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National

Gewerkschaft der Polizei kritisiert neue Polizeitaktik

Autor: Johannes Holzapfel Veröffentlicht: 27. August 2014
Quelle: imago

Viel wird über die neue Polizeitaktik diskutiert, bei der sich die Beamten in die Seitenstraßen zurückziehen und so wenig wie möglich im und um das Stadion im Einsatz sein sollen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisiert das Vorgehen des Innenministers scharf und gibt in Gesprächen mit fanzeit auch Beispiele, warum sie das Vorgehen ablehnen. Zudem sammelten wir erste Stimmen von Vereinen und Fanprojekten.

Wie fanzeit berichtete, war die GdP über das Pilotprojekt im Land Nordrhein-Westfalen sehr überrascht. Erst kurz vor dem geplanten Start des Projektes wurden die Mitarbeiter über die neue Vorgehensweise informiert. Stephan Hegger, Pressesprecher der GdP, sagte gegenüber fanzeit, dass der Weg von Innenminister Ralf Jäger der falsche gewesen sei. „Im Vorfeld hätte man mit allen reden müssen, mit den Vereinen, den Fanprojekten, den Städten, der GdP.“ Diese „Politik aus dem Bauch heraus“ verstehe man nicht.

Prinzipiell hält Hegger den Ansatz – die Beamten gezielter einzusetzen und so Einsatzkräfte zu sparen – für richtig. Gleichzeitig betont er aber auch, dass der nun eingeschlagene Weg einige Risiken birgt. Denn: Bis jetzt war es immer so, dass der jeweilige Einsatzleiter der Polizei mit einer Sicherheitsanalyse darüber bestimmt hat, wann, wo, wieviele Polizisten bei einem Bundesligaspiel sein sollen. Diese Einsatzleiter wüssten über die Fans und die wichtigen Stellen rund um das Stadion Bescheid.

Die Entscheidung wird der örtlichen Polizei entzogen

Arnold Plickert, Vorsitzender der GdP, erklärt uns, wie die Sicherheitsplanung nun abläuft: „Eigentlich ist der zuständige Polizeidirektor für die Sicherheit am Stadion verantwortlich. Mit der neuen Regelung werden 20-25 Spiele in den vier Wochen getestet, bei denen es in den letzten zwei Jahren zu keinen Vorfällen gekommen ist, beziehungsweise nur zu ganz geringen. Das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) koordiniert nun den Einsatz von der Bereitschaftspolizei und entscheidet darüber, ob es reduzierte Einsatzkräfte gibt. „Diese Lagebeurteilung findet lediglich durch die Berichte aus der Vergangenheit statt“, so Plickert. „Vielleich ist auch einfach nichts passiert, weil die Polizei vor Ort einen guten Job gemacht hat“, kritisiert Plickert die „ungewöhnliche Vorgehensweise.“ Die Entscheidung des Einsatzes wird der örtlichen Polizei also entzogen.

Plickert nennt auch ein konkretes Beispiel vom Spiel Dortmund gegen Leverkusen. Bis dato waren die Ultra-Gruppen des BVB zusammen mit der Polizei über bestimmte Straßen zum Stadion geführt worden, so dass eine Konfrontation mit anderen Fanszenen ausgeschlossen war. Vergangenen Samstag jedoch fiel diese Polizeibegleitung aufgrund der neuen Polizeitaktik weg. Plickert behauptet, dass es fast zu einem Konflikt zwischen den Fans gekommen wäre, wären nicht die Reiterstaffel schnell da gewesen. „Wenn wir nicht direkt vor Ort sind, können wir nicht einschreiten, bzw. brauchen zu lange, um einzuschreiten“, so Plickert.

„Fans, die den Glockenschlag nicht gehört haben“

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Auch wenn die GdP das Projekt nicht von Anfang an „kaputt schreien will“, so äußert sich Hegger, ist man trotzdem sehr skeptisch, ob das System funktioniert. Man wolle nicht die Ultras an sich kritisieren, sondern einige wenige „Fans, die den Glockenschlag nicht gehört haben“ und die Ultras für ihre Straftaten ausnutzen. „Die Aufgabe der GdP ist es, kritische Punkte zu nennen und diese auch öffentlich zu äußern“, erklärt er.

Fanzeit fragte auch bei den Vereinen aus NRW und Fanbeauftragten oder Fanprojekten nach. Tobias Kaufmann, Leiter Medien & Kommunikation beim 1. FC Köln sagte zum Saisonauftakt: „Im Vergleich zum Spiel gegen den HSV 2012 war die Polizeipräsenz merklich reduziert.“ Aufgrund der neuen Polizeitaktik seien aber keine daraus resultierenden Ausschreitungen oder Konflikte entstanden. Die Zusammenarbeit sei weiterhin eng gewesen und die Polizei habe den Verein auch „rechtzeitig über (die) Einsatzplanung informiert.“

 Fußballfans sollten nicht unter Generalverdacht stehen

Tina Meidenstein
 vom Fanprojekt Dortmund erklärt: „Grundsätzlich finden wir es natürlich gut und sinnvoll, wenn die Polizei ihre Einsatzkräfte bedarfsgerecht einsetzt, denn andernfalls kann schnell der Eindruck entstehen, Fußballfans stünden unter Generalverdacht, Straftaten zu begehen.“ Auch wenn es für Meidenstein zahlreiche Spiele gibt, bei denen das Konfliktpotenzial geringer sei, bleibe ein Bundesligaspiel eine Großveranstaltung und dort „ist grundsätzlich nie auzuschließen, dass es zu Konflikten kommen kann.“

Auf Schalke antwortete Dr. Anja Kleine-Wilde, Leiterin Medien, Kommunikation und PR, dass das Konzept in der VELTINS-Arena schon immer beinhaltete, „dass die Polizei soweit wie möglich diskret im Hintergrund bleibt.“ Ulrich Grzella, Leiter der Polizeiinspektion Bochum, sagte gegenüber fanzeit, dass es auch in Zukunft keine Spiele ohne Polizei geben würde. Der erste Schritt sei nun, die Anzahl der Einsatzkräfte bei den Partien, die in den letzten Jahren ereignislos verliefen, zu verringern.

Bei einer Aussage sind sich allerdings alle Beteiligten einig: Ein positives oder negatives Fazit kann man noch nicht ziehen – dafür ist das Projekt zu jung.

 

jh