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Interviews

„Es sind die Kurven, die die deutsche Fußball-Landschaft so einzigartig machen.“

Autor: Sören Stephan Veröffentlicht: 13. August 2014
Quelle: imago

Hansi Küpper gehört zu den bekanntesten und erfahrensten deutschen Fußballkommentatoren. Seit fast 25 Jahren moderiert der gebürtige Essener das Geschehen in der Bundesliga und in den Europapokalwettbewerben.

Neben seiner Kommentatorentätigkeit fällt er den Fußballfans des Landes durch seine offene Art im Umgang mit Fanthemen auf. In Fußball-Talkshows ergreift er immer wieder Partei für Fußballfans.

Im Interview mit fanzeit spricht Hansi Küpper über fanunfreundliche Spielterminierungen, Einschränkungen von Fanuntensilien und den Unterschied zwischen einem Haupttribünenplatz und dem Platz im Fanblock.

 

Hansi Küpper, aufgrund ihrer Kommentatorentätigkeit für Sport1 sind Sie regelmäßig in den Stadien der zweiten Bundesliga. Wie bekommen sie die Stimmung auf den Kommentatorenplätzen mit?

Ich habe in der vergangenen Saison unter anderem die Spiele St. Pauli – Dresden, Dresden – München 1860, Kaiserslautern – Köln und Köln – München 1860 kommentiert. Was bei uns in der zweiten Liga in punkto knisternde Stadionatmosphäre abgeht, dürfte so manchen Besucher der italienischen Serie A oder der Primera Division in Spanien vor Neid erblassen lassen! Wenn zwei große Traditionsclubs unter Flutlicht aufeinandertreffen, wird’s automatisch laut. Vor diesem Hintergrund habe ich den Abstieg von Dynamo Dresden tief bedauert.

 

Immer öfter werden Proteste seitens der Fanszenen laut, die die fanunfreundliche Terminerungen von Spieltagen beklagen. Wie fanzeit berichtete, wurde der Fanszene des FC St. Pauli der Negativpreis „SAM“ (=SpielAnsetzungsMonster) verliehen, da die Fans an den ersten beiden Auswärtsspielen der 2.Bundesliga einmal Freitags und einmal Montags insgesamt 1231 Kilometer reisen müssen. Von der 1. bis zur 3. Liga findet man etliche solcher Beispiele allein schon für die ersten Spieltage. Wie sehen Sie diese Problematik?

Dass das den Allesfahrern viel abverlangt, ist unstrittig. Und Faninteressen sollten – das sage ich nicht so daher – grundsätzlich ernst genommen werden. Auf der anderen Seite wird Pauli selbst bei ausgewogenster Einteilung als nördlichster Verein in einer Liga mit vielen Südlichtern immer den SAM bekommen. Das ist eine Frage der Grundrechenarten.

 

Was spricht aus ihrer Sicht gegen die 300 Kilometer-Regel, die besagt, dass Sonntagsspiele in der ersten Liga, Montagsspiele in der zweiten Liga, Freitagsspiele in beiden Ligen und Ansetzungen in „Englischen Wochen“  für anreisende Fans möglichst nicht weit auseinander liegen sollen? 

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Aus Sicht des Fernsehsenders und – nicht zu vergessen des Fernsehzuschauers – spricht so gut wie alles gegen die 300 Kilometer-Regel. Den Herzblutverein St. Pauli, der für Stimmung und meist für Spitzenfußball steht, dürften wir dann nur noch gegen Braunschweig zeigen. Selbst die Begegnung bei Union Berlin wäre tabu, weil auf dem Weg vom Millerntor zur alten Försterei die 300er Marke am Alexanderplatz geknackt wird. Und die Spiele, die für ein Millionenpublikum interessant sind, weil Nürnberg, Lautern, Düsseldorf oder Union nun einmal die Menschen bewegen, wären für uns kein Thema. Das kanns nicht sein. Wir hatten zuletzt beim Wahnsinnsspiel auf dem Betzenberg gegen die Löwen übrigens eine Millionenquote. Es gibt auch viele Fans, die sich freuen, wenn sie ihren Verein an einem Montag live im Free-TV erleben können.

 

Bekommen Sie es als Reporter mit wenn, eventuell terminierungsbedingt, weniger Fans im Gästeblock sind als bei anderen Spielen? 

Jetzt kann natürlich jeder sagen: „Der ist vom Fernsehen. Der muss so reden.“ Aber Fakt ist, dass die Stimmung am Montag fast immer überragend ist. Das liegt natürlich am Flutlicht und an der Tatsache, dass montags halt in der Regel ein Spitzenspiel steigt. Wenn ich nur an das Spiel der Vorsaison St. Pauli gegen Dynamo denke: während der 90 Minuten die üblichen Proteste gegen den Montag, aber vom Anpfiff bis lange nach Abpfiff Gänsehautstimmung pur.

 

Wie stehen Sie zum Empfehlungsschreiben des DFB, dass an die Vereine der ersten drei Ligen geschickt wurde und die Freigabe von bestimmten Fanutensilien in den Gästeblöcken empfiehlt? 

Ich würde bis auf Pyro alles freigeben. Es sind die Kurven, die die deutsche Fußball-Landschaft so einzigartig machen. Sie machen europaweit die Bundesliga und auch die zweite Liga zu Stimmungshochburgen. Und im übrigen bin ich dafür das Wort FAHNENPASS zum Unwort des Jahres 2014 zu wählen.

 

Sie sind selbst bekennender Fan von Borussia Dortmund und kennen Stadien nicht nur vom Kommentatorenplatz, sondern auch von den Stehtribünen der Liga. Was ist für sie der Unterschied zwischen einem Platz auf der Haupttribüne und dem in der Kurve bzw. dem Stehblock?

Ich habe 2013 beim Halbfinale Real gegen den BVB mit meiner Frau unsere Haupttribünenkarten gegen Karten im Block getauscht. Das war deutlich billiger. Dann haben wir festgestellt: 90 Minuten mittendrin, noch dazu bei so einem Spiel im Bernabeu, das ist harte Arbeit. Ich bin jetzt 53 und ich werde mich in der Regel für die Haupttribüne entscheiden. Allerdings hab ich mich auch schon dabei ertappt, dass ich – wenn das Spiel auf der Kippe stand – meinen Nachbarn sinngemäß gesagt hab: „Unsere Jungs auf dem Rasen haben gerade ein Problem. Die brauchen uns jetzt. Würdet Ihr bitte aufstehen?“

 

st