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National

Fußball ist für alle da?

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 13. Februar 2015
Quelle: imago

Neun. Komma. Sechs. Milliarden. Euro! In Zahlen: 9.600.000.000. In Comic: Der Dollar-Pupillen-Moment. Um im Bild zu bleiben: Die Zahlen der neuen Pay-TV-Vermarktungsrunde aus England haben die Eliteklasse des deutschen Fußballs dastehen lassen wie eine Micky-Maus-Liga. Nun will die DFL antworten – vermutlich zu Lasten vieler Fans. Ein Kommentar.

Im Vergleich ist die Summe, die die Bundesliga-Vereine bei der TV-Vermarktung rausschlagen tatsächlich kaum konkurrenzfähig. Wenn’s richtig gut läuft, gibt’s beim nächsten Abschluss vielleicht eine Milliarde für die Erstligisten. Auskömmlich, ja – aber eben nicht mal ein müdes Drittel dessen, was sich die Premier-League-Teilnehmer einstreichen. Der Schock, der Liga- und Vereinsbossen in die Glieder fuhr, war den panischen Statements nach Bekanntwerden des neuen englischen TV-Vertrags anzulesen.

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So formulierte etwa DFL-Geschäftsführer Seifert erfrischend unverblümt. man werde auch vor unpopulären Maßnahmen nicht zurückschrecken. So viel wird man ja noch denken dürfen. Aber was genau verbirgt sich dahinter? Die Bundesliga schielt längst nicht mehr nur mit einem Auge auf ausländische Märkte. Borussia Dortmund oder Bayern München etwa haben sich bereits zweite Standbeine aufgebaut. Nicht, dass jemand in Singapur oder den USA danach verlangt hätte. Zunächst gilt es, überhaupt erst eine gesteigerte Nachfrage nach dem Produkt Bundesliga zu schaffen. Die gewöhnungsbedürftigen Grüß-Gott-Tourneen der Profis reichen dafür allein nicht aus. Mittelfristig können vermutlich nur Livespiele die Bundesliga im Ausland zu einer Marke machen, wie sie etwa die NBA im Basketball ist. Da etwa Chinesen ungeheuerliche Frühaufsteher sind und um 15.30 Uhr beinahe schon ins Bett gehen, gibt es seit geraumer Zeit Bestrebungen, zumindest ein Spiel bereits mittags austragen zu lassen. Die Priorisierung schlägt dabei voll durch: Neue Wachstumsmärkte zwangszubeglücken ist vorrangig gegenüber dem seit Jahren lautstark formulierten Anliegen hiesiger Fußballfans, die sich eine halbwegs realistische Chance erbitten, ihre Mannschaften noch ab und zu auswärts begleiten zu können. Stellen wir uns darauf ein: Es geht wohl nur noch um einen gegebenen Anlass und wohlfeile Formulierungen, die uns die häppchenweise weitere Salamisierung des Bundesliga-Spieltags schmackhaft machen soll.

Doch darum geht es nur im Nebensatz. Die weitere Aufsplitterung des Spieltags ist höchstens ein homöopathisches und zudem fast ausgereiztes Mittel, das zudem natürlich auch die Premier League längst und konsequenter praktiziert. Grundsätzlich stellt sich die Frage, warum die Pay-TV-Sender überhaupt bereit und in der Lage sind, die Insel mit derartigen Geldmengen zu fluten – und sie ist wohl nur damit zu beantworten, dass die Inhaber mit ihren Lizenzen äußerst exklusive Rechte erwerben. Wer in England die Spiele einigermaßen zeitnah und legal anschauen möchte, zahlt – und zwar kräftig. Ein Pendant etwa zur Sportschau ist nicht vorgesehen. Mit der Verknappung des Angebots lassen sich natürlich ungleich mehr Abos verkaufen – zu deutlich höheren Preisen. Allein dadurch hat sich in England sogar ein Wettbewerb verschiedener Anbieter etabliert, der zusätzlich an der Preisschraube dreht. In Deutschland schreibt Sky derweil gerade erstmals schwarze Zahlen.

Die Rechnung scheint also einfach: Um die Cashcow Bundesliga ergiebiger zu melken, müssen andere heilige Kühe dran glauben. Zahlungsunwillige Zuschauer würden mit TV-Zusammenfassungen abgespeist, die etwa so nah am Geschehen sind wie die Saison-Highlights der Bayern 2001/02, die man selbst in längsten Sommerpausen noch weggezappt hat. Dabei wäre das alles nur die konsequente Weiterentwicklung der Gegebenheiten, die in England viele Menschen aus den Stadien verdrängt haben. Allmählich würde der Volkssport so zu einer reichlich elitären Veranstaltung, an der nur noch der teilhaben könnte, wer sich den Eintritt leistet. Auf dem Weg dorthin geht dem Fußball Schritt um Schritt Stück seiner integrativen Kraft verloren. Fußball sollte für alle da sein – doch das widerspricht den Prinzipien des Marktes. Fürchten wir uns drauf …