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National

„Handy weg, Herz raus!“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 04. November 2014
Quelle: imago

In Zeiten von Smartphones und sozialen Netzwerken scheint es immer mehr Fans zu geben, die im Stadion mehr mit ihrem Handy als mit dem Geschehen auf dem Rasen oder dem Support der Mannschaft beschäftigt sind. Vielen aktiven Anhängern ist das ein Dorn im Auge. So auch der Ultragruppe „Coloniacs“.

Ein Fußballstadion sei ein Ort, an dem sich die Privatsphären vieler Menschen überschnitten, schreiben die Ultras des 1. FC Köln auf ihrer Webseite. „Wenn wir wild gestikulierend und brüllend auf den Zaun stürmen, wenn wir nicht jugendfrei die gegnerische Mannschaft beleidigen oder wenn wir Pyrotechnik im Stadion zünden, dann sind das alles keine Momente, die wir später auf Video gebannt irgendwo im Netz wieder finden wollen.“

Dies könne Konsequenzen nach sich ziehen, „die niemand in diesem Augenblick abschätzen kann. Auf der Arbeit kann man sich nur in den seltensten Fällen so geben, wie man im Stadion ist. Die Familie hat auch nicht immer vollstes Verständnis für das, was man am Wochenende tut.“ Die Gruppe fordert, dass das Stadion ein „Rückzugsort für echte Emotionen“ bleiben soll.

„Ey, man kann einen magischen Moment nicht auf einem Chip festhalten, sondern nur im Herzen und im Kopf.“

Darüber hinaus könne sich niemand, der gerade mit seinem Smartphone beschäftigt sei, darauf konzentrieren, die Mannschaft nach vorne zu peitschen. „Eine Klatscheinlage mit kollektivem Ausrasten ist nun mal sehr schwierig zu koordinieren, wenn man eine Hand zum Filmen stillhalten muss.“

Auch würden die meisten Gruppen ohnehin Fotografen stellen, die „mit Sicherheit eine bessere Kamera als die eines Smartphones“ zur Verfügung haben. „Es geht also kein Moment verloren und man hat montags etwas, worauf man sich freuen kann: das Betrachten der Spieltagsbilder auf den Internetseiten der Gruppen“, heißt es in dem Statement der „Coloniacs“, das mit einem Zitat des Sängers Olli Schulz endet: „Ey, man kann einen magischen Moment nicht auf einem Chip festhalten, sondern nur im Herzen und im Kopf.“

Bereits in der Vergangenheit sorgten Vereine mit der Einführung von kostenlosen WLAN-Netzwerken für Diskussionen und Proteste innerhalb der Fanszenen. Borussia Dortmund, das zur kommenden Rückrunde die Einrichtung eines Drahtlos-Netzwerks plant, überlegt vor diesem Hintergrund offenbar, das WLAN während des Spiels abzuschalten.

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Nachfolgend das Statement der Coloniacs im Wortlaut:

Früher war alles besser…

Es ist viele Jahre her, da habe ich als junger, dummer Bengel während einer Auswärtstor nach Frankfurt total besoffen mit heruntergelassener Hose im Entlaster gesessen und mich darauf konzentriert, nicht auf mein Trikot zu kotzen. Meine Hoden habe ich völlig enthemmt auf dem versifften Stoffbezug einer dieser alten Deutsche Bahn-Sitze geparkt und alle vorbeilaufenden FC-Fans mit High-Five begrüßt. An das Spiel selber habe ich keine Erinnerung mehr und die oben genannte Story kenne ich nur, weil mir die Leute, die damals dabei waren, bei jedem Aufeinandertreffen davon erzählen. Ich muss ein bedauernswertes Bild abgegeben haben. Mein Glück war nur, dass es damals passiert ist und nicht heute.

Denn in der Gegenwart hätte mich jeder Zweite mit seinem Smartphone gefilmt und ich wäre spätestens übermorgen der Klick-Hit bei Youtube gewesen. Von den psychischen Folgen mal abgesehen, hätte ich daraufhin vielleicht meinen Job verloren und wäre enterbt worden. Die »sozialen Netzwerke« existieren in einer unheiligen Allianz mit dem technischen Fortschritt, der es ermöglicht, jede noch so intime Kleinigkeit mit dem Rest der Welt zu teilen. Die entscheidende Frage ist: muss man das auch?

Wie ihr diese Frage beantwortet, ist uns im Prinzip egal. Es gibt allerdings Orte, an denen überschneidet sich die eigene Privatsphäre mit der vieler anderer Menschen. Ein solcher Ort ist das Fußballstadion. Wenn wir wild gestikulierend und brüllend auf den Zaun stürmen, wenn wir nicht jugendfrei die gegnerische Mannschaft beleidigen oder wenn wir Pyrotechnik im Stadion zünden, dann sind das alles keine Momente, die wir später auf Video gebannt irgendwo im Netz wieder finden wollen. Warum? Weil es Konsequenzen nach sich ziehen könnte, die niemand in diesem Augenblick abschätzen kann. Auf der Arbeit kann man sich nur in den seltensten Fällen so geben, wie man im Stadion ist. Die Familie hat auch nicht immer vollstes Verständnis für das, was man am Wochenende tut. Diesen Freiraum braucht der Mensch jedoch, um sich vom Korsett des Alltags zu erholen. Es gibt inzwischen genug Videoüberwachung in diesem Land, daher sollte das Stadion ein Rückzugsort für echte Emotionen bleiben.

Ein weiteres Argument gegen die Filmerei ist, dass diejenigen, die gerade damit beschäftigt sind, eine tolle Aufnahme hinzubekommen, sich nicht darauf konzentrieren, die Mannschaft nach vorne zu peitschen. Eine Klatscheinlage mit kollektivem Ausrasten ist nun mal sehr schwierig zu koordinieren, wenn man eine Hand zum Filmen stillhalten muss. Der Anspruch der FC-Fans in der Südkurve und in den Gästeblöcken dieser Republik sollte es sein, 90 Minuten lang Gas zu geben und sich dabei voll einzubringen. Touristen und Trittbrettfahrer braucht kein Mensch. Haut euch rein oder sucht euch einen anderen Platz, an dem ihr in Ruhe drehen könnt. Die Kurve ist der falsche Ort dafür.

Abgesehen davon stellen die meisten Gruppen sowieso einen Fotografen & Filmer, der mit Sicherheit eine bessere Kamera als die eines Smartphones hat und das ganze Spiel über nach perfekten Einstellungen sucht. Es geht also kein Moment verloren und man hat montags etwas, worauf man sich freuen kann: das Betrachten der Spieltagsbilder auf den Internetseiten der Gruppen.

Falls ihr jetzt immer noch nicht überzeugt seid, das scheiß Handy im Stadion in der Hosentasche zu lassen, überlasse ich es Olli Schulz, euch zum Schluss zu erleuchten: »Ey, man kann einen magischen Momenten nicht auf einem Chip festhalten, sondern nur im Herzen und im Kopf. « In diesem Sinne: Handy weg, Herz raus!

fn