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Hintergründe

„Ein Stadion ohne Support ist wie fernsehen“

Autor: Florian Nussdorfer Veröffentlicht: 19. Januar 2016
Quelle: imago

Hannover 96 konnte am Ende der letzten Spielzeit vermutlich auch deshalb den Klassenerhalt feiern, weil die Mannschaft im Endspurt der Saison wieder auf die Unterstützung der aktiven Fanszene bauen konnte. Wie es nach der Versöhnung weitergeht und wie sich das Verhältnis zu Martin Kind und seinen Übernahmeplänen des Vereins derzeit gestaltet, darüber sprachen wir mit einem Vertreter der Roten Kurve, des unabhängigen Fan-Dachverbands. 

 

Seit gut neun Monaten ist die aktive Hannoveraner Fanszene wieder im Stadion vertreten. Wie hat sich die Stimmung im Niedersachenstadion seitdem entwickelt?
Mit der Rückkehr der aktiven Fanszene ins Niedersachsenstadion, ist auch der organisierte Support der Ultras wieder im Stadion vertreten. Der organisierte Support ist für das Erlebnis im Stadion ein absoluter Gewinn. Im „Supporters-Block“ wird seit Saisonbeginn wieder 90 Minuten konsequent alles für die Mannschaft gegeben. Sicherlich ist das immer noch ausbaubar, gerade was die Einbeziehung der Gerade angeht – da ist aber auch jeder Fan selber danach befragt, was er sich von einem Stadionbesuch verspricht.
Meine persönliche Meinung dazu ist: Ein Stadion ohne Support ist wie fernsehen; und das tut man zuhause.

Die Rückkehr der Ultras war seitens des Vereins mit einigen Zugeständnissen an die Fanszene verbunden. Haben diese dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Fans und Verein nachhaltig zu verbessern oder gibt es nach wie vor Probleme?
Das Ganze ist, unserer Meinung nach, als ein Prozess anzusehen. Der jetzige Zeitpunkt ist noch zu früh, um beurteilen zu können, wie nachhaltig diese Vereinbarung ist. Wie viel Wert diese Vereinbarung hat, wird sich feststellen lassen, wenn es zu ersten gravierenden Meinungsverschiedenheiten kommt. Dass diese kommen werden, ist – denke ich – normal. Die Frage ist, wie dann damit umgegangen wird. Es gilt jedoch ganz klar: Gegensätzliche Meinungen werden in Zukunft zuerst intern diskutiert und nicht in der Öffentlichkeit.

„Martin Kind hält sich seitdem mit öffentlichen Äußerungen zu Fan-Themen auffallend bedeckt, was wir sehr begrüßen.“

Welche Rolle hat die Rote Kurve bei der Versöhnung zwischen Fans und Verein gespielt?
Wir waren durch einen Vertreter der Roten Kurve in den Prozess mit eingebunden und haben nach besten Möglichkeiten versucht, im Interesse der Fans von Hannover 96 der Rolle als Dachverband der 96-Fans unseren Beitrag zur Aussöhnung zu leisten.

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Wie ist das Verhältnis zu Martin Kind? Hat sich das auch verbessert?
Auch hier gilt es abzuwarten, was die Zukunft bringt. Die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen bei Hannover 96 gestaltet sich derzeit sehr gut. Martin Kind hält sich seitdem mit öffentlichen Äußerungen zu Fan-Themen auffallend bedeckt, was wir sehr begrüßen.

Mittlerweile hat sich auch ein Fan-Beirat gegründet, der die Interessen der Fans gegenüber dem Verein vertreten soll. Wie sieht die Arbeit konkret aus?
Der Fan-Beirat befindet sich aktuell in einer „Findungsphase“; es geht nun erst einmal darum, ein Konzept mit konkreten Aufgaben und Themenfeldern zu entwickeln, wonach der Fan-Beirat dann arbeiten wird.
Unabhängig vom Fan-Beirat sehen wir uns von der Roten Kurve nach wie vor als Interessenvertretung der Fans von Hannover 96 gegenüber dem Verein. Wir waren und bleiben unabhängig und kritisch gegenüber dem Geschehen in unserem Verein.

