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Hintergründe

Gemeinsam sind sie stark

Autor: Zienau Veröffentlicht: 09. März 2015
Quelle: WildeBühne/Karsten Klama

In Bremen finden am 10. und 11. März die vorerst letzten Aufführungen von „Wir gegen die Anderen“ statt. Das Theaterstück, welches durch die Zusammenarbeit von Schauspielern, Werder Bremen und dem Bremer Fanprojekt entstand, behandelt sowohl die Licht- als auch die Schattenseiten der Ultra-Szene.

Ein Leben als Ultra bedeutet oftmals eine völlige Hingabe zu seinem Verein. Sie sorgen dafür, dass die Atmosphäre eines Fußballspiels so großartig und unverwechselbar ist. Durch ihre Choreographien und Gesang erhält der moderne Fußball einen Großteil seiner Faszination. Welchen Einfluss Ultras haben können und wie es ohne sie aussähe, kann man momentan in Hannover beobachten.

Dennoch besitzen sie nicht gerade den besten Ruf. Oftmals pflegen sie keinen engen Draht zur Öffentlichkeit und schon gar nicht zu den Medien. Diese berichten, so erscheint es manchmal, lieber über Pyroaktionen, Randale, verbale Entgleisungen und andere Schweinereien, werden dabei der Vielschichtigkeit und Komplexität der Ultra-Szene nicht gerecht. Natürlich gibt es schwarze Schafe, die am liebsten provozieren, aber der Anteil an Menschen, die sich voll und ganz dem geliebten Fußballsport verschrieben haben und kein Interesse am Chaos und Verwüstung haben, ist um einiges größer.

Wilde Bühne BremenQuelle: WildeBühne/Karsten Klama
Quelle: WildeBühne/Karsten Klama

Zwischen den Ultras und dem Rest der fußballbegeisterten Nation vermitteln regelmäßig die Fanprojekte. Sie reden mit Polizei und anderen Behörden, schließen Kompromisse und versuchen  das Verhältnis zwischen den Ultras und der Gesellschaft zu verbessern. Da dies am besten durch Verständnis funktioniert haben Fanprojekte auch immer eine aufklärerische Funktion.

Das Fanprojekt Bremen hat zusammen mit der Wilden Bühne ein besonderes Projekt geschaffen. „Wir gegen die Anderen“ ist ein Theaterstück, welches sich mit der Faszination, aber auch mit den Gefahren innerhalb einer Ultra-Gruppierung auseinandersetzt. Die Gemeinschaft und die Begeisterung für das Spiel werden genauso thematisiert, wie die versuchte Unterwanderung durch Mitglieder der rechten Szene.

Uraufgeführt wurde das Stück 2013. Die Idee kam den Veranstaltern während des Tags der Zivilcourage. Dort begegneten sich das erste Mal die Verantwortlichen der Wilden Bühne und des Fanprojektes und ein gemeinsames Projekt wurde beschlossen: Ein Theaterstück über die Fankultur. Inspiration dafür war das, von Nanni Balestrini geschriebene, Buch „i furiosi“, zu deutsch „die Wütenden“, welches sich mit der Fankultur des AC Mailand beschäftigt. Selbiges wurde auch als Theaterstück umgesetzt.

Thomas Hafke, der beim Bremer Fanprojekt für die Öffentlichkeitsarbeit und Antidiskriminierung zuständig ist, hat das Projekt von Anfang an begleitet:“Wir wollten keine Adaption des italienischen Vorbilds, vielmehr war es unser Ziel, zusammen mit der Wilden Bühne, eine Bremer Version zu schaffen.“

Die Wilde Bühne ist ein Ensemble, welches sich mit kontroversen Themen auskennt. Ihre Stücke drehen sich oftmals um Sucht- und Gewaltprävention. Die meisten ihrer Schauspieler sind bereits einmal durch das soziale Netz gerutscht, bevor sie von der wilden Bühne aufgefangen wurden. Dadurch kennen sie viele der beklemmenden Situationen, die ihre Stücke behandeln, aus erster Hand und können ihre persönliche Erfahrung in ihre Rollen einfließen lassen. Jana Köckeritz hat die Wilde Bühne 2003 zusammen mit Michaela Uhlemann-Lantow gegründet. Sie selbst bezeichnen ihre Produktionen als politisches Gegenwartstheater.

Für Jana Köckeritz ist gerade die Auffassung des Themas innerhalb ihrer Schauspieltruppe faszinierend. Diese würde von Stück zu Stück variieren. „Die Stimmung in der Gruppe war diesmal wirklich gut! Im vorherigen Stück ging es um einen Amoklauf, das hat manche Schauspieler sehr bedrückt.“ Trotzdem war auch dieses Stück nicht ohne. Gerade die Darsteller, die rechtsradikale Fans spielten, fühlten sich nicht immer wohl.

