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Hintergründe

Eine Geschichte der Abneigung

Autor: Maximilian Gehrmann Veröffentlicht: 12. März 2015
Quelle: imago

Am kommenden Wochenende kommt es zum Bundesliga-Duell zwischen Hertha BSC und dem FC Schalke 04. Die beiden Vereine pflegen eine jahrelange Feindschaft, doch was sind die Gründe für diese untypische Rivalität?

„Vorwärts Schalke!“ hallt es urplötzlich durch das weite Rund des Berliner Olympiastadions. Die 70.000 Zuschauer drehen ihre Köpfe in Richtung des Gästeblocks, aus dem der Schlachtruf ertönte und verlieren für einen kurzen Moment das zähe Treiben auf dem Rasen aus den Augen. An diesem November-Nachmittag gastiert der FC Schalke 04 beim Aufsteiger Hertha BSC Berlin und es läuft gut für die mitgereisten Anhänger aus dem Ruhrgebiet. Ihr Team führt durch einen Kopfballtreffer von Adam Szalai mit 1:0. Das sportliche Geschehen rückt jedoch in den Hintergrund, nachdem die Berliner Fringe Group im Oberrang, über den Köpfen der Schalker ein Transparent mit der Aufschrift „Schalke ist, wenn der Furz wat wiegt“ entrollt. Mit diesem Streich schrieben die Berliner ein weiteres Kapitel in einer Geschichte der Abneigung. Doch woher rührt dieses Verhältnis zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC? Die üblichen Kriterien einer Fußballfeindschaft greifen hier zu kurz.

Ursache der gegenseitigen Abneigung sind weder politische (Roter Stern Belgrad gegen Dinamo Zagreb), religiöse (Celtic Glasgow- Glasgow Rangers) noch soziale Differenzen (Boca Juniors gegen River Plate). Auch der geographische Aspekt spielt bei diesem Duell keine Rolle: Beide Klubs trennen über  500 Kilometer. Um diese Fehde zu erklären, bedarf es eines Blicks in die Vergangenheit.

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Herthas umstrittener Abstieg in der Saison 1964/65: Nachdem den Berlinern damals noch verbotene Handgeldzahlungen und die Zahlung zu hoher Gehälter nachgewiesen werden konnten, wurde ihnen die Lizenz für die Bundesliga entzogen. Profiteure waren der Karlsruher SC und eben jener FC Schalke 04, obwohl beide Mannschaften sportlich hätten absteigen müssen.

Eine weitere Belastung erfuhr das Verhältnis beider Fanlager 1971 durch den Bundesliga-Skandal. Der ungarische Torjäger Zoltan Varga sollte eine Extraprämie von 40.000 DM bei einer Niederlage seiner bereits geretteten Hertha gegen die abstiegsbedrohte Arminia aus Bielefeld erhalten. Infolgedessen wurde er zwar mit einer Vorsperre belegt, jedoch konnte er vor dem Berliner Landgericht eine Spielberechtigung für die anstehende Pokalbegegnung gegen Schalke erwirken. Nach einer 1:3-Hinspielniederlage im Gelsenkirchener Parkstadion konnte die Berliner Hertha das Rückspiel auch dank eines stark aufspielenden Zoltan Varga mit 3:0 für sich entscheiden. Der Einzug in die nächste Pokalrunde schien erreicht. Doch Schalke legte Einspruch ein und bekam recht. Der DFB wertete die Partie am Grünen Tisch mit 2:0 für Königsblau. Die Verstrickung in den Bestechungsskandal von sieben Schalker Spielern, die in Berlin auf dem Platz standen, flog erst später auf. Um eine Sperre zu umgehen, schworen sie sogar unter Meineid ihre Unschuld. Der spätere Pokaltriumph der Schalker stellte aus Berliner Sicht den Sargnagel für das Verhältnis zu den Königsblauen dar.

Die von Schalker Seite oftmals proklamierte Einseitigkeit dieser Fehde lässt sich allerdings nicht ganz aufrecht erhalten. Vor allem Mitglieder der „Gelsenszene“ und der „Hertha-Frösche“ nutzten in den 80er Jahren die gelegentlichen Auftritte der Hertha gegen unterklassige Teams aus dem Ruhrgebiet, um die gegenseitige Ablehnung auszuleben. Auch heute noch werden die Spiele gegen Hertha BSC im „blauen Brief“, dem Kurvenblatt der Ultras Gelsenkirchen, als Spiele gegen die „alte Schlampe“ betitelt und auch die Ausschreitungen im Anschluss an die letzte Begegnung der beiden Manschaften lassen den Stellenwert der Berliner für die Schalker Fanszene erahnen.

Am kommenden Wochenende stehen sich die beiden Vereine im Berliner Olympiastadion wieder gegenüber und da eine Rivalität gepflegt werden will, darf man gespannt darauf sein, wie sich diese auf dem Platz und auf den Rängen ausdrückt.