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Hintergründe

„Fußball ist eindeutig nicht Ursache von Gewalt“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 30. Oktober 2014

„Sind Ultras die Straftäter, von denen so oft zu lesen ist, oder Menschen wie du und ich?“ Der Kriminologe Andreas Schwinkendorf hat in zahlreichen Interviews mit Hansa-Rostock-Anhänger Antworten gesucht und ist der Fanseele auf den Grund gegangen. In seinem Buch „Fußball und Gewalt – Die Sicht von Zuschauern und Akteuren am Beispiel des FC Hansa Rostock“ hat er das Verhältnis zwischen Polizei, Fans und Medien herausgearbeitet, das derart belastet ist, dass wohl nur noch eine „Gesprächstherapie“ am Runden Tisch helfen kann.

Im Fanzeit-Interview erklärt  Schwinkendorf seine Ergebnisse, dass nichts Schlimmes daran ist, ein Ultra zu sein und warum er glaubt, dass der DFB Ostvereine und kleinere Klubs generell härter bestraft.

Sie haben sich als Kriminologe wissenschaftlich mit Fußball und Gewalt am Beispiel der Fanszene des FC Hansa Rostock auseinandergesetzt. Was wollten Sie herausfinden?
Aktuell ging es mir damals darum, dass unser Innenminister erwog, den Ausweisscanner einzuführen und ich der Frage nachgehen wollte: Wie viel sind die Fans eigentlich noch gewillt, an Einschränkungen hinzunehmen, weil das ja auch die Fans betrifft, die nicht unter die sogenannte „Problemklientel“ fallen. Sind Ultras die Straftäter, von denen so oft zu lesen ist, oder Menschen wie du und ich und welchen Anteil haben Medien und Polizei daran. Herausgebracht habe ich die Studie im Juni dieses Jahres. Die empirischen Daten habe ich in einem Zeitraum von 2012 bis Anfang 2014 erfasst, aber natürlich auch auf Quellen zurückgegriffen, die noch von vor dieser Zeit datieren.

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Das klingt spannend. Können Sie Ihre Ergebnisse auf ein bis zwei kurze Sätze zuspitzen?
Es ist nichts Schlimmes daran, Ultra zu sein. Und ich schreibe den Medien eine deutliche Mitschuld zu, weil sie aufgrund der einseitigen Darstellungen ein Bild zeichnen, das so nicht stimmt und das dann auch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung beitragen kann. Zudem herrscht zwischen Polizei und Fans ein Misstrauensverhältnis, das jedoch oft darauf basiert, dass der andere zu wenig über die Motive des anderen weiß.

Gibt es Auswege aus dieser Situation?
Ich verfolge in meiner Arbeit einen Fankongress mit systemischem Ansatz. Das bedeutet: Es gibt zahlreiche Runde Tische, aber in den meisten Fällen sind die, um die es geht, nicht beteiligt- die Fans. Viele sind aufgrund ihrer skeptischen Zurückhaltung gar nicht gewillt, mit der Polizei zu reden. Meine Rückmeldung in meinem Buch ist der Ansatz zu einem unabhängigen Fankongress, der alle Seiten beleuchtet und durch Wissenschaftler begleitet wird, in dem auch Fans das Gefühl bekommen: Endlich habe ich mal die Möglichkeit, mich zu äußern. Das war mein Ansatz. Dass sowohl die Fans mal von einem Polizisten hören, wie es ist, wenn einem beim Spieltag die Flaschen um die Ohren fliegen, aber auch die Polizisten sich hineinversetzen können, wie es sich anfühlt, wenn man als Ultra von vornherein als Gewalttäter stigmatisiert wird, nur weil man seinen Fußballverein unterstützt. Um es praxisorientiert zu übersetzen: Ein Runder Tisch mit allen Seiten.
Welche Rolle spielt die Polizei bei der Gewaltproblematik im Fußball?
Die Polizei spielt die Rolle, als dass sie zu Beginn die Hooligan-Konzepte, die damals schon nicht funktioniert haben, eins zu eins auf Ultras übertragen hat, was überhaupt keinen Sinn ergibt. Zudem entdecke ich dort vor allem mangelnde Kommunikation und Transparenz. Außerdem fehlt oft das Gefühl dafür, mit wem sie es überhaupt zu tun haben. Ein Beispiel: Für einen Fan ist die Entnahme eines Fanschals szenetypisches Verhalten und nicht viel mehr, für die Polizei ist es ein klassischer Raub, da gibt es schon mal die ersten Konflikte. Die Ultras trauen der Polizei nicht mehr, in Teilen zu Recht. Und viele Polizisten wissen viel zu wenig über die Fankultur. In Rostock bekomme ich mit, dass die Polizei mehr mit Twitter arbeitet, mehr Öffentlichkeitsarbeit betreibt, für ihre Aktionen wirbt und zu erklären versucht: Wir machen das aus dem und dem Grund. Das ist ein richtiger Schritt. Aber wir sprechen von über Jahre hinweg gewachsenen Konflikten, die man ohne externe Hilfe nicht mehr hinbekommt.

