehen Sie den FC Schalke 04 in Zukunft auch als GmbH oder ähnliches?
Also ich sehe Schalke 04 nur als Verein. Das ist meine ganz persönliche Meinung. Ich glaube, dass ich nur innerhalb eines Vereins eine Identifikation aufbauen kann. Das kann ich nicht in einer Aktiengesellschaft, das funktioniert meines Erachtens nach nicht. Zum Beispiel die KGaA bei unseren Nachbarn in Lüdenscheid: Das ist auch ein Konstrukt, das glaube ich von den Fans sehr kritisch gesehen wird. Die haben damit sehr viel Geld reingepumpt, ohne diesen Schritt wären die heute wohl nicht mehr da, das kann man glaube ich so sagen. Es sind ja von den Aktionären auch sehr viele Schulden erlassen worden. Ohne diesen Schuldenerlass wären die tatsächlich weg vom Fenster und würden keine Deutsche Meisterschaft mehr feiern. 
Bei uns sehe ich das weniger aus der sportlichen, sondern aus der Fanbrille. Und da sage ich ganz klar: Wir brauchen den Verein zur Identifikation, ich wandle zum Beispiel auch nicht meine Familie in eine Aktiengesellschaft um. Gerade vom Verein wird es ja auch immer sehr hoch gehängt, dass man sagt: Schalke 04 ist doch eigentlich eine große Familie. Und wenn das so ist, dann mache ich aus der Familie eben keine Aktiengesellschaft, dann bleibt das ein Verein. Das ist allerdings ein reiner Gesichtspunkt aus der Fanbrille, da sage ich: Wir brauchen den Verein zur Identifikation. Wirtschaftlich kann ich das auch nicht einschätzen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der e.V. irgendwann tatsächlich überholt wird, aber eher weil die gesetzlichen Bestimmungen sagen, dass Schalke gar kein Verein mehr ist, sondern ein Wirtschaftsunternehmen und sich dementsprechend anpassen und eine Unternehmensform sein muss. Das kann passieren. Aber das kommt dann nicht aus Schalke 04 heraus, auch gerade wegen der scharfen Absage. Wenn wir ein Verein im eigentlichen Sinne wären, würde ja auch das Geld des Vereines den Mitgliedern gehören. Insofern geht der Vorstand im Moment treuhänderisch mit unseren Geldern um, wenn man das mal so sieht. Bei einer Aktiengesellschaft ist das natürlich auch wieder etwas anderes, da gibt es Aktionäre, die dann diesen Klub besitzen und natürlich auch mitbestimmen können.

Anzeige

Droht die Bezeichnung „eingetragener Verein“ also zur leeren Hülle zu werden?
Der Verein betont diesen Status zurzeit ja sehr stark. Man fragt sich allerdings, was der e.V. noch wert ist, wenn demnächst im Aufsichtsrat genau so viele kooptierte wie gewählte Mitglieder sitzen, wie es der durch den Aufsichtsrat unterstütze Antrag vorsieht. Da muss man sich eigentlich schon die Frage stellen: Was ist das noch für ein Verein, wenn die Vereinsspitze, also der Aufsichtsrat, nicht mehr gewählt, sondern ernannt wird? Das ist schon kurios. Man kann ja wirklich mal die Frage stellen: Ist das vereinsrechtlich überhaupt noch machbar? Ich weiß es nicht, ich bin kein Vereinsrechtler. Aber wenn an der Vereinsspitze mehr ernannte als gewählte Leute stehen, ist der Vereinsgedanke ja irgendwo dahin. Mitgliederrechte werden immer mehr beschnitten und man kann eigentlich nur hoffen, dass diese Jahreshauptversammlung am Ende keine Zweidrittelmehrheiten dafür bringt. Es geht also in erster Linie darum, diese Anträge zu verhindern.

Sehen Sie denn die Gefahr, dass die Mitbestimmung der Mitglieder in einer Aktiengesellschaft noch weiter eingeschränkt wäre?
Naja, bei einer Aktiengesellschaft gibt es ja praktisch keine Mitglieder mehr. Man hat dann höchstens noch so einen passiven Verein, wie jetzt beim HSV, dass eben die Profi-Mannschaft ausgegliedert wird. Ich will das auch nicht verteufeln, es gibt ja durchaus Gründe, die dafür sprechen. Für mich käme das aber nicht infrage. Wenn es bei Schalke so wäre, würde ich halt nicht mehr hingehen, ganz einfach! Dann ist das Ding für mich erledigt, dann gehe ich zum SV Lippstadt.

Sportlich läuft es für den Verein momentan sehr gut. Kann man sich vor all diesen Hintergründen noch so richtig darüber freuen oder hat man das immer im Hinterkopf?
Natürlich freue ich mich, wenn Schalke 04 gewinnt, keine Frage. Ich muss aber auch sagen, dass ich meine Dauerkarte momentan abgegeben habe, was aber eher an meiner persönlichen Situation liegt und ich überhaupt keine Zeit habe, zu den Spielen zu gehen. Ich höre mir die Spiele dann im Radio an oder verfolge den Ticker. Klar freue ich mich dann über Siege, das kann ich ja nicht einfach ablegen und will es auch überhaupt nicht, um Gottes Willen. Das ist ja das Ziel, wo wir alle hinwollen. Ein kleines bisschen den Spaß verloren habe ich aber schon, das muss ich zugeben. Da bin ich aber, glaube ich, nicht der einzige.

Hier geht es zum dritten Teil des Interviews.

 

Schreibe einen Kommentar