Anzeige

Hintergründe

„Hier ist Fußball noch ein Stück weit wie er sein sollte“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 06. Dezember 2014

Die SG Sonnenhof Großaspach ist der vielleicht außergewöhnlichste deutsche Profiverein. Dass der Klub seit diesem Sommer in der 3. Liga mitmischt, ist in der DNA des Vereins schließlicht nicht veranlagt. Vor den Toren der Fußball-Metropole Stuttgart gründete Hotelier Uli Ferber den Klub einst als Freizeitligisten. Auch dank der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Unternehmers hat die SG Sonnenhof fortan für einen Klub aus einer 8.000-Einwohner-Stadt einen schwindelerregenden Aufstieg erlebt.

Das Umfeld konnte mit dem sportlichen Erfolg aber nur bedingt Schritt halten. Bei 3.000 Zuschauern umweht noch immer das bodenständige Flair des Amateurfußballs die mechatronik-Arena. Dennoch hat sich nicht erst seit dem Aufstieg im Sommer eine zwar übersichtliche Fanszene entwickelt, die dafür aber erfrischend selbstironisch mit der eigenen Größe kokettiert. Zuletzt sorgten die Fans beim Auswärtsspiel in Bielefeld mit einem Spruchband im Netz für Aufsehen, auf dem sie behaupteten: „Die anderen 10.000 müssn schaffen„.

Ähnlich sympatisch-verschroben liest sich auch der Name des SG-Fanclubs „Projekt Waldameise“. Doch bei aller Selbstironie haben die Anhänger der SG Sonnenhof auch Elemente der Ultra-Bewegung übernommen und waren bisweilen sogar in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt. „Projekt-Waldameise“-Mitglied Lennard Peters sprach mit Fanzeit über modernen Fußball, alkoholfreies Bier und warum sein Fanclub sich beinahe nach einem Abführmittel benannt hätte.

Anzeige

Es gibt einige höherklassige Vereine in der Umgebung. Warum unterstützt ihr die SG Sonnenhof Großaspach? Oder ist das für einige auch nur ein „Zweitverein“?
Mit dem VfB Stuttgart sitzt ohne Zweifel ein gewaltiger Zuschauermagnet direkt vor der Haustür. Da beinahe die gesamte Region Württemberg zum Einzugsgebiet des Traditionsvereines aus Cannstatt zählt, bleiben bei parallel stattfindenden Spielen im Stadion im Sportpark Fautenhau meistens einige Plätze leer. Einige unserer Mitglieder haben selber einen VfB-Hintergrund, gehen dennoch eher zur SG. Hier ist Fußball noch ein Stück weit wie er sein sollte, man kann jeden per Handschlag im Block begrüßen, die Wege und Drähte zu sämtlichen Funktionären sowie der Mannschaft sind äußerst kurz, die gestandenen ehrenamtlichen Ordner plaudern des öfteren gemütlich miteinander und unser Bier ist (salopp gesagt) wohlschmeckender als die übliche Bitburger-/Krombacher-Mischung in Liga eins und zwei. Genau so ein Umfeld war die Motivation für die damaligen fünf Gründungsmitglieder im Jahre 2008, die SG zu supporten, es stellte eine Abkehr vom finanzgesteuerten Fußballgeschäft in den oberen Ligen dar, ähnlich wie man es derzeit bei anderen Vereinen in den oberen Ligen beobachten kann. Mit der Zeit spielte man halt auch nicht mehr gegen Neckarems und Balingen, sondern zunächst gegen Mannheim, Kassel und Trier und jetzt auch mal gegen Rostock, Dynamo, Osnabrück, Bielefeld und viele weitere große Namen. Von den damaligen fünf Mitgliedern geht nur noch einer regelmäßig zur SG, der nach mehr als sechs Jahren Aspacher durch und durch ist, genauso verhält es sich mit einem weiteren Burschen, der schon zu Verbandsligazeiten auf bzw. neben dem SG-Platz herumsprang. Im Grunde kann man sagen, dass alle leitenden Persönlichkeiten bei uns die SG jedem anderen Verein vorziehen würden, bei unserem Umfeld ist die SG jedoch manchmal eher der Zweitverein oder manchmal leider auch nur eine Phase. Nicht selbstverständlich allerdings ist die Zusammenstellung unseres Umfeldes, hier steht der Exilrostocker neben dem Frankfurter, dessen Nachbar ist ein alter VfB’ler, welcher gerade mit einem Bayernsympathisanten über Gott und die Welt philosophiert. Darauf sind wir sehr stolz, dass dieser Querschnitt aus allen Teilen der Fanlandschaft der Bundesrepublik zusammenstehen und die gemeinsame Liebe, die SG supporten kann.

Wie viele aktive Fans sind bei euch in der Szene unterwegs?
Von einer (organisierten) Fanszene kann man bei uns nicht sprechen. Zu einer Szene gehören meiner Meinung nach mehrere fest etablierte Gruppen, die gemeinsam das Auftreten daheim und in der Ferne gestalten. Vielmehr herrschen bei uns verschiede Strömungen und Denkweisen, denen auch die verschiedenen Zaunfahnen „geschuldet“ sind. Da wir ein sehr offenes Mitgliedersystem haben, lässt sich die Anzahl nur schwer beziffern, da bei uns auch eine rege Fluktation herrscht. Am Ende sieht man dennoch immer die selben zehn Gesichter, die sich für die Fahrten anmelden, sich um die Spieltagsabläufe kümmern und externe Aktionen planen. Je nachdem wie der Gegner heißt, können wir jedoch bis zu 50 Supporter im Block begrüßen, beispielsweise beim Relegationshinspiel gegen die Stuttgarter Kickers oder gegen Dynamo.

„Das einzige nicht organisiert-besuchte Spiel war in Osnabrück, wo wir mit zwei Mann ohne Zaunfahnen auf den Sitzplätzen präsent waren“

Kommt es tatsächlich noch vor, dass keiner von euch auswärts dabei ist?
Seit der Saison 2012/2013 wird versucht, jedes Auswärtsspiel mitzunehmen, vorher bekam man mit Mühe und Not gerade mal eine zweistellige Supporteranzahl zum Heimspiel, was sicherlich auch am Exil Heilbronn lag. Mit der Vizemeisterschaft 2011/2012 und der ersten Saison wieder in der Heimat, stiegen auch die Supporterzahlen auch mal bis zu 40 Kehlen, folgerichtig war der Wille auch öfter da, auswärts zu fahren. In der Hinrunde in Liga drei haben wir uns für unsere Verhältnisse einigermaßen gut aus der Affäre gezogen, das einzige nicht organisiert-besuchte Spiel war in Osnabrück, wo wir mit zwei Mann ohne Zaunfahnen auf den Sitzplätzen präsent waren. Sonst hing immer irgendwie eine Fahne, sogar unter der Woche in Rostock, mal standen nur drei wie in Münster oder auch mal 30 wie in Unterhaching dahinter. Es bleibt abzuwarten, wie sich das in der Rückrunde entwickelt, wir wollen auf jeden Fall jedes Stadion mitnehmen, der Klassenerhalt ist ja noch nicht in trockenen Tüchern.

Auf Seite 2: Warum das Projekt Waldameise sich beinahe nach einem Abführmittel benannt hätte und wie Ultra bei der SG Sonnenhof gelebt wird.