Wilde Bühne BremenQuelle: WildeBühne/Karsten Klama
Quelle: WildeBühne/Karsten Klama

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Um der Komplexität der Ultra-Thematik gerecht zu werden, hat man sich Hilfe geholt. Diverse Bremer Ultra-Gruppen standen beratend zur Seite, ebenso wie szenekundige Polizeibeamte und der Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit (VAJA). Auch Werder Bremen half und steuerte finanzielle Hilfe bei. Ebenfalls haben einige der Darsteller in ihrer Vergangenheit Erfahrungen in Fanszenen gesammelt. Herausgekommen ist ein Stück, welches erfrischend frei von Polemik ist. Niemand soll hier verteufelt oder idealisiert werden. Die Szene soll möglichst unverfälscht dargestellt werden.

„Wir gegen die Anderen“ beschreibt den Alltag einer fiktiven Ultragruppe eines fiktiven Vereins, der mit Werder Bremen nur die grün-weißen Farben gemein hat. Für Thomas Hafke ist das von Vorteil: „Durch die ähnliche Farbwahl fällt es dem Bremer Publikum leicht sich zu identifizieren, gleichzeitig schließt es Zuschauer, die aus anderen Städten kommen, nicht aus.“ Auch die Thematik des Stückes ist nichts was nur auf Bremen zutreffen würde. Es geht um das Gemeinschaftsgefühl und die Faszination, die eine Ultragruppe ausstrahlt, aber auch um die Gefahr von wöchentlich wechselnden Feindbildern, Konflikte mit der Polizei und die versuchte Beeinflussung der Szene durch rechtes Gedankengut.

Die Bremer Ultras hatten bei der Entstehung des Stückes nicht nur eine beratende Funktion, sie haben auch mitgeholfen, das Bühnenbild zu entwerfen. Sie steuerten selbstgestaltete Transparente bei. Das Ensemble selbst ist mehrmals ins Stadion gefahren, um die Atmosphäre am besten wiederspiegeln zu können.

Eine der Aufführungen von „Wir gegen die Anderen“ fand im Ostkurvensaal des Weserstadions statt. Dieser Ort besitzt eine gewisse Symbolik. Als 2007 die Werder Fangruppe „Racaille Verte“ dort eine Geburtstagsfeier ausrichtete, stürmten mehrere, offensichtlich rechtsradikale Personen, darunter Mitglieder der Gruppe „Standarte Bremen“, den Saal. Mehrere der Partygäste wurden zum Teil schwer verletzt, Flüchtende wurden gejagt, das Möbiliar des Saals wurde zerstört. Ausgelöst wurde der Vorfall, als die Veranstalter einen Gast baten, seine Jacke der Marke „Thor Steinar“auszuziehen. 2011 kam es zum Prozess gegen sieben beteiligte Personen, fünf wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Dass „Wir gegen die Anderen“ an einem solchen Ort aufgeführt wurde, besitzt einigen Symbolcharakter. Im Stück müssen die Hauptakteure beobachten, wie in ihrer Gruppe immer öfter zu Gewalt gegriffen wird. Auch rechte Parolen und Lieder finden ihren Weg in die Fankurve. Das Dilemma, vor dem die Protagonisten stehen, wird von der Wilden Bühne aufgearbeitet.

Die Produktion wurde bislang überwiegend gut aufgenommen. „Einige Ultras haben das Stück abgelehnt. Sie betrachten ihre Kultur als zu komplex um durch ein Theaterstück dargestellt zu werden“, sagt Jana Köckeritz. Der Großteil der Ultras, besonders die Beteiligten, seien jedoch zufrieden.

 

Thomas Hafke besucht die Vorführungen regelmäßig, oft hat er dabei auch Studenten dabei. Nach jeder Aufführung hat das Publikum die Chance mit dem Ensemble der Wilden Bühne zu diskutieren. Thematisiert werden dabei die Ansichten und Erfahrungen von Publikum und Schauspielern. Durch die rege Beteiligung der Studenten an diesen Gesprächen, schließt Hafke, dass ihnen das Stück durchaus gefallen hat. „Das Stück ist ergreifend, authentisch, spannend und im Allgemeinen sehr gut gelungen“, sagt Hafke, der mit Theater sonst nicht viel anfangen kann. „Eigentlich gehe ich lieber zum Fußball, aber ‚Wir gegen die Anderen‘ ist auch für nicht Theaterfreunde geeignet.“

Am 10. und 11. März finden die vorerst letzten Aufführungen von „Wir gegen die Anderen“ statt. Doch weitere Vorstellungen sind nicht ausgeschlossen. „Wir haben bereits über eine Deutschlandtour nachgedacht“, verrät Jana Köckeritz. „Wer weiß, vielleicht besuchen wir in Zukunft die verschiedenen Fanprojekte in Deutschland.“ Infos über die Aufführungen und anderen Projekte der Wilden Bühne findet ihr hier.