Anzeige

National

Fanhilfe Magdeburg ordnet Vorkommnisse vom Dresden-Spiel ein

Autor: fanzeit Veröffentlicht: 19. April 2016
Quelle: imago

Die Geschehnisse rund um das Aufstiegsspiel der SG Dynamo Dresden beim 1. FC Magdeburg werden wohl noch länger für Diskussionen sorgen. Nun meldet sich die Fanhilfe Magdeburg zu Wort und schildert die Vorkommnisse aus ihrer Sicht. 

In einer ausführlichen Spielauswertung kritisiert die Fanhilfe dabei das Auftreten und das Sicherheitskonzept der Polizei, verurteilt aber auch das Verhalten der eigenen sowie der Dynamo-Fans. Darüber hinaus ist die Fanhilfe der Auffassung, dass eine Verschiebung des Anstoßes die Lage vor dem Gästeblock entspannt hätte, da der Sonderzug der Dynamo-Fans mit Verspätung in Magdeburg eintraf. Weil die Partie dennoch pünktlich angepfiffen wurde, kritisiert die Fanhilfe auch den eigenen Verein sowie den MDR, der die begegnung live im Fernsehen zeigte.

Nachfolgend die gesamte Spielauswertung der Fanhilfe Magdeburg im Wortlaut:

An dieser Stelle möchte die Fanhilfe Magdeburg die Geschehnisse rund um das Drittligaspiel 1. FCM gegen Dynamo Dresden aus ihrer Sicht wiedergeben. Die Bewertung der Geschehnisse beruht dabei aus der Sicht der Fans, sie ist also subjektiv und hat nicht den Vorsatz oder Aufgabe objektiv alle Geschehnisse zu bewerten. Sehr wohl möchten wir aber versuchen, verschiedene Verhaltensweisen zu reflektieren und in einen größeren Sinnzusammenhang zu setzen um Geschehnisse wie die am Spieltag besser einordnen zu können. Hierzu verlinken wir Hintergrundberichte, die das Gesagte besser verständlich machen sollen. Dies ist aus Sicht der Fanhilfe Magdeburg insbesondere deshalb notwendig, weil mit der Berichterstattung der verschiedenen Presse- und Medienorgane wie auch seitens der Polizei u.a. über ihren Twitter-Account eine Deutungshoheit über die Realität erzeugt und durch stete wechselseitige Weitergabe als wahr reproduziert wird, der Fans selten etwas entgegen zu stellen haben. Die Problematik der Deutungsmacht der Polizei wird in Zusammenhang mit verschiedenen Demonstrationen u.a. in diesem (http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/polizei-twitter-verstoss-gegen-recht) und diesem (http://www.fr-online.de/frankfurt/twitter-polizei-wegen-twitter-in-kritik,1472798,31184268.html) Artikel näher beleuchtet.

Für die Fanhilfe Magdeburg begann die Partie des 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden bereits rund eine Woche vor Spielanpfiff, als die Schwarz-Gelbe Hilfe Dresden e.V. uns darüber informierte, dass ein Teil der Dresdener Fans mit Betretungsverboten durch die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord belegt worden sind. Betretungsverbote werden vornehmlich dann gegen unliebsame Personen ausgesprochen, wenn diese nicht durch bspw. ein Stadionverbot sowieso vom Besuch eines Fußballspiels ausgeschlossen sind. Die Grundlagen dieser Betretungsverbote sind oftmals strittig, für Betroffene aber nur in einem meist mühsamen und kostenintensiven Verfahren vor dem Verwaltungsgericht zu klären. Welcher Personenkreis seitens der Polizei für solcherlei Maßnahmen vorgesehen ist, ist ebenso schwierig nachzuvollziehen. Es ist jedoch nicht vollends absurd anzunehmen, dass insbesondere solche Personen in Betracht kommen die in extra dafür eingerichteten Datenbanken gespeichert sind. Die Rechtmäßigkeit oder gar bloße Existenz solcher Datenbanken hatte auch die Fanhilfe Magdeburg zuletzt mehrfach thematisiert, eine gute Zusammenfassung dieser Thematik mit Erklärung wie schnell Fans in solcher Datei landen können und wie schwer es ist, ein Mal gespeichert auch wieder aus solchen Dateien gelöscht zu werden liefern u.a. dieser (https://netzpolitik.org/2016/mehr-daten-als-tore-polizei-sammelt-fleissig-aber-oft-unrechtmaessig/) und dieser (http://fcpoppe-blog.pageflow.io/geheime-datensammlungen-uber-fussball-fans#44382) Beitrag. Wie dort nachzulesen ist, verfügt bereits allein die Polizei Dresden über eine interne Datenbank mit weit über 700 gespeicherten Fans von Dynamo Dresden, die ohne Verurteilung vor einem Gericht oder ohne Stadionverbot dank dieser Datei weiterhin sanktioniert werden können.

Anzeige

Auf eine weitere Episode zum Thema Wahrheitsgehalt von Meldungen, deren Deutungshoheit und unreflektierter Weitergabe durch verschiedene Presseorgane, die vor den Ereignissen am Samstag auch den Kern dieser Mitteilung bilden sollte, wurden wir bereits am Freitag von einem Mitglied der organisierten Fanszene hingewiesen. Denn Ende letzter Woche gab die Magdeburger Polizei nicht nur bekannt, dass es aufgrund eines Fanmarsches vor dem Spiel zu Verkehrsstörungen in der Stadt kommen kann, sie nannte sogar Treffpunkt, Treffzeit und erwartete Fanzahl. Unter anderem die Volksstimme Magdeburg (http://www.volksstimme.de/lokal/magdeburg/fussball-magdeburger-stadion-bereit-fuer-fans) aber auch ein bekanntes Fanportal (http://www.faszination-fankurve.de/index.php?head=Fanmaersche-vor-Ostduell&folder=sites&site=news_detail&news_id=12538) griffen diese Meldung auf und setzten somit einen Prozess in Gang, der spätestens am Spieltag durch entsprechende Meldungen bei Radio SAW oder im MDR seine Krönung fand. Leider hielt es keine der genannten Quellen für nötig, die durch die Polizei gestreute Information auf Nachhaltigkeit hin zu überprüfen, sonst hätte auffallen können, dass keine der für die organisierte Magdeburger Fanszene bekannten Quellen (u.a. block-u.de bzw. fcmfans.de) einen solchen Marsch ankündigte. Und so passierte das, was man gemeinhin wohl als sich selbst erfüllende Prophezeiung bezeichnet: weil die PD Nord einen Fanmarsch vermutet, aus welchen Quellen diese Vermutung gerade in Bezug auf die konkreten Angaben auch immer gespeist wird, tritt diese Vermutung dank Unterstützung vieler Medien bei der Verbreitung dieser Meldung auch ein. Denn tatsächlich versammeln sich bis um 11:00 Uhr einige hundert Clubfans, vornehmlich aus der nicht organisierten Fanszene, die erst durch die verbreiteten Meldungen überhaupt von einem Marsch in Kenntnis gesetzt wurden, um dann unter Polizeibegleitung zum Stadion geführt zu werden.

Die Auswertung der weiteren Vorkommnisse rund um dieses Spiel möchten wir nur vorsichtig angehen. Zu viel liegt noch im Unklaren und zu wenig wissen wir gerade in Bezug auf die Einlasssituation bei den Anhängern der Gäste von diesen selbst. Während von Polizei und Presse jedoch vordergründig Fotos und Meldungen von vermeintlich randalierenden Dynamo-Fans weiterverbreitet werden, sind die Fotos von einem geschlossenen Tor und der dahinter drängelnden Masse sowie einem kaum mehr als 150 Zentimeter breiten Zugang zum Gästeblock eher selten zu finden.

