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National

„Ein Ausdruck von Ohnmacht“

Autor: Aaron Knopp Veröffentlicht: 11. Juni 2014
Quelle: HELICON_GerdHelinski

In der Nacht auf Dienstag erst versenkten mutmaßlich der Ultra-Szene von Union Berlin zuzurechnende Fans Sofas in der Wuhle, die eigentlich für das anstehende Public-Viewing-Event im Stadion an der Alten Försterei aufgestellt waren. Einen Tag später hat sich die Ultra-Gruppe Wuhlesyndikat mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit gewandt.

Wider Erwarten weisen die Verfasser jedoch deutlich darauf hin, dass es sich nicht um ein Bekennerschreiben handele. Gleichwohl äußern sie Verständnis für die Motive, die der Tat mutmaßlich zugrunde liegen. Nachdem Union Berlin in den letzten Jahren einen sportlichen Aufschwung erlebt hat und in der abgelaufenen Saison sogar lange ans Tor zur Bundesliga geklopft hat, fragen sich viele Alteingesessene bange, wohin die Reise nicht nur sportlich gehen wird. Nicht wenige sehen durch den Erfolg die einzigartige Fankultur des Köpenicker Klubs in Gefahr. Zumal nun zusätzlich durch ein Event wie das Wohnzimmer-Public-Viewing, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat.

Dabei kritisiert das Wuhlesyndikat auch den Verein und die Stadion-AG, die selbst noch vor wenigen Jahren mit Anti-FIFA-Plakaten geworben habe und nun ein derart aufwendiges Public Viewing für eine höchst umstrittene Weltmeisterschaft veranstalten. Nicht zuletzt stellt die Gruppe aber auch kritische Fragen an sich selbst und räumt indirekt ein, zu spät gegen das Public Viewing aufbegehrt zu haben.

 

Nachfolgend die Stellungnahme des Wuhlesyndikats im Wortlaut:

Liebe Unioner,

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zu allererst einmal müssen wir euch an dieser Stelle enttäuschen. Denn nein, dies wird kein Bekennerschreiben der Sofaterroristen. Vielmehr möchten wir diese Aktion zum Anlass nehmen, uns öffentlich zum WM-Wohnzimmer zu positionieren, denn anders als Dirk Thieme (Vorstandsvorsitzender der Stadion AG), vernehmen wir durchaus zahlreiche kritische Stimmen zum WM-Wohnzimmer aus unserem Umfeld, welches weite Teile der Fanszene des 1. FC Union abdeckt.

Wir meinen in der Versenkung dreier Sofas in der Wuhle einen gewissen Ausdruck von Ohnmacht eines Teils der Fanszene zu erkennen. Eine Ohnmacht, die sich aufgrund von rasanten Entwicklungen in und um unseren Verein einstellt. Diese Entwicklungen überollen die aktive Fanszene des 1. FC Union zunehmend. Auch das Fantreffen am vergangenen Dienstag war Ausdruck dessen und bestätigt die Sorgen großer Teile der Fanszene. Uns wird klar, dass spätestens jetzt Entscheidungen getroffen werden, die unseren Verein in den nächsten Jahren nachhaltig prägen werden.

Wie Union in diesen nächsten Jahren aussehen wird, hängt maßgeblich davon ab, wer die Menschen sind, die regelmäßig ins Stadion An der Alten Försterei pilgern. Das WM-Wohnzimmer ist nur eine von vielen Aktionen, die Einfluss darauf haben, wer diese Menschen sind. Genau hier setzt unsere Kritik an. Wir erwarten, dass sich der Verein genau darüber Gedanken macht, wenn er ein solches Event organisiert. Warum und für wen veranstaltet Union, respektive die Stadion AG, das WM-Wohnzimmer? Soll es die Identifikation der Unioner mit ihrem Stadion fördern? Oder soll sich vielmehr die Begeisterung eines breiten WM-Publikums für das Stadion auf Union übertragen und dazu führen, dass diese auch die Heimspiele des 1. FC Union besuchen. Ohne die Art, wie diese Menschen Fußball erleben, bewerten zu wollen, so ist es aus unserer Sicht doch in erster Linie der Konsum des Events, der hier im Vordergrund steht. Fans, so wie wir das Wort verstehen, sind sie jedoch nicht. Will Union diese Menschen also tatsächlich für Heimspiele begeistern? Warum wirbt Union für das WM-Wohnzimmer auch am Olympiastadion? Ist dies schlicht als kleine Provokation gedacht oder möchte man tatsächlich alle Berliner einladen? Wirklich ALLE, auch solche von anderen Vereinen? Welche Auswirkungen hätte all dies? Wollen wir Konsumenten oder wollen wir Fans? Wollen wir Berliner oder wollen wir Unioner im Stadion An der Alten Försterei?

Und noch eine Frage, die so offensichtlich ist, dass sie eigentlich schon gar nicht mehr gestellt werden muss. Ist der Verein/ die Stadion AG nicht selbst schuld, wenn er/ sie noch vor zwei Jahren mit Anti-Fifa-Plakaten für Stadionaktien wirbt? Ist es nicht logisch, dass sich jetzt einige Fans und Aktionäre betrogen fühlen, dass sie wütend sind, wenn plötzlich die Fifa-WM zum Event in eben jenem Stadion wird? Trägt der 1. FC Union hier nicht auch zu einer gewissen Radikalisierung von Teilen der Fanszene bei? Hätte man Fans und Aktionäre stärker in die Planung der Veranstaltung einbeziehen können oder sogar müssen?

Doch bei aller Kritik müssen auch wir uns hinterfragen. Gehen die Entwicklungen tatsächlich an uns vorbei oder haben wir es einfach nur versäumt, rechtzeitig Kritik zu äußern? Die Idee des WM-Wohnzimmers war immerhin schon lange bekannt. Haben wir es versäumt hier rechtzeitig genauer nachzufragen? Wäre nicht genug Zeit für einen kreativeren Protest gewesen? Kann diese Ohnmacht, die uns jetzt überkommt, also tatsächlich als Entschuldigung herhalten? Was bringt uns eine Radikalisierung und führen wir die ein oder andere Diskussion vielleicht auch zu emotional? Was sind eigentlich unsere sachlichen Gegenargumente?

Wir wollen mit diesen Zeilen vor allem etwas zu einer Diskussion um die Zukunft des 1. FC Union und seiner Fanszene beitragen. Wir wollen euch auffordern, diese Diskussion zu führen. Führt sie mit anderen Unionern, in euren Fanclubs, mit Verantwortlichen und Außenstehenden. Führt die Diskussion öffentlich, lasst andere und insbesondere auch die Verantwortlichen des Vereins an euren Gedanken teilhaben. Macht euch Gedanken über die Folgen, die die ein oder andere Idee haben könnte, auch wenn sie zunächst noch so toll und kreativ erscheinen mag.

Wuhlesyndikat im Juni 2014