Anzeige

Hintergründe

„Es wird nicht zu verhindern sein“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 27. Dezember 2014
Quelle: Privat

Wir schreiben das Jahr 2019. In der Bundesliga spielen mittlerweile Vereine wie der FC Audi Ingolstadt, VW Wolfsburg und der FC China Shipping Rostock. Red Bull Leipzig ist zweimaliger deutscher Meister und die 50+1-Regel gibt es seit dem 23. März 2015 auch nicht mehr. Nur Spinnerei oder bald Realität?

Der Journalist Philipp Schneider hat sich solch ein Szenario ausgemalt und begleitet im Blog „Borussia 2019“ seinen Herzensverein Borussia Mönchengladbach durch die fiktive Spielzeit 2019/2020 mit all ihren modernen Begleiterscheinungen. Fanzeit nahm er mit auf eine Reise in Zukunft.

Herr Schneider, wie kamen Sie auf die Idee, eine Bundesliga-Saison der Spielzeit 2019/20 Spieltag für Spieltag in einem Blog aufzuarbeiten?
Die Idee resultierte aus den Diskussionen, die in den letzten zwei, drei Jahren rund um RB Leipzig aufgekommen sind. Ich kenne so eine ähnliche Situation ja schon hier aus Österreich, wo Austria Salzburg 2005 von Red Bull übernommen wurde. Das war damals ein Vorgehen, das mir als eher traditionsbewusstem Fußballfan nicht sehr sympathisch war. Als das Thema in Leipzig dann immer präsenter wurde, habe ich mich gefragt was kann ich tun? Andere Leute schreiben Hass-Postings oder beschimpfen Red Bull, ich wollte eher den kreativeren Ansatz wählen. So entstand im Sommer die Idee, ein fiktives Online-Fanzine zu gestalten, das Borussia Mönchengladbach und die anderen Vereine durch die Saison 2019/20 begleitet. Damit will ich aufzeigen, was allen Fans von Bundesliga-Vereinen drohen kann, wenn sich Vereine wie RB Leipzig, die als Marketinginstrument von Unternehmen gegründet wurden, in Deutschland langfristig durchsetzen.

Wer steckt alles hinter dem Blog?
Das Inhaltliche kommt von mir, die Bilder steuert eine Freundin bei.

Anzeige

Wenn man sich die Spielerkader der Bundesligisten in der Saison 2019/20 ansieht, entdeckt man etliche Namen unbekannter Spieler, die es aber tatsächlich gibt. Wie sind Sie bei der Kaderplanung vorgegangen? Bei Borussia Mönchengladbach spielt beispielsweise ein gewisser Alesh Sawant aus Indien.
Auf Alesh Sawant bin ich durch einfaches Googlen gekommen. Der Verein Borussia Mönchengladbach wird sich in fünf Jahren wahrscheinlich noch internationaler ausgerichtet haben. Da ist mir dann Indien als möglicher Zielmarkt eingefallen, auch was Borussias fiktiven Sponsor Kingfisher betrifft. Indien ist zudem durch die Gründung der Super League ein aktuelles Thema. Aus der indischen Liga habe ich also einen Spieler gesucht, der vom Alter und der Position her in die Mannschaft passen würde. Ansonsten sind die Kader eine Mischung aus Spielern, die jetzt schon bei dem jeweiligen Verein spielen und dies vom Alter her in fünf, sechs Jahren auch noch tun könnten, Spielern aus den Nachwuchsmannschaften des DFB und jungen Leuten aus dem Ausland, die vielleicht einmal den Sprung in die Bundesliga schaffen können.

Das klingt alles sehr aufwendig. Können Sie einschätzen, wie viel Zeit die Kaderplanung insgesamt in Anspruch genommen hat?
Das ist schwer zu sagen, weil ich auch oft zwischendurch daran gearbeitet habe, wenn ich halt gerade mal Zeit hatte. Unter dem Strich habe ich bestimmt vier Wochen gebraucht. Man schreibt ja auch nicht immer alles sofort auf, sondern überlegt erst einmal eine ganze Weile.

Ist es nicht schwierig über dieses riesige Konstrukt, das Sie entworfen haben, mit all seinen Zusammenhängen den Überblick zu behalten?
Natürlich. Manchmal verteufle ich mich dafür, dass ich im Sommer die Idee hatte und das Projekt gestartet habe, weil dafür wirklich viel Zeit draufgeht. Jeden Montag und jeden Freitag schreibe ich die Vor- und Nachberichte zum jeweiligen Spiel. In den Länderspielpausen veröffentliche ich dann andere Dinge, wie zum Beispiel das fiktive Interview mit Alesh Sawant. Aber es ist natürlich sehr zeitaufwendig. Was zum Beispiel Trainerentlassungen angeht, ist Borussia2019 vielleicht etwas unrealistisch, weil bei mir im November 2019 erst ein Trainer ausgewechselt wurde. Und das war Lucien Favre, der von sich aus bei RB Leipzig gekündigt hat. In der Realität wären zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon drei bis fünf Trainer entlassen worden. Das aktuelle Geschehen der Saison 2019/20 versuche ich eher via Twitter abzudecken, der Blog bildet das Gerüst.

„Ich sehe bei Projekten wie RB Leipzig die Gefahr, dass solche Vereine und vor allem Nachahmerprojekte die Bundesliga immer mehr in Beschlag nehmen“

Für wie realistisch halten Sie ihre Zukunftsvision denn insgesamt? Ist es ein Szenario, das die Fußballfans in Deutschland zwangsläufig erwartet?
Es ist natürlich in vielen Bereichen überspitzt formuliert, damit das Ganze auch unterhaltsam ist. Schon heute gibt es ja eine Reihe von Firmeninvestments in Vereine der Fußball-Bundesliga. An der FC Bayern AG sind mit Audi, Allianz und Adidas bereits drei Firmen beteiligt. Und dennoch unterscheiden sich diese Investments meiner Meinung nach vom Red Bull-Produkt in Leipzig. Man kann den FC Bayern mögen oder auch nicht. Aber die Münchner wurden im Jahr 1900 nicht von Audi und Adidas gegründet und zur Unterstützung des eigenen Marketings in die Bundesliga geschickt, sondern der FC Bayern hat sich den Erfolg über Jahrzehnte selbst erarbeitet. Grundsätzlich sehe ich bei Projekten wie RB Leipzig die Gefahr, dass solche Vereine und vor allem Nachahmerprojekte die Bundesliga immer mehr in Beschlag nehmen. Sollte die 50+1-Regel eines Tages wirklich komplett wegfallen, erscheint es mir nicht unrealistisch, dass auch andere Unternehmen, die den Erfolg von RB Leipzig sehen, ihre eigenen Marketingaktivitäten in diese Richtung weiterentwickeln und sich ihren eigenen Fußballverein zusammenschnitzen.

Auf Seite 2: „Ich gönne es den Leuten in Leipzig, dass sie wahrscheinlich bald einen Bundesligaverein haben.“