Anzeige

Hintergründe

Hannover 95+1 ≠ Hannover 96

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 21. April 2015
Quelle: imago

Ein langer und entbehrungsreicher Machtkampf ist vorerst ausgefochten. Hannover 96 und die Ultras sind sich nicht in die Arme gefallen, aber sie haben sich die Hand gereicht. Wie unterm Brennglas dokumentiert die Auseinandersetzung den Konflikt, den viele Fangruppen in ihren Vereinen leben und erleben werden. Daher taugt er als Lehrstück. Ein Kommentar.

Man kann Martin Kind vieles nachsagen und wird ihm dabei vermutlich oftmals unrecht tun. Immerhin trägt er dergestalt zur eigenen Legendenbildung bei, dass er die Anekdote kultiviert, er habe sich seinerzeit praktisch bloß in der Tür geirrt und sei vor allem 96-Präsident geworden, weil sonst keiner wollte. So schön sich das im Lebenslauf auch liest – das Bild des idealistischen Enthusiasten, der wider alle Prognosen aus einem maroden Drittligisten ein beinahe international operierendes Bundesliga-Unternehmen geschustert hat – sie will so gar nicht zu dem wenngleich nur schemenhaften Bild passen, das Kind in der Öffentlichkeit abgibt. Überlegt, durchdacht und bisweilen stur führte er seinen Verein im Grunde stets genauso nüchtern wie ein Wirtschaftsunternehmen und scheute sich nie davor, sich mit allen anzulegen, wenn die Sache es nur verlangte. Das, was Fan ihm als Arroganz ankreidet, war ihm vermutlich selten mehr als durchdekliniertes Kalkül. Wenn es Hannover 96 zum wirtschaftlichen Vorteil gereicht, dass Investoren Anteile kaufen, dann soll es so sein. Und wenn er diesem Klub die DNA einer Marke einimpfen will, um im Bundesliga-Wettbewerb als Gleicher und Gleichen zu konkurrieren, besteht kein Anlass, das schonender zu formulieren.

Von eben diesem Ursprung ist jedoch auch der Rosenkrieg, den zunächst Kind und später der gesamte Verein mit Fans im Allgemeinen und unbequemen Ultras im Besonderen ausgefochten hat. Beide Parteien fanden in der nun gemeinsam formulierten Stellungnahme anlässlich des Burgfriedens ein passendes Wort. Man habe sich entfremdet. Allerdings reichte diese Entwicklung viel weiter zurück, als die Verlautbarung glauben lassen möchte. Schon seit Jahren scheint sich vor allem Kind als Gesicht der „Marke 96“ in der Rolle des kühlen Kapitalisten zu gefallen, der keine Konfrontation mit der Fanszene scheut und sich mit bisweilen verstohlenem Lächeln als Gegenspieler der „Unverbesserlichen“ in allen Kurven des Landes gerierte. Egal, wo es in Deutschland zündelte oder brannte, Kind war oftmals einer der Ersten, der die Keule schwang. Wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus, wer seine Spieler beleidigt, ist ein „Arschloch.“ Hemdsärmlig, polternd, mitunter straight auf die Fresse – auch das ist Kind, der wenngleich mit leiser Stimme nichts weniger als die Soft, respektive Hard Skills eines Bundesliga-Schwergewichts alter Schule offenbart.

Anzeige

Der Bruch war lange programmiert

Der Bruch war so schon lange programmiert. Natürlich ließ Hannover 96 die Dinge in Zusammenhang mit der „Busaffäre“ bewusst auf eine Eskalation zusteuern. Ob es allein ein Fleißkärtchen des Landes-Innenministers Boris Pistorius war, auf das die Niedersachsen dabei erpicht waren, als sie ein ordentliches Gerichtsurteil mit einem juristischen Winkelzug aushebelten – im Nachheinein und von außen lässt sich das nicht beantworten. Vielleicht bedurfte es längst nur noch eines Anlasses, um alles hart auf hart kommen zu lassen.

Wie und warum sich nun letztlich ausgerechnet in dieser entscheidenden Phase der Saison plötzlich Fans und Verein wieder aufeinander zubewegt haben, ist nicht viel leichter zu beurteilen. Man wird wohl keiner Seite ihre Deutungshoheit darüber abspenstig machen, wer als Sieger aus dem Konflikt hervorgegangen ist. Letztlich war der Kompromiss für die Ultras aber günstig zu haben, die Zugeständnisse seitens der GmbH & Co. KGaA überwiegen.

Womöglich wird es Kind sogar leicht gefallen sein, trotz aller Anfeindungen und Verletzungen klein beizugeben. Der 96-Präsident kann schließlich durchaus glaubhaft machen, dass er stets nur für das eingestanden ist, was er für das Beste für seinen Klub hielt. Womit er sich in gewisser Hinsicht die Hand mit den Ultras reichen kann. Vielleicht hilft es mitunter, sich das einzugestehen. Darüber, was dieses Beste denn nun sei und wie es zu erreichen ist, darüber muss und wird gleichwohl auch in Zukunft ungemindert hart verhandelt werden.

Aber an der Leine ging es Zeit des Konflikt stets um mehr als das Binnenverhältnis. Kind und die Fans haben öffentlich die Frage durchexerziert, die Endpunkt jeder Ultra-Debatte ist: Geht es ohne den harten Kern? Es wäre zu einfach, das (un)sportliche Abschneiden von 96 oder dem Hamburger SV mehr als höchstens teilweise dem Fernbleiben der Ultras zuzuschreiben – ein interessanter Schnappschuss ist es aber allemal. Immerhin hat wohl auch die Tabelle einen Hardliner wie Martin Kind dazu gedrängt, nun einzugestehen, dass Fußball ohne Ultras zwar denkbar wäre, aber das Spiel so seiner Seele verlustig geht. Und das schlägt sich mittelbar ja vielleicht sogar messbar auf den Erfolg nieder. Gerade Marken verkaufen sich eben vor allem über Emotionen. Es kann und darf in Zukunft allein darum gehen, wie die Ultras den Fußball der Zukunft mitertragen und mitgestalten können. Allerdings erwächst aus deren Macht, die sie nun demonstriert haben, auch große Verantwortung. Es geht allein miteinander – oder #NiemalsAllein. Wer sich darauf versteift, dass die Entwicklungen des modernen Fußballs nicht zu verkehren sind, der muss auch zugestehen, dass es kein Zurück hinter die Anfänge der Ultra-Kultur geben kann. Das hat selbst der kühle Kalkulator Kind einsehen müssen. In Zahlen: 95+1 ≠ 96.