Regelmäßig befeuern Zahlen von Straftaten und Gewaltdelikten beim Fußball von Seiten der Polizei die Diskussion um Gewalt im Fußball. Auffällig ist dabei, dass sie weder wissenschaftlich begleitet sind und zudem ohne jede Relation in den Raum gestellt werden.Was halten Sie als Wissenschaftler von diesen Berichten?
Absolute Zahlen sind genauso interessant wie Wettervorhersagen aus dem Kaffeesatz. Die Zahlen werden in keinen Zusammenhang gesetzt. Wir wissen nicht, wie sie zustande gekommen sind und ob sie richtig erhoben worden sind. Wenn wir Kriminalität allgemein betrachten, wird sie inzwischen schon ins Verhältnis gesetzt zu Einwohnern in den Städten (sog. Häufigkeitszahl), in denen die Daten erhoben werden. Wenn man die Zahlen in Zusammenhang setzen würde mit den gestiegenen Zuschauerzahlen in den deutschen Stadien, wäre das schon mal ein Anfang. Hinzu kommt, dass es sich um reine Eingangsstatistiken handelt: Der Landfriedensbruch etwa ist ja so eine typische „Ultra-Straftat“ und zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Menschenmengen irgendwo gemeinsam agieren. Wenn ich 30 Leute habe, die sich zusammenrotten, dann ist das ein Strich mit 30 Tatverdächtigen. Aber natürlich ist es auch so, dass die Polizei mit Stellenabbau zu kämpfen hat und es wäre ein menschlich nachvollziehbarer Zug, dass man aus einer Straftat mit 30 Verdächtigen auch mal 30 macht mit jeweils einem Verdächtigen macht. Das wissen wird nicht. Auch den Inhalt der Anzeigen muss man zum Teil hinterfragen, beispielsweise für das Tragen eines „ACAB“-T-Shirts eine Anzeige wegen Beleidigung zu stellen. Zu einer Beleidigung gehört auch, dass man sich beleidigt fühlt. Was die Verletztenzahlen beim Fußball angeht, haben wir in den Berichten erstmals die Unterscheidung zwischen Pyro und Reizgas. Wenn allerdings ein Polizist beim Laufen umknickt, ist das auch eine Verletzung, die im Zusammenhang mit Fußballspielen entstanden ist und geht als solche in die Statistik ein. Dabei sagt es nichts über Gewalt beim Fußball aus, sondern ist letztlich nicht viel mehr als ein Missgeschick des Polizisten.Wie schwer die Verletzung war, erschließt sich aus den Zahlen auch nicht. Ich habe deutliche Sorgen, absolute Zahlen zu veröffentlichen.

In dem jüngsten Bericht der Bundespolizei wurde die Anhängerschaft von Hansa Rostock in Zusammenhang mit Straftaten beim Fußball sehr weit vorne geführt. Das passt ins Klischee, das viele von den großen ostdeutschen Vereinen pflegen. Sind Vorurteile auch ursächlich für diese Ergebnisse oder hat Hansa Rostock tatsächlich ein besonders großes Gewaltproblem?
Hansa Rostock hat eine sehr treue Anhängerschaft, sie gehören zu den reisefreudigsten Fangruppen, die es bundesweit gibt. Das soziale Engagement von Ultras beispielsweise wird aber nirgendwo erwähnt, das bringt ja auch niemandem etwas, darüber zu berichten. Hansa hat vielleicht einen gewissen Ruf, aber es gibt auch Leute, die alles dafür tun, dass der negative Ruf auf keinen Fall in Vergessenheit gerät. Ich habe mir die Verfehlungen aller Vereine in den letzten Jahren mal angeschaut und habe das zögerlich-zurückhaltende Gefühl, dass es bei der Bestrafung Tendenzen zu Lasten von Ostvereinen und unterklassigen Klubs gibt. Ich will damit nichts entschuldigen, aber wir müssen auch mal die Kirche im Dorf lassen. Rostock hat eine große Anhängerschaft, die wie eine Familie zusammenhalten, dadurch steht sie aber auch im besonderen Fokus.

Auf Seite 2: Kriminologe Andreas Schwinkendorf über Sicherheit im Stadion, die Entwicklung der Gewalt beim Fußball und eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten.