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National

Fanhilfe Hannover kritisiert Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft

Autor: Robin Schwitzer Veröffentlicht: 22. Oktober 2014
Quelle: imago

Gestern veröffentlichte die Polizei in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Hannover eine Pressemitteilung über das Niedersachsenderby vom 08. November 2013 zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Die Mitteilung berichtet von 272 eingeleiteten Strafverfahren.

Die Fanhilfe Hannover beklagt, die Anzahl der Strafverfahren werde deutlich zu hoch dargestellt. Viele Ermittlungen seien bereits eingestellt worden. Mehr noch: Polizei und die Staatsanwalt würden die Öffentlichkeit täuschen. Bei früheren Vorfällen wie in Achim 2013 sei die Situation ähnlich gehandhabt worden. Dort resultierte aus 400 Strafverfahren keine einzige Strafanzeige.

„Die gewonnen Erkenntnisse der EG ‚Derby‘ ergaben einen Einblick in die Fanstrukturen. Diese intensiven Ermittlungsmaßnahmen führten nach polizeilicher Einschätzung auch dazu, dass die aktive Fanszene von Hannover 96 die Bundesligaspiele derzeit meidet. Auch in Zukunft werden intensive Maßnahmen durchgeführt, um Gewalt und Straftaten im Zusammenhang mit Fußballspielen zu verhindern und Gewalttäter zu ermitteln“, heißt es in der Mitteilung der Polizei.

Hannovers Fanhilfe kritisiert auch, dass die Ermittlungsmaßnahmen des Derbys als Grund für die Abwanderung der Ultras zu Hannovers Zweiter Mannschaft genutzt werde. Informationen über den immer noch anhaltenden Konflikt zwischen aktiver Fanszene und Vereinspräsident Martin Kind seien in der Mitteilung bewusst zurückgehalten worden.

Hier die komplette Mitteilung der Fanhilfe Hannover im wortlaut:

Fanhilfe Hannover irritiert über die gemeinsame Pressemitteilung der Polizeidirektion Hannover und der Staatsanwaltschaft Hannover

Wie die Polizei und die Staatanwaltschaft heute bekannt gaben, sind die Ermittlungen der Ermittlungsgruppe „Derby“ nahezu abgeschlossen. 105 Tatverdächtige sind ermittelt und 272 Strafverfahren eingeleitet worden. Die Fanhilfe ist irritiert, dass eine derartige Pressemitteilung heute bereits erging, obwohl bisher nicht ein Tatverdächtiger aus der Fanszene von Hannover 96 rechtskräftig verurteilt worden ist. Vielmehr liegen der Fanhilfe Hannover Informationen Betroffener vor, dass zahlreiche erhobene Tatvorwürfe sich nicht bestätigt haben und die Ermittlungen bereits eingestellt worden sind.
(http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/66841/2860183/pol-h-gemeinsame-presseinformation-der-staatsanwaltschaft-hannover-und-der-polizeidirektion-pd)

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Hierbei zeigen sich Parallelen zu den Vorfällen von Achim im Februar 2013. Damals leiteten die Polizeibehörden über 400 Ermittlungsverfahren ein, die nach monatelangen Ermittlungen ausnahmslos eingestellt wurden. Nicht einem Fan konnte ein strafbares Verhalten nachgewiesen werden. Auch damals prahlte die Polizei gegenüber der Öffentlichkeit mit der hohen Zahl an eingeleiteten Verfahren. Selbiges ist mit der heutigen Pressemitteilung und mit den jüngsten Meldungen rund um das Amateurderby zwischen dem BTSV und Hannover 96 geschehen. „Wir sehen dahinter Methode und letztlich den Versuch der bewussten Desinformation der Öffentlichkeit,“, merkt Florian Meyer von der Fanhilfe Hannover an.

Mit großem Unverständnis nimmt die Fanhilfe zudem zur Kenntnis, dass scheinbar mehrere szenekundige Beamte der Polizei Hannover nicht in der Lage waren, den jahrelangen Streit zwischen Vereinsführung und aktiver Fanszene als Grund für das Fernbleiben der aktiven Fans bei den Spielen der ersten Mannschaft zu erkennen. „Es ist uns schleierhaft, wie man seitens der Polizei ernsthaft annehmen kann, dass die bloße Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen bisher ausschließlich Tatverdächtige dazu geführt haben soll, dass eine drei-
bis vierstellige Anzahl von Fans die Spiele der ersten Mannschaft meidet“, sagt Florian Meyer.

„Uns drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass auf die Polizei ein großer Ermittlungsdruck durch das Innenministerium ausgeübt wurde, unter dem jetzt Ergebnisse erbracht werden mussten. Insbesondere das Thema Pyrotechnik ist bereits von Gerichten als einfache Ordnungswidrigkeit eingestuft worden. Ob eine Kostenumlage überhaupt rechtlich möglich ist, ist zudem ebenfalls erst einmal grundsätzlich zu klären.“, fährt Meyer fort.

In diesem Zusammenhang kritisiert die Fanhilfe Hannover erneut die Vergabe von 14 Stadionverboten im Rahmen der bisherigen Ermittlungen. „Wie bereits angesprochen, ist bisher keine Person einer Straftat überführt worden. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. Mit der Vergabe der Stadionverbote untermauert der Verein Hannover 96 lediglich erneut, dass er rechtsstaatliche Prinzipien mit Füßen tritt.“, so Meyer weiter.

Bereits im Rahmen des Rückspiels Eintracht Braunschweig – Hannover 96 hatte der Verein unter Druck des Innenministeriums mehreren hundert Anhängern die Herausgabe der Tickets verweigert. Die Fans klagten gegen dieses Vorgehen. In allen der bisher abgeschlossenen Verfahren hatte der Verein vor Gericht Niederlagen einstecken müssen. Bei den noch ausstehenden Verfahren hat Hannover 96 bereits die Kostenübernahme der Verfahren erklärt, was als Schuldeingeständnis zu werten ist.

Sollten sich die erhobenen Tatvorwürfe in einigen Fällen als unberechtigt erweisen, schließt die Fanhilfe Anzeigen gegen Ermittlungsbehörden nicht aus. Sofern der Anfangsverdacht nicht ausreichend begründet war und dafür unverhältnismäßige Maßnahmen seitens der Ermittler angewendet worden sind, wie in diesem Fall massive Eingriffe in die Privatsphäre, wird die Fanhilfe allen Betroffenen Fans zu rechtlichen Schritten gegen die Polizei raten.

rs