Weiß man nun zusätzlich von einer deutlich verspäteten Ankunft des Sonderzuges der Gäste, so kann sich mit logischem Menschenverstand bereits vor dem Eintreten der Eskalation am Gästeeingang ausmalen, dass a) eine hohe Anzahl an Fans in sehr kurzem Zeitabstand an diesem engen Eingang stehen werden und b) diese wegen des zeitnahen Beginns des vermutlich wichtigsten Spiels der Saison auch schnellstmöglich in das Stadion gelangen wollen würden. Dass das Schließen des Tores vor den Nebenplätzen des Stadions zur Regulierung des Zugangs der Fans nicht eine kurzfristige Entscheidung, sondern Teil des Sicherheitskonzeptes war, erscheint dabei nicht nur den Fanhilfe-Mitgliedern als logisch, die am Vorabend des Dresden-Spiels am Rande der auf diesem Nebenplatz 1 ausgetragenen U19-Partie des 1. FCM beobachten konnten, wie Sicherheitsdienst und Polizei nahezu die gesamte erste Spielhälfte über Schließmechanismus und vorhandene Übersteigemöglichkeiten an diesem Tor inspizierten und testeten. Es erschließt uns als Fanhilfe Magdeburg daher nicht, warum ganz offensichtlich eine Verschiebung des Anpfiffs als Maßnahme zur Entschärfung der Einlasssituation nicht durchgeführt wurde? Sind die Sendezeiten der geldgebenden Sender und mit ihnen die Bequemlichkeit der Zuschauer an den TV-Geräten so viel wichtiger wie die Sicherheit der tatsächlich auch bei den Spielen anwesenden Fans? Es erscheint uns als zu eindimensionale Erklärung auch seitens der Vereinsverantwortlichen des 1. FC Magdeburg, die Schuld für die Eskalation am Gästeeingang ausschließlich auf das Verhalten der Gästefans zurückzuführen, zumal die Zahlen der in den verschiedenen von Polizei, Presse und auch Verein publizierten Meldungen nun garantiert nicht dafür sprechen, dass sich tatsächlich mehrere hundert Fans ohne Karte Zutritt zum Stadion verschaffen wollten. Jedenfalls entsprechen die angegebenen Zahlen von 800 – 1.200 Gästefans im Stadion und ca. 700 nicht ins Stadion gelassene Fans so ziemlich exakt der Zahl an verkauften Gästetickets und eben nicht deutlich mehr. Und schon gar nicht lassen sich hier die durch unseren 1. FCM kolportierten 300 Gästefans ohne Karte herausrechnen (http://1.fc-magdeburg.de/saison/aktuelles/1-fc-magdeburg-gegen-sg-dynamo-dresden/5911/). Dass sich unter den anreisenden Dynamo-Fans auch solche Personen befunden haben können, die trotz gültiger Eintrittskarte mit Betretungsverbot für den Gästebereich belegt waren und das diese sich auf diesem Wege Einlass verschaffen wollte, können wir nicht nur nicht ausschließen, wir gehen sogar davon aus. Die Art und Weise wie solche Verbote entstehen und wie wenige rechtliche Möglichkeiten Fans haben dagegen vorzugehen haben wir jedoch bereits beschrieben. Es erscheint uns gerade deshalb als fraglich, ob die mögliche Anwesenheit dieser Personen eine ideale Grundlage für die Lageeinschätzung der Polizei und die Maßnahme des 1. FC Magdeburg darstellen.

Die Bewertung der Ereignisse im Gästeblock möchte die Fanhilfe MD den Gästen überlassen, jedoch fiel es uns auf, dass die Maßnahmen im Umlauf des Stadions ganz offensichtlich nicht zu einer Beruhigung der Situation beigetragen haben, mithin also nicht deeskalierend wirkten. Dennoch ist es auch der Fanhilfe MD wichtig zu bemerken, dass unabhängig jedweder Umstände das Abfeuern von Leuchtstiften in eng besetzte Zuschauerränge niemals eine Option eines irgendwie gearteten legitimen Handelns sein kann und darf. Mit solchen Aktionen erschweren die Verursacher Einrichtungen wie den Fanhilfen die Aufarbeitung solcher Ereignisse auch aus Fansicht gegenüber Vereinen, Medien oder Sicherheitseinrichtungen nachvollziehbar zu machen!