„Wir haben kein Interesse daran, in Zukunft in einem Atemzug mit Vereinen wie Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen genannt zu werden.“

2018 wird Martin Kind wohl die Mehrheit der Stimmanteile an der ausgegliederten Profi-Abteilung übernehmen. Wie seht ihr diesem Schritt entgegen?
Ich würde gerne das „wohl“ in deiner Frage unterstreichen. Wir hoffen, dass hierzu das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Entsprechende Aktionen und Ideen werden aktuell intern diskutiert. Eins ist ganz klar – wir von der Roten Kurve haben kein Interesse daran, in Zukunft in einem Atemzug mit Vereinen wie Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen genannt zu werden. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Die Kapitalanteile sind bereits verkauft. Es gibt derzeit eine Initiativgruppe, die sich bemüht den Einfluss des e.V. auf die Profigesellschaft – also das 50+1 Konzept – zu erhalten. Wer sich über die aktuelle Entwicklung informieren will, kann sich auf der Seite www.pro-verein-1896.de oder bei Facebook ausführlich ins Thema einlesen. Sollte Weiteres spruchreif werden, werden wir euch informieren.

Ist die Gründung des Fan-Beirats in dieser Hinsicht vielleicht auch als vorbeugende Maßnahme zu verstehen, um die Berücksichtigung der Fan-Interessen zu wahren?
Der Fan-Beirat hat seine Arbeit gerade erst aufgenommen. Es ist zu früh, diese Frage zu beantworten. Fest steht, dass die Gründung des Fan-Beirates sicher keine Nachteile für die aktive Fanszene hat; eher im Gegenteil.

Zu Hochzeiten des Konflikts kam es dazu, dass sich die Rote Kurve als Verein auflöste und fortan als Interessengemeinschaft agiert hat. Warum kam es zu diesem Schritt? Und welche Vorteile seht ihr darin?
Diese Frage in ihren Einzelheiten zu beantworten, wäre zu umfassend. Kurz gesagt, die Steine, die uns in den Weg gelegt worden sind, wurden immer größer. Als unser Fan-Laden schließen musste, wurde der Roten Kurve ein wichtiges Standbein unter den Füßen weggezogen. Viel Enttäuschung und Resignation hatten zur Folge, dass sich einige verdiente Rote Kurve – Mitglieder zurückgezogen haben.
Der e.V. wurde daraufhin aufgelöst. Es gab jedoch einen neuen Kreis Aktiver, die immer noch voll und ganz hinter dem Supporters-Gedanken standen, der hinter der Roten Kurve steckt. Mit einer „jetzt erst recht“-Einstellung wurde der Roten Kurve neues Leben eingehaucht. „Die Rote Kurve ist tot, es lebe die Rote Kurve“, wir sehen uns weiterhin als unabhängige Interessenvertretung vieler 96-Fans und Fan-Clubs und wollen die Entwicklung in Hannover auch in Zukunft kritisch und konstruktiv begleiten.

Ist eine Rückkehr zur Form als eingetragener Verein vorstellbar?
Klar! Aber man muss schauen, inwieweit es notwendig ist. Aktuell besteht diese Notwendigkeit nicht, aber ausschließen sollte man so etwas für die Zukunft nicht. Wir haben ein großes Interesse daran, die Rote Kurve Schritt für Schritt wieder aufzubauen und ihr ein sicheres Fundament durch ehrenamtliches Engagement und Herzblut zu geben

Welche Themen liegen euch als Rote Kurve besonders am Herzen? Was wollt ihr in Zukunft angehen?
Allgemein ist uns alles wichtig, was den Fan beschäftigt. Eine zentrale Arbeit ist die Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung. So haben wir jedes Jahr ein für Fans kostenloses Musikfestival, das „SpaßGegenStumpf-Festival“, was wir organisieren. Das Festival ist eine feste Instanz und wird zur Saison 2016/2017 in seine zehnte Auflage gehen. Des Weiteren zu nennen sind der „AntiRa-Cup“, ein Fan-Turnier, welches wir unterstützen und die Aktion „Trinkbecher für Trinkwasser“, bei der gespendetes Becherpfand für Trinkwasserprojekte in Afrika gesammelt wird. Und natürlich gibt es viele weitere Themen, die Fans betreffen und interessieren; zum Beispiel ein sicherer Ticket-Zweitmarkt, ermäßigte Eintrittspreise für Arbeitslosengeld II -Empfänger, der Erhalt von 50+1 und so weiter – um nur einige zu nennen.