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National

„Ich glaube, dass das einen guten und wahren Kern hat“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 11. Dezember 2014
Quelle: imago

Äußerlich haben sie gar nicht allzu viel miteinander gemein. Und doch hat Lars Wallrodt in den letzten Tagen Kim Kardashian bei ihrem Versuch, das Internet zu sprengen, Konkurrenz gemacht. Der Sportredakteur der „Welt“ hatte in einer Glosse augenzwinkernd dazu aufgerufen, Kinder nicht zu Bayern-Fans zu erziehen und Weihnachtswünsche nach Trikots des Rekordmeisters mit konsequenter Nichterfüllung zu bestrafen.

Quintessenz des Stücks: Bayern-Fans entziehen sich den Härten des (Fußball-)Lebens. „Wer so aufwächst, wird sich wundern, wenn er auf dem Schulhof zum ersten Mal verdroschen wird, wenn es den ersten Korb von einem Mädchen (oder einem Jungen) gibt und wenn die ersten zehn Bewerbungen mit bestem Dank und guten Wünschen abgelehnt werden“, schrieb Wallrodt. Inzwischen geht die Zahl derer, die seinen Text „Warum Kinder nicht Anhänger des FC Bayern werden sollten“ gelesen haben, wohl in die Millionen. Doch was macht seine Zeilen so gesprächswertig? Die übergroßen Bayern gehören doch quasi zum Gründungsmythos der Bundesliga. Genauso wie der Argwohn gegenüber dem Rekordmeister, der in der DNA aller anderen Fans veranlagt ist. Kurzum: Die Botschaft ist nicht neu. Warum Fußball-Deutschland dennoch momentan keinen anderen Text so intensiv diskutiert? Wir haben den Autor gefragt.

Hatten Sie beim Schreiben der Zeilen schon im Gefühl, dass dies kein Text wie jeder andere würde?
Als ich die Idee zu dem Text hatte, habe ich nicht gedacht, dass es so abgeht. Als dann die Überschrift stand, habe ich schon gedacht, dass es funktioniert, weil es eben sehr stark polarisiert. Aber inzwischen hat der Artikel alleine über die Artikelseite selbst 95.000 Facebook-Empfehlungen bekommen und insgesamt über vier Millionen Facebook-Kontakte erreicht. Das ist in der Tat außergewöhnlich und freut mich natürlich. Vor allem für die, die das Augenzwinkern darin verstanden haben. Es gab natürlich auch die eine oder andere böse Mail. Wenn man den Leuten aber erklärt, dass eben „Glosse“ drüber steht und es eben nicht ganz ernst gemeint ist, dann verstehen die meisten das auch.

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Der Großteil der Leser rekrutiert sich vermutlich aus Fans, denen Sie aus der Seele sprechen und empörten Bayern-Anhängern. In welchem Verhältnis etwa?
Ich denke, dass 75 Prozent sich herzlich angesprochen gefühlt haben – teilweise auch etwas zu sehr. Denn genauso wenig wie ich ernsthaft meine, man solle seinen Kindern verbieten, Bayern-Trikots zu tragen, will ich ernsthafte Zustimmung. Sicher hat diese Glosse einen Kern, über den man nachdenken soll. Vor allem soll der Text aber amüsieren. Viele haben sich aus dem Herzen gesprochen gefühlt und mir geschrieben: „genau richtig.“ Andere haben geschmunzelt, bis hin zu Reaktionen wie: „Absolute Unverschämtheit – schmeißt den Wallrodt raus!“ Schön ist, wenn mein Text zum Anlass genommen wird, um darüber zu diskutieren. Gestern erst hat ein Kollege deshalb bei uns eine Gegenrede online gestellt.

Sie sprachen trotz allem Augenzwinkern davon, dass dem Text ein wahrer Kern innewohnt. Viele Bayern-Fans würden Ihrer These wohl widersprechen und behaupten, dass es auch den Charakter präge, sich ständig für seinen Verein rechtfertigen zu müssen.
Ich glaube, dass es einen Menschen anders beeinflusst, wenn er Fan eines Vereins ist, bei dem es gegen den Abstieg geht und Fehler gemacht werden, als wenn man 95 Prozent aller Spiele gewinnt. Ich glaube schon, dass diese These einen guten und wahren Kern enthält. Das soll nicht heißen, dass Bayern-Fans nicht auch Frustration erleben. Ich denke da etwa an das Final dahoam oder das Champions-League-Endspiel 1999. Aber wenn darüber diskutiert wird, bin ich zufrieden.

Befürchten Sie, dass Sie fortan Probleme bekommen werden, sich seriös mit dem FC Bayern auseinanderzusetzen?
Nein, ganz und gar nicht. Ich bin tagtäglich mit – hoffentlich – seriöser Berichterstattung beschäftigt und das hat darauf keinen Einfluss. Wer nun meint, mir aufgrund dieses Textes die Sachlichkeit abzusprechen, hat die Intention meines Textes nicht verstanden. Auf diese Leute muss man dann im Zweifelsfall auch verzichten können.

Hand aufs Fanherz! Welcher Verein?
Als gebürtiger Norddeutscher, der in den frühen 80er Jahren sozialisiert worden ist, bin ich dem HSV verbunden. Allerdings hat sich das im Laufe meiner journalistischen Karriere professionell abgekühlt. Ich bin also nicht mehr mit dem Schal vor dem Fernseher oder im Stadion.

Was passiert, wenn ihre Kinder plötzlich ein FC-Bayern-Trikot auf ihren Wunschzettel schreiben?
Dann kommen sie ins Heim (lacht). Nein, dann würden wir das sicher besprechen und wenn es ihr Herzenswunsch wäre, würde ich ihnen das auch schenken. Aber sie müssten mich schon gut überzeugen.