Gleiches gilt ausdrücklich für die Angriffe auf den Gästeblock seitens Magdeburger Fans nach Spielende. Dennoch muss es auch an dieser Stelle erlaubt sein zu hinterfragen, wieso die Polizei mit wochenlang ausgeklügeltem Sicherheitskonzept und mehreren hundert Kräften im Einsatz ist, wenn sie sich dann bereits kurz nach Abpfiff von dem neuralgischen Punkt zwischen Fantribüne des 1. FCM und Gästeparkplatz zurückzieht und somit erst die Möglichkeit für einen Sturm seitens der Heimfans eröffnet? Es muss die Frage erlaubt sein, warum die Polizei als Reaktion darauf mit massivem Wasserwerfereinsatz und auch rigidem Vorgehen von sofort nachrückenden BFE-Einheiten unabhängig vom Verursacherprinzip auf alles und jeden eindrischt, was sich in diesem Bereich befindet? Und es muss an dieser Stelle auch hinterfragt werden, warum es nach dem Einsatz der BFE erst der Landespolizei durch kommunikatives Handeln wieder gelingt, die Situation vor dem Stadion zu beruhigen? Durch solche Maßnahmen sehen sich letztlich wieder diejenigen bestätigt, die annehmen, dass es zumindest bestimmten Polizeieinheiten gar nicht darum geht, einen eskalationsfreien Ablauf zu garantieren. Und das insbesondere Fußballfans ohne Lobby und auch aufgrund ihres oftmals selbstverursachten Verhaltens ein gerngesehenes Übungsobjekt gerade für Eliteeinheiten der Polizei sind. Dass also auch bei den Ereignissen am Samstag sich ausgerechnet BFE-Einheiten negativ in den Vordergrund spielten, scheint aus dieser Sicht kein Zufall und bestätigt in gewisser Weise auch eine Studie über das Verhalten von BFE-Einheiten, die in der letzten Woche von der „Grüne Jugend Göttingen“ vorgestellt wurde (http://gj-goettingen.de/wp-content/uploads/2016/04/BFE_Broschu%CC%88re_10.04.16_o.pdf)

Was bleibt ist ein Derby, in der die Zahl der Verlierer die Zahl der Gewinner deutlich übersteigt. Statt der Berichte über ein wahrlich begeisterndes Spiel oder über eine stimmungsvolle Kulisse, dominieren die Negativ-Schlagzeilen seitdem die Presselandschaft. Neben verschiedenen Fangruppierungen, die zweifelsfrei und maßgeblich (!) ihre Aktie an den Geschehnissen rund um das Heinz-Krügel-Stadion haben, sollten sich jedoch auch weitere Akteure hinsichtlich ihres Handelns hinterfragen. Hierzu gehört der 1. FC Magdeburg, der offensichtlich nicht in der Lage oder Willens war auf eine Verspätung des Dresdener Sonderzuges entsprechend zu reagieren und somit abermals seine Führungsschwäche bezüglich fanrelevanten Themen untermauerte. Hierzu gilt der übertragende Sender, dem die Sendezeit offensichtlich wichtiger als die Sicherheit der Fans vor Ort am Stadion war. Hier sind alle in dieser Bewertung genannten Medien zu nennen welche unreflektiert und teilweise unkorrekt wertend Meldungen verbreiteten. Und hierzu zählt die Polizei, die bereits bei der Kommunikation im Vorfeld des Spiels einen dicken Bock schoss und deren Sicherheitskonzept weder vor, noch während noch nach dem Spiel Eskalationen verhinderte, sondern sie vielmehr zu fördern schien.

Schreibe einen Kommentar