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Hintergründe

Fan-Debatte im Vereinigten Königreich

Autor: Moritz Gutscher Veröffentlicht: 17. Oktober 2014
Quelle: imago

In Großbritannien haben die Debatten um Fan-Rechte und fanfeindliche Entwicklungen nun auch den Wahlkampf für das britische Unterhaus erreicht. Anlass für einen kurzen Überblick der jüngsten Entwicklungen im sogenannten Mutterland des Fußballs.

Die britische Arbeiter-Partei schlägt nun vor, dass Fanvertreter ihres Klubs einen ständigen Sitz im Vorstand haben sollten. Außerdem sollen die Fans im Falle eines Besitzerwechsels die Möglichkeit haben, Anteile des Vereins zu kaufen. Derzeit haben  14 britische Erstligisten eine Fanvertretung im Vorstand, Anteile am eigenen Klub besitzen nur die Anhänger von Swansea City (Der Swansea City Supporters Trust hält 20 Prozent). In Zukunft sollen Anhänger bis zu 25 Prozent besitzen können, mindestens aber 2 Prozent. Damit hätten Supporter in England zwar keine Mehrheitsrechte, aber immerhin Mitspracherecht, mehr Einfluss und Einblick in die Finanzen und Entscheidungen ihrer Vereine.

Derweil kündigte die konservative britische Regierung in dieser Woche die Einrichtung einer Expertengruppe an, die sich insbesondere mit Fußballfans, Fanrechten und Fankultur auseinander setzen soll. Ein Auslöser dafür waren die anhaltenden Proteste gegen die hohen Ticket-Preise im Vereinigten Königreich. Wie die BBC ausgerechnet hat, stiegen die Preise für die günstigsten Eintrittskarten seit 2011 um 13 Prozent an. Das ist beinahe doppelt so viel wie der Anstieg der normalen Lebenshaltungskosten (6,8 Prozent) und weit höher als allein durch die Inflationsrate zu erklären. Der durchschnittliche Kartenpreis in der Premier League beträgt rund 46 Euro.

Am teuersten sind die Tickets demnach in London, bei Spielen von Arsenal FC. Sowohl die Tageskarten (bis zu 121 Euro) als auch die Saison-Tickets (mindestens 1270 Euro) sind teurer als die der Konkurrenz. Viele englische Fans blicken daher sehnsüchtig nach Deutschland, trotz oder gerade wegen der hiesigen Debatten und Aufsehen erregender Aktionen wie Kein Zwanni. Die Premier League-Klubs gaben im letzten Transfer-Fenster netto 492 Millionen Euro aus, die deutschen Vereine nur gut 92 Millionen. Zwar erhalten die britischen Klubs auch deutlich mehr Fernsehgelder und Sponsoring-Einnahmen, doch schlägt sich der hohe Geldbedarf auch in den Ticketpreisen nieder.

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Viele Vereine erkennen die Problematik als solche und entlasten Fußballfans vereinzelt durch Aktionen nach einer ligaweiten Übereinkunft. Einflussreiche Fan-Organisationen wie Supporters‘ Direct beklagen sich seit Jahren über die anhaltenden fan-feindlichen Entwicklungen im Mutterland des Fußballs. Das größte Symposium in dieser Hinsicht markiert das jährlich stattfindende Supporters‘ Summit im Wembleystadion, bei dem sich hochrangige Verantwortliche und Dutzende Fan-Vertreter über fanrelevante Themen austauschen.

Einen alternativen Weg gehen die sogenannten Fan-Vereine. Klubs, die sich komplett in der Hand ihrer Anhänger befinden. Bekannteste Vertreter ihrer Art sind wohl der FC United of Manchester und der AFC Wimbledon. Letzterer spielt in der dritten englischen Liga, wo mit Exeter City, Portsmouth, und den Wycombe Wanderers weitere Klubs antreten, die zu 100 Prozent den eigenen Fans unterstehen. Vergleichbar wäre hierzulande beispielsweise der HFC Falke, der von verprellten HSV-Fans nach einer wegweisenden Mitgliederkonferenz gegründet wurde. Auch der FC United entstand nach einschneidenden Veränderungen: Die Fans des britischen Rekordmeisters mussten ihre Anteile abgeben, als der Verein 2005 von der Glazer-Familie gekauft wurde.

 

Die jüngsten Versprechungen der Politik sieht die damals betroffene Treuhandgesellschaft Manchester United Supporters Trust (MUST) daher mit Skepsis: „Fußballfans wurde von folgenden Regierungen eine Menge versprochen, in der Realität aber konnte man keine bedeutenden Veränderungen erkennen.“ Die Fans wehren sich seit Jahren, Beachtung fanden sie selten. Einst stand der englische Fußball für Stimmung und Ursprünglichkeit, davon ist in Zeiten des modernen Fußballs nicht mehr viel übrig geblieben. Die neuen Vorschläge von Seiten der Politik deuten darauf hin, dass man die Problematik zumindest erkannt hat. Sollte die Labour-Partei nach den Wahlen im nächsten Jahr der Regierung angehören, muss sie sich an ihren Versprechen messen lassen. 

moG