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Hintergründe

Gemeinsam sind wir stärker – ohne Gewalt!

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 27. Oktober 2014
Quelle: Fanzeit

Am Tag danach sprachen nicht wenige Augenzeugen von bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die die Kölner Innenstadt bis in den späten Abend in Atem hielten. Angesichts der tatsächlichen Gräuel eines Kriegs ist man stets gut beraten, wenn man es auch etwas kleiner hat. Allerdings zeugen diese Vergleiche nur davon, wie tief der Schrecken über die erschütternden Szenen sitzen, die Köln gestern zum Epizentrum einer neuen gesellschaftlichen Debatte gemacht haben, der sich auch der deutsche Fußball stellen muss. Aber nicht alleine.

Es ist wohl der spezielle Humor von Männern, die in allen ihnen zur Verfügung stehenden Ausdrucksformen mit ihrer eigenen Gewaltbereitschaft kokettieren. Kaum hatte sich der Demonstrationszug vom Breslauer Platz aus in Bewegung gesetzt, zückten einige „Mitläufer“ des Marsches Textblätter und versuchten, Nicoles „Ein bisschen Frieden“ anzustimmen – sie kamen nicht einmal bis zum Refrain. Wenige Meter später ließen die Teilnehmer ihre Maskerade Maskerade sein – der seit Monaten aufgeheizte Hooligan-Mob schlug los! Als Anlass dafür wählten einige wohl, dass Anwohner Trikots türkischer Vereine getragen hatten. Aus einem Demonstrationszug wurden innerhalb weniger Minuten kaum kontrollierbare Horden, die durch die Straßen rannten und nicht davor zurückschreckten „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ zu skandieren. Bilder, die einen unwillkürlich an die finstersten politischen Zeiten der jüngeren und älteren Geschichte dieses Landes erinnern.

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Allerdings dürfte es schon lange zuvor niemandem bei klarem Verstand mehr gegeben haben, der dieser Gruppe abkaufte, dass sie keine extremistischen Tendenzen aufweise, der all die Hitlergrüße, Nazikleidung übersah, die rechten Parolen überhörte. Hinter der Demo verbarg sich letztlich nichts anderes als ein Aufmarsch gewaltbereiter Rechtsausleger. Das ganze Ausmaß, das sich gerade in den sozialen Netzwerken in stiller Zustimmung oder offener Unterstützung äußert, ist dabei aber vielleicht das größte Schrecknis. Die Endlich-tut-mal-einer-was-Parolen haben doch seit jeher nichts Gutes flankiert. Der Aufmarsch in Köln hinterlässt allenthalben ein mulmiges Gefühl.

Besonders für Fußballvereine und ihre Anhänger ist es schwer zu ertragen, dass Hooligans, die sich mit dem braunen Mob zusammenschließen, auch einen Schlagschatten auf den Fußball und seine Fans werfen, die sich im Alltag ohnehin oft falschen Verdächtigungen ausgesetzt sehen. Daher wird es wichtig sein, sich auch im Stadion zu positionieren und all jenen, die sich unterm Deckmantel der Bürgerlichkeit Sympathien erschleichen wollen, keinen Raum zu geben. Die Gretchenfrage nach der Politik im Stadion, die einige Fankurven regelrecht spaltet, sie sollte vor dem Hintergrund der vorgeblich unpolitischen Machenschaften dieser Gruppierungen neu diskutiert werden.

Doch der Fußball allein kann die Antwort nicht sein, denn nie hatte die Phrase mehr Gültigkeit: Das, was sich am Sonntag in Köln abgespielt hat, hatte mit Fußball so viel zu tun wie mit Squash. Es geht längst nicht mehr um den Sport, dem der Hooliganismus einst entwachsen ist. Seit dem 26. Oktober stehen wir alle möglicherweise vor der neuen gesellschaftlichen Herausforderung, die Phrase der Hooligans mit Leben zu füllen: Gemeinsam sind wir stärker – ohne Gewalt!